Literaturtipp Georg Schmidt blickt auf die faszinierende Welt von Weimar und Jena um 1800

Wie hält man eine Gesellschaft zusammen, die durch politische und wirtschaftliche Umbrüche zu zerreißen droht? Eine Frage, die schon vor gut 200 Jahren die Intellektuellen beschäftigte. In Weimar und Jena lautete die Antwort: "Durch Schönheit zur Freiheit". Der Jenaer Historiker Georg Schmidt hat darüber ein Buch geschrieben, dass neue Sichtweisen auf die Historie und auf die Literatur bietet.

Buchcover: Georg Schmidt: Durch Schönheit zur Freiheit
Der Historiker Georg Schmidt führt in "Durch Schönheit zur Freiheit" in die faszinierende Welt von Weimar und Jena um 1800 ein. Bildrechte: C.H. Beck

Napoleon, der Weltgeist zu Pferde, reitet von Sieg zu Sieg. Deutschlands Herrscher liegen ihm zu Füßen, die einstige Militärgroßmacht Preußen in Trümmern. Keine guten Zeiten für Kultur und Kunst. Und doch die Blütezeit zweier Thüringer Kleinstädte: Weimar und Jena. Grund ist der dichterische Weltgeist Goethe. Unumstritten als Dichterfürst, entscheidet er als Minister über die Berufungen an die Jenaer Uni.

Er hat die großartige Idee, Jena könnte die Universität der Deutschen sein und Weimar eben das kulturelle Zentrum der Dichter, der Denker, der Künste und Musik.

Georg Schmidt Historiker Uni Jena

Goethe, Schiller, Herder, Wieland in Weimar, die Schlegelbrüder mit ihren Frauen, Novalis, der Philosoph Fichte und der Physiker Ritter in Jena stehen für die intellektuelle Blütezeit der nur eine Reitstunde entfernten Städte um 1800.

Kunst und Kultur als Grundlage eines alternativen Politikentwurfs

Über die Blütezeit Weimars sind schon Dutzende Bücher geschrieben worden. Georg Schmidts nähert sich dem Musenhof aus einem genuin politischen Blickwinkel: Er fragt nach den politischen Ideen, die Schiller, Goethe, die Schlegels oder Novalis verfolgten. 

War ihre Inszenierung des schönen Scheins ein unterschätzter und verdrängter alternativer Politikentwurf zur Revolution und immensen Beschleunigung der Moderne?

Georg Schmidt

Mit Ästhetik zur Freiheit – der neue Mensch

Autor Georg Schmidt
Der Historiker und Autor Georg Schmidt Bildrechte: C. h. Beck-Verlag

Georg Schmidt beantwortet seine rhetorische Frage mit einem eindeutigen Ja. Als Reaktion auf den blutigen Terror in Paris sucht man in Weimar und Jena nach einem anderen Weg, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit zu realisieren. Und der besteht nicht im Umsturz, unter dessen revolutionärer Hitze alles Althergebrachte und Ständische verdampft, sondern in der ästhetischen Erziehung des Menschen. "Vorurteile und Aberglauben" sagen sie ebenso den Kampf an wie "fragwürdigen Traditionen, vermeintlichen Sachzwängen und Alternativlosigkeiten" schreibt Georg Schmidt.

Die Weimar-Jenaer Dichter und Denker wollen vor allem die Entfremdung als Preis des Fortschritts aufdecken und überwinden. Sie hielten die Umschaffung des Menschen, nicht des Systems für vordringlich.

Georg Schmidt

Föderalismus statt Einheitsstaat

Literatur, Musik, Malerei sollen die Gefühle und Triebe der Menschen in ruhige Bahnen lenken, das Trennende zwischen den Menschen überwinden, Individuum und Gesellschaft verbinden. Der "schöne Schein" ist der "Katalysator" der von ihnen angestrebten "Gesinnungsveränderung". Erst müsse der Mensch kulturell gebildet werden, dann erst kann er seine Freiheit verantwortungsvoll nutzen, ist die Konsequenz der Weimarer aus dem Terror der französischen Revolution.

Auf der politischen Ebene sieht der studierte Jurist Goethe die deutsche Zukunft in der alten Reichsverfassung, die als Ausgleich zwischen den Ständen und auf die Wahrung der Rechte bedacht ist. Die dort fixierten Rechte und Freiheiten machen in den Augen Goethes eine Revolution überflüssig. Man müsse eben in Deutschland nur darauf achten, diese Rechte auch einzuhalten.

Goethe scheitert am Zeitgeist

 Was in den Jenaer und Weimarer Schreibstuben erdacht wurde, bleibt ohne politische Resonanz. Seit den Befreiungskriegen dominiert auch in Deutschland die Forderung nach einem Nationalstaat. Das föderale auf Ausgleich bedachte Deutsche Reich gilt seit dem 19. Jahrhundert als ein überlebtes, altmodisches Gebilde. Das hat auch Folgen für die Personen und Ideen, die Weimar und Jena um 1800 zum weltgeschichtlichen Ereignis machten, urteilt Georg Schmidt. Die Reichsgeschichte sei seit 200 Jahren von den Historikern stets "als eine Verlustgeschichte geschrieben worden". Goethe sieht das anders. Doch statt sich mit seiner Idee auseinander zu setzen, seien die Klassiker kurzerhand für unpolitisch erklärt worden.

Dass Goethe weiter schaute als seine Zeitgenossen, zeigt sich für Georg Schmidt im zweiten Teil des "Faust" mit seinen vielen Kaiserszenen. Goethe lässt die Reichsverfassung scheitern, die jeden "an seinem Platz ein vernünftiges Auskommen" gibt. Statt dessen setzen sich die "kapitalistischen Freiheiten" durch.

Diese kapitalistische Freiheit ist mit vielen Kollateralschäden verbunden  und mündet zum Schluss eben in die Katastrophe.

Georg Schmidt

Neue Sichtweisen auf Historie und Literatur

"Durch Schönheit zur Freiheit" bleibt eine Idee – eine gescheiterte, aber wirkmächtige, wie der Jenaer Historiker in seinem gleichnamigen Buch zeigt. Was Georg Schmidts Werk von den üblichen Büchern über den Weimarer Musenhof und die Jenaer Romantiker-WG der Brüder Schlegel unterscheidet, ist der Blick des politischen Historikers auf die Literatur. Wer neue Sichtweisen auf die Historie und auf die Literatur schätzt, wird in der "Welt von Weimar und Jena" bestens bedient.

Informationen zum Buch   Georg Schmidt: "Durch Schönheit zur Freiheit. Die Welt von Weimar-Jena um 1800"
Verlag C.H.Beck
384 Seiten, Hardcover
ISBN: 978-3-406-78556-6

Mehr Kulturthemen aus Thüringen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Juni 2022 | 17:40 Uhr

Mehr MDR KULTUR