"Die Schwiegertochter – Das Leben der Ottilie von Goethe" Goethes Schwiegertochter Ottilie: chaotisch, verschwenderisch, selbstbewusst

Sie war nicht gut im Haushalt, chaotisch, verschwenderisch, aber Goethe mochte sie: Seine Schwiegertochter Ottilie. In der Biografie "Die Schwiegertochter – Das Leben der Ottilie von Goethe" erzählt Dagmar von Gersdorff packend und unterhaltsam das Leben der jungen Frau, die mit ihrem Mann August in Weimar am Frauenplan lebte und nicht nur dessen Anhängsel sein wollte – weshalb sie aus dem Rahmen der Epoche fiel. Damit ist der Autorin ein großer Wurf gelungen, findet unser Literaturkritiker.

Dagmar von Gersdorffs Buch "Die Schwiegertochter. Das Leben der Ottilie von Goethe"
"Die Schwiegertochter. Das Leben der Ottilie von Goethe": Dagmar von Gersdorffs Buch über Goethes Schwiegertochter ist im Insel-Verlag erschienen. Bildrechte: Suhrkamp Verlag

Lange galt Sigrid Damm als populärste Autorin, die zu Goethe und dessen Verwandtschaft publizierte. Ihre Bücher landeten oft auf Bestsellerlisten und verkauften sich exzellent. Doch jetzt droht die fast gleichaltrige Kollegin Dagmar von Gersdorff ihr den Rang abzulaufen, denn deren jüngstes Werk über die Schwiegertochter des Königs der Weimarer Klassik zeugt von Brillanz, obwohl man daraus eingangs sofort erfährt, dass die Verbindung der attraktiven Baronin Ottilie von Pogwisch mit Goethes Sohn unter keinem guten Stern stand.

Dagmar von Gersdorffs Buch "Die Schwiegertochter. Das Leben der Ottilie von Goethe" 4 min
Bildrechte: Suhrkamp Verlag

MDR KULTUR - Das Radio Di 23.11.2021 09:35Uhr 04:27 min

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Dagmar von Gersdorffs Buch "Die Schwiegertochter. Das Leben der Ottilie von Goethe" 4 min
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Auszug aus dem Buch "Die Schwiegertochter"

Aus Berlin meldete sich in eiliger Aufregung Ottilies Verwandtschaft. Friederike Gräfin Henckel von Donnersmarck gab sich entrüstet, dass ihre Nichte einen so gewöhnlichen Menschen zum Gatten wählte. Der Bruder der Mutter, Wilhelm Graf Henckel von Donnersmarck, bestürmte den Bräutigam mit der Nachricht, dass Ottilie gar kein Vermögen habe. Daher müsse August pflichtschuldig einen Ehevertrag abschließen.

Ottilie wollte nicht nur Ehefrau sein

Dagmar von Gersdorff
Dagmar von Gersdorff begann ihre literarische Karriere mit Kinderbüchern, ihre größte Leidenschaft besteht in der Beschäftigung mit der Familie Goethes. Bildrechte: Insel Verlag

Locker, beschwingt und geerdet erzählt Dagmar von Gersdorff vom Leben einer enorm starken jungen Frau, die sich ganz anders als Johann Wolfgang von Goethes Gattin Christiane Vulpius nicht nur als braves Anhängsel ihres berühmten Ehemanns definierte. Ottilie strebte vielmehr nach Selbstverwirklichung und fiel damit ähnlich wie ihre enge Freundin Adele Schopenhauer aus dem Rahmen der Epoche. Obwohl sie anfangs für den adretten August schwärmte, zeigte sich bald, dass es nicht immer stimmt, dass Gegensätze einander anziehen.

Auszug aus dem Buch "Die Schwiegertochter"

August und Ottilie waren grundverschieden. Ottilie verstand nichts vom Haushalt, sie konnte nicht kochen und betrat den Garten nur, um einen Strauß Rosen zu binden. Sie schwebte lieber in geistig höheren Sphären als in den Niederungen der Kindererziehung und Küchenorganisation, war verschwenderisch, las romantische Romane, dichtete und musizierte und bat ihre Freunde zum Tee. August hingegen hatte Sinn für alles Praktische, Gediegene, für Naturwissenschaften und Verwaltung. Ottilie aber sah in ihm einen stocknüchternen Menschen, der ihre Ausgaben kontrollierte und ihr nicht genug Geld gab.

