Jubiläumsband Geraer Haus der Kultur: Bildband zu DDR-Bau heizt Debatte an

Im Oktober 1981 wurde das "Haus der Kultur" in Gera eröffnet, das heute "Kultur- und Kongresszentrum" heißt. Kenner der Architektur schwärmen von dem einstigen Kulturhaus des Bezirks Gera als dem "Palast der Republik im Kleinen". 40 Jahre wird dieser nun alt und im Herbst will sich die Stadt zu ihrem stadtbildprägenden Monolith neu positionieren und damit sicherlich heiße Debatten beflügeln. Im Vorfeld ist nun eine Gedenkschrift für das mit knapp 24.000 Quadratmetern größte Veranstaltungshaus in Ost-Thüringen erschienen.

Jubiläumsband zum Haus der Kultur Gera
Seit mehr als 40 Jahren sorgt das Gebäude für Aufsehen in Gera. Bildrechte: Wolf-Dieter Volkmann

Den Leinen-Einband in Beige kennt der eine oder die andere vielleicht noch aus DDR-Tagen. Auch Satz und Typografie des Titels "Haus der Kultur Gera", der in den Frontdeckel gestanzt wurde, erinnern an vergangene Zeiten. Nur das leuchtende Orange der Schrift und des Vorsatzpapiers verweisen darauf, dass vielleicht doch spätere Grafikdesigner am Werke waren: "Copa-Ipa", das "Büro für Gestaltung" in Weimar.

Jubiläumsband zum Haus der Kultur Gera
Schon das Design des Einbands erinnert an die DDR. Bildrechte: Christoph Liepach

Ein Blick auf den Rückdeckel verortet die Betrachterinnen und Betrachter klar im Heute: Ein Foto der Außenansicht inszeniert in Farbe die ostmoderne Architektur des heutigen Geraer Kultur-und Kongresszentrums, das im Oktober 40 Jahre alt wird. Claudia Tittel, Kulturamtsleiterin in Gera und Herausgeberin der Jubiläumsschrift, begründet ihre Entscheidung für die Buchgestaltung wie folgt: "Ich habe die Grafiker ausgesucht, weil ich wusste, dass sie ein Faible für dieses Haus und für die 70er- und 80er-Jahre haben, die auch wieder ganz modern sind. Es wird die ganze Zeit mit dem Retro-Look gespielt. Gleichzeitig wird er in eine moderne Formensprache überführt."

Die Zukunft des Geraer Kulturpalastes

Das edle Papier der Festschrift verweist zudem darauf, dass Claudia Tittel die Zukunft des einstigen "Hauses der Kultur" als Chefsache begreift. Bereits 2013 wurde das Bauwerk ins Denkmalbuch Thüringen wegen der kunsthistorischen Bedeutung als "Gesamtkunstwerk" eingetragen. Inzwischen benötigt das einstige Bezirkskulturhaus dringend eine Sanierung und Neuausrichtung. Die Stadt Gera, bekannt als ewig "klamme" Kommune, konnte nur wenige Reparaturen ausführen lassen. Das Haus ist daher immer noch weitestgehend im Originalzustand von 1981 erhalten. Die einst großzügige Außenlage gleicht jedoch einer verwilderten Brache. Auch Rufe nach Abriss für den stadtbildprägenden Monolith gab es schon.

Jubiläumsband zum Haus der Kultur Gera
Das Gebäude des "Kultur- und Kongresszentrums" bestimmt Geras Stadtbild. Bildrechte: Louis Volkmann

Drei Szenarien für den Neustart

Im Herbst will Claudia Tittel im Stadtrat drei Szenarien für den Neustart präsentieren. Den Namen "Kultur-und Kongresszentrum", den man dem Haus in den 90er Jahren gab, hält sie für veraltet: Kongresse und Messen liefen hier nie sonderlich gut, so Tittel, die deshalb zurück zu den Wurzeln will. Es soll tatsächlich "ein Haus der Kultur oder der Kulturen werden", erläutert die Kulturamtsleiterin ihre Vision.

Weiter erklärt Tittel: "Aus Sicht des Denkmalschutzes ist natürlich der Saal gesetzt. Aber wir haben noch andere Baustellen: Zum Beispiel haben wir fünf Museumsbauten, aber nicht genug Platz für unsere hochwertigen Kunstwerke. Das 'Haus der Kultur' könnte eine neue Heimat dafür sein. Wir müssen dann sehen, ob man mit der Fläche des 'Hauses der Kultur' zurechtkommt oder ob man vielleicht sogar noch einen Neubau braucht."

Jubiläumsband zum Haus der Kultur Gera
Kulturamtsleiterin Claudia Tittel wird im Herbst drei mögliche Nutzungskonzepte für das "Haus der Kultur" präsentieren. Bildrechte: Louis Volkmann

Claudia Tittel denkt dabei an einen Museumsneubau auf dem Vorplatz. Das Herz der Kunst-und Kulturwissenschaftlerin schlägt besonders für die bildende Kunst. Ihre Vision wird im Herbst – ganz sicher – heiße Debatten beflügeln.

Ein Buch, um Wunden in Gera zu heilen

Für historische Fotos und Baupläne vom "Haus der Kultur" ließ Claudia Tittel tief in den Archiven graben und verpflichtete für den Text den Kunsthistoriker Oliver Sukrow, für die Fotos wiederum mit Thomas Müller und Louis Volkmann zwei Fotografen, die auf Architektur- und- Dokumentar-Fotografie spezialisiert sind.

Zudem darf die Verneigung vor der ab 1977 für das Haus abgerissenen barocken Altstadt nicht fehlen. "Man wollte Gera damit als sozialistischen Ort aufwerten. Man sieht die Brachialität, mit der hier vorgegangen wurde. Diese Geschichte muss man auch erzählen. Deswegen gibt es diesen großen historischen Teil, der zeigt, welche städtebauliche Lücke durch diesen Abriss hier entstanden ist", erklärt die Herausgeberin.

Jubiläumsband zum Haus der Kultur Gera
Ab den 70er-Jahren verändert der Bau die Stadt Gera. Bildrechte: Wolf-Dieter Volkmann

Claudia Tittel hat dieses ausgesprochen gut gemachte Buch herausgegeben, um Wunden in Gera zu heilen, die immer mal aufbrechen, wenn es um Stadtplanung geht. Sie will das geringe Verständnis für die DDR-Moderne in der Bevölkerung verbessern und den "Palast der Republik im Kleinen" fördern. So nennen Architektur-Experten das Haus der Kultur in Gera manchmal, um dann weiter von einem "Juwel der Ostmoderne" zu sprechen.

Jubiläumsband zum Haus der Kultur Gera
Bildrechte: Christoph Liepach

Weitere Informationen "HdK – Haus der Kultur Gera":
Claudia Tittel (Hrsg.), Dr. Oliver Sukrow
Erschienen bei sphere publishers
144 Seiten mit 178 Schwarz-Weiß-Bildern
ISBN: 978-3-9821327-6-1

Debatten über DDR-Architektur und Baukunst

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. Juli 2021 | 12:40 Uhr

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