"Der perfekte Kuss" Neuer Roman von André Kubiczek: Eine Jugendliebe kurz vor der Wende 89

Vor 20 Jahren debütierte André Kubiczek mit dem Band "Junge Talente" und erntete dafür höchstes Lob. 2016 landete er dank "Skizze eines Sommers" auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Jetzt präsentiert der studierte Germanist mit "Der perfekte Kuss" eine kühne Lovestory, angesiedelt in Halle Mitte der 80er Jahre. Unser Kritiker findet sie geglückt, zumal es in der deutschen Gegenwartsliteratur an ähnlich niveauvollen Liebesgeschichten mangelt.

André Kubiczek 4 min
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Erfolgsautor André Kubiczek hat seinen neuen Roman "Der perfekte Kuss" veröffentlich – eine kühne und niveauvolle Liebesgeschichte, angesiedelt in Halle Mitte der 80er Jahre. Eine Kritik von Ulf Heise.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 30.03.2022 18:00Uhr 03:58 min

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Zu Beginn des sehr turbulenten Geschehens in André Kubiczeks neuem Roman "Der perfekte Kuss" beichtet der Teenager René seiner Freundin Rebecca 1986 in einem Eisenbahnabteil auf der Fahrt zwischen Halle und Potsdam seine Zuneigung. Sofort knistert es heftig zwischen den beiden.

Auszug aus "Der perfekte Kuss" Sie hatte überraschend gesagt: Ja, ich will auch, nachdem ich ihr am Vorabend so was wie meine Liebe gestanden hatte, natürlich indirekt und vorsichtshalber streng verklausuliert. Kurz hinter Bitterfeld jedenfalls hatten wir die neue Qualität unserer Verbindung mit einem Kuss besiegelt, der bis Schönefeld gedauert hatte, wo wir umsteigen mussten auf unseren Wegen nach Potsdam, Rebecca in ihre Villa am Heiligen See, ich in die Neubauwohnung Am Stern.

Schwerwiegendes Geheimnis

Doch es bleibt nicht bei diesem unbeschwerten und munteren Tonfall. Die Sorglosigkeit verfliegt komplett, als Rebecca sich überraschend total abkapselt. Ganz offenkundig möchte sie sich nicht enger an René binden, denn sie lässt sich am Telefon verleugnen und verreist zum Urlaub in die Hohe Tatra, ohne ihn darüber zu informieren.

Allmählich dämmert es dem Jungen, dass Rebecca ein schwerwiegendes Geheimnis hütet. Verunsichert fährt er zum Haus ihrer Eltern, die der oppositionellen Künstlerszene angehören, findet das Gebäude aber verwaist vor.

Buchcover von André Kubiczeks Roman "Der perfekte Kuss", auf dem eine Person mit kurzen braunen Haare auf einer mit Laub bedeckten Motorhaube liegt.
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Auszug aus "Der perfekte Kuss" Von Weitem sah die Villa aus, wie ich sie kannte, grau, müde und dennoch erhaben. Die Blumen im Garten blühten, der Rasen zum See war eine ausgewachsene Wiese, das Gestrüpp am rostigen Schmiedezaun stand in sattem Grün.

Aber die Fenster waren anders als sonst, staubig, und dort, wo es noch funktionierende Läden gab, waren sie zugeklappt. Es gab kein Namensschild mehr am Briefkasten, dessen Tür halb offen stand, und an der Klingel gab es auch keines mehr.

Abrechnung mit der SED-Despotie

André Kubiczek erzählt hinreißend von einer abenteuerlichen Leidenschaft, die aus politischen Gründen unerfüllt bleibt. Äußerst feinnervig fühlt er sich in die Köpfe seiner Akteure ein. Dabei entpuppt er sich als Meister der Tragikomik. Die geschmeidigen Dialoge, die seinen Stil über weite Strecken tragen, strotzen von Gags. Sehr genau lotet er dabei Details der Atmosphäre des DDR-Alltags aus, etwa wenn er von Zigarettensorten berichtet, die konsumiert wurden.   

Auszug aus "Der perfekte Kuss" Um Karo schmerzfrei rauchen zu können, musste man einen gewissen Grad der Betäubung erlangt haben, was bei mir nach zirka einem großen Bier erledigt war. Eine ganze Woche funktionierte das wunderbar: tagsüber Juwel 72, abends nach dem ersten Bier Karo.

Als ich das Konzept in der zweiten Woche fortführen wollte, waren auch Karo nicht mehr zu kriegen. Selbst der Optimismus der Verkäuferin war aus ihrem Laden am Markt verschwunden.

Unter dem Strich erweist sich André Kubiczeks Roman als von finsterem Humor geprägte Abrechnung mit der SED-Despotie. Der Autor schildert die Zustände im längst vom Atlas getilgten Staat voller Sarkasmus und Ironie. Dadurch erfüllt er seine Aufgabe als Chronist einer vom Volk gestürzten Diktatur brillant.

Angaben zum Buch

André Kubiczek: "Der perfekte Kuss"
Rowohlt Verlag, März 2022
400 Seiten, 24 Euro  
ISBN: 978-3-7371-0120-2

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. März 2022 | 18:00 Uhr

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