Häufig arbeitet Dagmar von Gersdorff mit Originalzitaten, doch diese Methode durchbricht den dynamischen Fluss ihrer Prosa nirgendwo. Packend mutet ihre Biografie vor allem deshalb an, weil sie sich an den dramatischen und tragischen Momenten im Dasein von Ottilie orientiert. Den brisantesten dieser Augenblicke schildert die Verfasserin ebenso temperamentvoll wie ergreifend: Als ein Mann das Haus betritt, der die Ehe ins Wanken bringt.

Auszug aus dem Buch "Die Schwiegertochter"

Im Mai 1823 betrat ein junger Mann das Haus am Frauenplan, dessen dämonische Wirkung ihm zunächst in keiner Weise anzusehen war. Hinterher wusste man es besser, und spätestens nach einem Jahr begriff auch August, was die Stunde geschlagen hatte. Das Erscheinen des unscheinbaren neunzehnjährigen Studenten würde sein Leben in den Grundfesten erschüttern und das Vertrauen in die Treue seiner Ehefrau ins Wanken bringen, Argwohn würde Einzug halten. Damals begann der Niedergang seiner Ehe. August fing Verhältnisse mit fremden Frauen an, seine Liebe zu Ottilie schwand.

Gutes Verhältnis zu Schwiegervater Goethe

Die Rede ist von Charles Sterling, für den Ottilie in Leidenschaft entbrannte. Von ihm erhoffte sie sich Rettung vor der Tristesse ihres Alltags. Aber die Schwärmerei für den Engländer änderte nichts daran, dass sie weiter ein gutes Verhältnis zu ihrem Schwiegervater pflegte. Der bezog sie in seine Projekte ein, obwohl er Perfektionist war und sie eine Sympathisantin der Lotterwirtschaft.

Auszug aus dem Buch "Die Schwiegertochter"

Bei Goethe Ordnung, in ihren Zimmern Unordnung. Die Malerin Julie von Egloffstein hat das Sammelsurium in Ottilies Mansarde in einer Zeichnung festgehalten. Da erblickt man Schlüsselbund, Perücke und Handspiegel, Notenhefte und Bücher, Tinte und Feder, einen Korb mit Handarbeiten, eine Lyra als Symbol der Musik und Amors Pfeile als Symbol der Liebe, welche in Ottilies Leben, wie man wusste, eine Hauptrolle spielte. Das war nicht nur Ottilies Zimmer, es war eine Abbildung ihres chaotischen Wesens.

Fazit: Ein Geniestreich

Dagmar von Gersdorffs Buch entpuppt sich rundum als Geniestreich. Fasziniert folgt man ihren Ausführungen über den Goethe-Clan, dem sich in der deutschen Literaturgeschichte lediglich eine Familie als ebenbürtig erweist, nämlich die des Nobelpreisträgers Thomas Mann, der voller Ehrfurcht zu Goethe aufschaute.

Informationen zum Buch Dagmar von Gersdorff:
"Die Schwiegertochter – Das Leben der Ottilie von Goethe"
Insel Verlag, 2021
312 Seiten, 24 Euro
ISBN: 978-3-4581-7946-7

Über die Autorin Dagmar von Gersdorff Dagmar von Gersdorff begann ihre literarische Karriere in den 60er-Jahren mit sechs sehr erfolgreichen Kinderbüchern, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Später wechselte sie in die germanistische Forschung, promovierte über Thomas Mann und veröffentlichte Studien über Sophie Brentano und Bettina von Arnim. Ihre größte Leidenschaft besteht bis heute in der Beschäftigung mit der Familie Goethes. Sie schrieb über seine Mutter und seine Enkelkinder. In ihrem jüngsten Buch wendet sie sich dessen Schwiegertochter Ottilie zu.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. November 2021 | 11:15 Uhr