Kollektives Fotoalbum der frühen Neunziger Bildband: "GrauBunt" zeigt, wie der Westen in den Osten kam

Nie waren die Hoffnungen so groß und die Verlockungen des Westens so greifbar wie in den verrückten frühen Neunzigern. Jürgen Hohmuths Fotografien fangen die Aufbruchsstimmung in Berlin, Leipzig oder Jena um 1990 großartig ein, Autoren wie Ingo Schulze kommentieren sie in literarischen Miniaturen. Grau trifft Bunt. So gleicht Hohmuths Bildband einem kollektiven Fotoalbum über eine Zeit, die wie im Rausch verging und deren Verwerfungen bis heute nachwirken. Schon allein deshalb haben die Bilder ihre Gültigkeit nicht verloren.

"Graubunt": Bildband von Jürgen Hohmuth
Unterwegs mit dem Fotografen Jürgen Hohmuth in Jena Bildrechte: MDR FERNSEHEN

Es war eine Zeit des radikalen Umbruchs. Die frühen 1990er-Jahre im Osten Deutschlands – nie waren die Hoffnungen der Menschen so groß und die Verlockungen des Westens so greifbar. Der alte Staat war weg, im neuen war man längst nicht angekommen. Eine Zwischenzeit, in der alles möglich schien.

"Graubunt": Bildband von Jürgen Hohmuth
Blick auf den "Penis Jenensis" Bildrechte: MDR FERNSEHEN

Der Ostberliner Fotograf Jürgen Hohmuth reiste damals durch die ehemalige DDR und fotografierte. In Berlin, Leipzig oder Jena. Er fand Symbole für diese Zeit, in der Aufbruch und Niedergang so nah beieinander lagen. 

Etwa das Hochhaus, Penis Jenensis genannt: "Einerseits verfiel hier die Altstadt und andererseits gab es solche Symbole der Prosperität, das ist schon ein schöner Kontrast und das mag ich."

Kollektives Geschichtsbuch in Bildern und literarischen Miniaturen

"Graubunt": Bildband von Jürgen Hohmuth
Leipzig-Grünau, 1993 Bildrechte: Jürgen Hohmuth

"Graubunt" nennt Jürgen Hohmuth seinen Bildband, der neben den Fotos auch Texte von Zeitzeugen und namhaften Autoren wie Ingo Schulze oder Lutz Seiler versammelt. Inspiriert von den Bildern erzählen sie persönliche Geschichten aus diesen Umbruchsjahren: Von Entwurzelung, alten Seilschaften, Sinnsuche im neuen System. So entsteht eine Art subjektives Geschichtsbuch, das nicht für jeden offen zu Tage liegt, wie Hohmuth eingesteht: "Die Bilder erschließen sich nicht jedem. Um die Ikonografie zu verstehen, muss man in der Zeit sozialisiert sein. Der, der die Signale erkennt, weiß sofort: 'Ach so.' Das ist die Idee, angeregt durch die Bilder Geschichten erzählen zu lassen."

"Ihr könnt euch hier mal ein Haus aussuchen"

Unterwegs mit dem Fotografen Jürgen Hohmuth
Unterwegs mit dem Fotografen Jürgen Hohmuth Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Einer der Autoren ist der Publizist und Literaturwissenschaftler Dietmar Ebert aus Jena. Hohmuth und er kennen sich schon seit den Wende-Jahren. Damals war Ebert Mitstreiter des alternativen Kulturprojektes "Kukuk e.V.". In einem fast verfallenen Haus wollten sich damals ein paar junge Leute den Traum vom selbstverwalteten Kulturzentrum erfüllen:

"Die Initiatoren des 'Kukuk' waren bei der Stadtverwaltung. Da kam dann ein Mann mit einem großen Schlüsselbund und sagte: 'Ihr könnt euch hier ein Haus aussuchen, sucht mal das, was euch am besten gefällt.' Das wäre weder vorher noch später jemals möglich gewesen. Wir waren in den Augen der Stadtverwaltung und der Banken harmlose freundliche Spinner."

Als die Utopie lebbar schien

Zwei Jahre wurde im "KuKuK" das freie Leben gefeiert, mit Konzerten, Performances, Ausstellungen. Dann scheiterte man an den eigenen Ansprüchen und dem fehlenden Duchblick, wie es so läuft in der Marktwirtschaft. So wie dem "KuKuK" erging es vielen Initiativen dieser Zeit. Häuser wurden besetzt und wieder geräumt. Marode Hinterhöfe und ungeklärte Eigentumsverhältnisse boten Platz für Kreativität und so manche Geschäftsidee.

