Internationale Schriftstellervereinigung Neuer PEN-Präsident in Gotha gewählt: Josef Haslinger folgt auf Deniz Yücel

Nach Deniz Yücels Rücktritt als Präsident der Schriftstellervereinigung PEN-Deutschland ist am Samstag auch das restliche Präsidium zurückgetreten. Die im thüringischen Gotha tagende Mitgliederversammlung stimmte daraufhin mit großer Mehrheit für den österreichischen Schriftsteller Josef Haslinger als Interims-Präsidenten.

Josef Haslinger, 2013 am Rande der PEN-Jahrestagung in Marburg
Der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger wurde bei der PEN-Mitgliederversammlung in Gotha als Interimspräsident des Schriftstellerverbands PEN-Deutschland gewählt. Bildrechte: dpa

Der Schriftsteller Josef Haslinger wird übergangsweise als Präsident das deutsche PEN-Zentrum führen. Er wurde in Gotha mit großer Mehrheit interimsmäßig an die Spitze der internationalen Schriftstellervereinigung gewählt, wie ein Sprecher des Schriftstellerverbandes am Samstag mitteilte. Haslinger soll bis zur Neuwahl der Führungsriege auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung in einigen Monaten die Schriftstellervereinigung führen.

Der PEN-Notvorstand wurde notwendig, da in Gotha am Samstag das komplette Präsidium inklusive PEN-Vizepräsident Ralf Nestmeyer und Beisitzer Christoph Links zurückgetreten war. Zunächst hatte am Freitag der Journalist Deniz Yücel nach einer teils giftig geführten Debatte und eines nur knapp gescheiterten Abwahlantrags sein Präsidentenamt hingeschmissen und seinen Austritt aus der PEN erklärt. Hintergrund war ein Streit im bisherigen Vorstand sowie Kritik am Führungsstil einzelner Vorstandsmitglieder. Der bisherige Vorstand um Yücel war erst im Oktober gewählt worden.

Josef Haslinger will Neustart der PEN vorbereiten

Auf den 66-jährigen Josef Haslinger entfielen den Angaben zufolge 133 Ja-Stimmen von insgesamt 145 abgegebenen gültigen Stimmzetteln. Haslinger war bereits von 2013 bis 2017 Präsident des PEN-Zentrums Deutschland und erklärte in Gotha, einen Neustart für die PEN in Deutschland vorbereiten zu wollen. Auf der Mitgliedersammlung hatten am Samstag PEN-Mitglieder wie Schriftstellerin Thea Dorn, Literaturkritiker Herbert Wiesner und Autor Markus Ostermair eine personelle Erneuerung der Vereinigung gefordert.

Deniz Yücel reagierte auf seinem Twitter-Account hämisch auf seinen Nachfolger Josef Haslinger und den kommissarischen PEN-Vorstand. Haslinger sei "einer von fünf Ex-Präsidenten, die mich wegen meiner Ansichten beim Thema Ukraine zum Rücktritt aufgefordert hatten", kritisiert Yücel auf Twitter.

Weitere Mitglieder hatten am Samstag bekannt gegeben, über einen Austritt aus der Schriftstellervereinigung nachzudenken. Vor allem der gegenseitige Umgang bei der Mitgliederversammlung am Freitag wurde als unwürdig, beschämend, schäbig und peinlich bezeichnet. So äußerten die Schriftstellerinnen Eva Menasse und Julia Franck ihr Befremden über die in Gotha zutage getretene Häme und Grabenkämpfe. Bei den Konflikten ging es unter anderem um Beleidigungen, Mobbingvorwürfe und den Umgangston zwischen Mitgliedern der Vereinigung.

Überraschende Neuwahl auf PEN-Jahrestagung in Gotha

Die Jahrestagung der Schriftstellervereinigung PEN-Zentrum Deutschland findet noch bis Sonntag in Gotha statt. Das PEN-Zentrum Deutschland mit seinen rund 770 Mitgliedern ist eine von derzeit 150 Schriftstellervereinigungen, die im PEN-International zusammengeschlossen sind. Der Name steht für Poets, Essayist, Novelists. Die 1921 in England gegründete Vereinigung versteht sich als Stimme verfolgter und unterdrückter Schriftstellerinnen und Schriftsteller.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Mai 2022 | 13:30 Uhr

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