Kunst und Literatur Georg Baselitz' Familiengeschichte in Lukas Rietzschels Roman "Raumfahrer"

Am Montag ist der Maler Georg Baselitz 85 Jahre alt geworden – der Künstler, der vor allem wegen seiner auf den Kopf gestellten Bilder weltweit bekannt ist. Dieser Aspekt hat den Autor Lukas Rietzschel aber weniger interessiert, als er sich für seinen Roman "Raumfahrer", der im Jahr 2021 erschienen ist, eingehender mit Baselitz beschäftigt hat. Hier erklärt er, wie er dazu kam und warum der Lausitzer Baselitz ihm näher ist als etwa der Dresdner Gerhard Richter.

Der Maler und Bildhauer Georg Baselitz, 2010
Der Maler und Bildhauer Georg Baselitz im Jahr 2010 vor seinen typischen umgedrehten Gemälden Bildrechte: dpa

Es war eine Begegnung, die Folgen haben sollte. Unerwartet, denn erst einmal war nichts daran ungewöhnlich, wie der Autor Lukas Rietzschel berichtet: "Das ist gar nicht so selten. Nach Lesungen, da kommt immer mal jemand und sagt: Herr Rietzschel, ich habe so ein spannendes Leben, da muss ein Roman draus werden."

Der Mann, der in diesem Fall auf Lukas Rietzschel zugekommen war, ist Günter Kern aus Kamenz: "Ich habe ihn beobachtet, habe seinen Roman 'Mit der Faust in die Welt schlagen' gelesen", erinnert sich Kern, "und der hat mich einfach angesprochen. Das ist eine neue Generation nach mir, und die guckt immer: Was habt ihr denn in der DDR gemacht, was habt ihr uns hinterlassen, mit dem wir fertig werden, welche Gesellschaft habt ihr uns hinterlassen?" Deshalb habe er Rietzschel angesprochen, und der sei sehr aufgeschlossen gewesen.


Der jüngere Bruder von Georg Baselitz

Wer den Roman "Raumfahrer" von Lukas Rietzschel kennt, dem wird der Name vertraut sein, denn auch dort gibt es einen Günter Kern, für den wiederum das Original Pate gestanden hat. Das Interesse des jungen Autors hatte der inzwischen 81-Jährige aus Kamenz mit zahlreichen gesammelten Dokumenten, Kopien aus dem Stasi-Unterlagen-Archiv, Fotos und in vielen Gesprächen schließlich mit seiner Lebensgeschichte geweckt.

Und es spielte noch ein Aspekt eine entscheidende Rolle: Günter Kern ist der jüngere Bruder von Hans-Georg Kern, besser bekannt als Georg Baselitz. Allerdings wollte Lukas Rietzschel keinesfalls eine Baselitz-Biografie verfassen. Stattdessen habe er den nicht-berühmten Teil der Familie zeigen wollen, erkärt er: "Georg Baselitz hat durch seine Kunst einen Weg gefunden, seine Familiengeschichte aufzuarbeiten. Das haben andere Familienmitglieder in der Form nicht gehabt. Insofern war das ganz reizvoll für mich."

Dennoch begann damit für Lukas Rietzschel auch eine intensive Auseinandersetzung mit dem Künstler und seinen Werken. Auslöser dafür war wieder eine unerwartete Begegnung, dieses Mal 2019 während der Biennale in Venedig in einer Baselitz-Retrospektive. Dort fand der Autor plötzlich in Bildern gespiegelt, was er aus den Erinnerungen des Bruders schon kannte. Besonders beeindruckt haben Lukas Rietzschel die Heldenbilder aus den 60ern, die vom Krieg zerschlissene, desillusionierte Männer, ihre geschundenen Leiber inmitten von Verwüstung zeigen. Etwas, das die Kern-Brüder auch vom eigenen Vater kannten.

Parallelen im Schaffen von Baselitz und Rietzschel

"Diese Erfahrung zu machen, diesen Mann wiederzusehen, das zu hinterfragen und gleichzeitig diese Schmerzen zu sehen, das findet sich in diesen Bildern wieder", erzählt Rietzschel. "Man weiß: Das sind keine Helden mehr. Und diese Nachkriegsschmerzen aufzuarbeiten – das rechne ich ihm wahnsinnig hoch an. Das ist, glaube ich, einmalig in dieser Form, auch so drastisch in der deutschen Kunstgeschichte."

Tatsächlich wurde Lukas Rietzschel bei seiner Beschäftigung mit den Bildern Baselitz' auf Parallelen aufmerksam – Techniken, die er als Autor in seinen Texten nutze, sagt Rietzschel: "Das war der Arbeitsschritt vor der Umkehrung der Motive. Und da sieht man: Hier nimmt jemand diese Geschichte und stellt sie noch nicht auf den Kopf, aber er zerrt daran, er zieht an beiden Enden, und irgendwann drehte sich das. Und dieses Verzerren, dieses Auseinandernehmen, das mache ich auf eine Art auch. Also ich kann mir das nicht zu eigen machen, ich kann Texte nicht auf den Kopf stellen, aber ich kann versuchen, einzelne Motive aufzunehmen, ich kann versuchen, sie zu verzerren und dadurch das, was ich ausdrücken möchte, zu Papier zu bringen."

Lukas Rietzschel
Der aus Görlitz stammende Schriftsteller Lukas Rietzschel wurde 2018 mit seinem Roman "Mit der Faust in die Welt schlagen" bekannt. Bildrechte: imago/Sven Simon

Baselitz' Bedeutung für die Lausitz

Wie in seinem Roman "Raumfahrer" der Protagonist Jan, so hat auch Lukas Rietzschel während der Arbeit am Buch den Künstler, der wie er in Kamenz aufgewachsen ist, für sich entdeckt. Allerdings beobachte er auch, dass der Name Georg Baselitz vielen in der Oberlausitz nicht geläufig ist, ebenso wie die immense Bedeutung des Künstlers.

Baselitz habe einen besonderen Stellenwert, "weil er in vielen seiner Gemälde diese Teichlandschaften versucht hat wieder aufzunehmen, die ich auch kenne. Das ist etwas, was mich automatisch näher an ihn herangerückt hat", so Rietzschel. "Ich kenne diese Farben, ich kenne diese Landschaft, ich kenne diese Vögel, die er da aufgenommen hat, das ist mir alles wahnsinnig vertraut, und deswegen ist er sehr viel näher dran für mich als zum Beispiel so ein Gerhard Richter." Und selbst wenn Lukas Rietzschel in "Raumfahrer" die Geschichte des Bruders Günter Kern verarbeitet hat, so hat er doch letztlich beiden, auch Georg Baselitz, ein literarisches Denkmal gesetzt.

Redaktionelle Bearbeitung: Hendrik Kirchhof

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. Januar 2023 | 17:10 Uhr

Mehr MDR KULTUR