"Graubunt": Bildband von Jürgen Hohmuth
Der Kampf um Grund und Boden ist eröffnet: Leipzig-Gohlis, 1991. Bildrechte: Jürgen Hohmuth

In dieser Zeit war Utopie lebbar. Da wir im Osten ja noch nicht wussten, was im Westen nicht geht, sind wir da unheimlich unbefangen rangegangen. Dinge, die wir uns immer gewünscht haben, probierten wir zu realisieren. Dann sind Leute, die aus ganz anderen Berufen kamen, plötzlich Galeristen oder Kneiper geworden. Man sehnt sich immer nach dem Paradiesischen und die Utopie hat ja immer was Paradiesisches.

Jürgen Hohmuth Fotograf

Zu Besuch bei den Hausbesetzern

"Graubunt": Bildband
Foto-Dokumente und literarische Kommentare Bildrechte: Edition Braus

Auch in Leipzig hat Jürgen Hohmuth fotografiert. Viele Bilder entstanden im Stadtteil Connewitz. 1988 war der Abriss des völlig heruntergekommenen Gründerzeitviertels beschlossen worden. Plattenbauten sollten die ruinösen Altbauten ersetzen. Erst die Wende machte dem ein Ende. Hohmuth fotografierte damals im Auftrag des Amtes für Stadtplanung.

Abgesehen von den Häusern machte er auch Aufnahmen von den Menschen, die zwischen modrigen Hinterhöfen und Baugruben lebten und schon ihre Erfahrungen mit der Presse gemacht hatten:

"Als wir in Leipzig Hausbesetzer fotografieren wollten, fragten sie: 'Wer seid ihr denn? Wir sagten, wir kämen im Auftrag der Stadt, es gehe um Stadtplanung. 'Okay, kommt rein'. Wenn wir von der Bild-Zeitung gewesen wären oder von irgendeinem Sender hätten die uns nicht reingelassen. So bin ich zu diesen Bildern gekommen, die zeigen, wie Anfang der 1990er-Jahre Leute mit Gesichtsmaske vorm Computer sitzen und damals offensichtlich schon mit Hacking befasst waren. Was ich total witzig finde. Da wussten wir noch nicht mal, was Computer sind."

Selbstvergewissserung über eine Zeit, die wie im Rausch verging

"Graubunt": Bildband von Jürgen Hohmuth
Ein Schaufenster in den Westen: Leipzig-Connewitz, 1990 Bildrechte: Jürgen Hohmuth

Raucherecken wie diese in einer Leipziger Gießerei gibt es heute nicht mehr. Eine schöne neue Welt entstand, die noch seltsam fremd war.

Rückschauend kann man in den Hoffnungen von einst die späteren Enttäuschungen schon erahnen. Auch wenn damals die neue Freiheit das alles beherrschende Gefühl war.

Wenn alles, was ich weiß, nicht mehr stimmt oder nie stimmte vielleicht, dann kann ich mich ja auch völlig neu erfinden. Das war die große Freiheit dieser Zeit. Das ist das, was wir im Osten erlebt haben und was, glaube ich, viele Menschen im Westen nie nachvollziehen können, weil sie die abgrundtiefe Verunsicherung nicht erlebt haben.

Jürgen Hohmuth Fotograf

"Graubunt" gleicht einem kollektiven Fotoalbum. Das Buch erzählt von den Verwerfungen, die der radikale Wandel mit sich brachte und die bis heute nachwirken. Schon allein deshalb haben die Bilder ihre Gültigkeit nicht verloren.

Angaben zum Buch GrauBunt
Zwischen Anarchie und D-Mark – Ostdeutschland in den frühen 90ern
Herausgegeben und mit Fotografien von Jürgen Hohmuth
80 Abbildungen. 152 Seiten
Mit Beiträgen von Sten Nadolny, Lutz Seiler, Ingo Schulze, Christoph Links, Kara Huber, Rainer Kirchmann, Christoph Hein, Markus Meckel, Kathrin Schmidt u.a.
29,95 EUR
ISBN 9783862282142

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 14. Januar 2021 | 22:05 Uhr

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