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AntisemitismusBuchdokumentation zum Halle-Prozess: Die Opfer werden gehört

Stand: 15. November 2021, 17:32 Uhr

Am 9. Oktober 2019, an dem hohen jüdischen Feiertag Jom Kippur, versuchte ein Attentäter, in die Synagoge in Halle einzudringen. Er wollte die dort versammelten Gläubigen töten, weil er an eine Verschwörung glaubte. Da die Türen verschlossen waren, zog er durch die Stadt und erschoss andere Menschen, die nicht in sein Weltbild passten. Später wurde er gefasst und zu einer lebenslangen Haft verurteilt. Das Buch "Der Halle-Prozess: Mitschriften" erzählt die Verhandlung nach.

Ungefähr elf Monate nach dem Urteil gegen den Halle-Attentäter ist mit "Der Halle-Prozess: Mitschriften" eine umfassende Dokumentation zur Verhandlung erschienen. Dabei wirft das Buch laut den Herausgebern nicht nur einen Blick auf das Verfahren, sondern auch auf die Gesellschaft, in der ein antisemitisches Verbrechen dieser Art passieren kann.

Der Prozess gegen Stephan B., den Attentäter von Halle, sei zum Beispiel ein wichtiges Signal für die deutsche Justiz, sagte Grischa Stanjek, einer der Herausgeber, im Gespräch mit MDR KULTUR. "Das Besondere an diesem Prozess ist, dass die vorsitzende Richterin erstmals und im krassen Gegensatz zum NSU-Prozess den Betroffenen sehr viel Raum gegeben hat", erklärte Stanjek weiter: "Sie hat sich bewusst entschieden, viele Sachverständige und Opfer zu hören. Das hätte so nicht passieren müssen, sondern war eine bewusste Entscheidung."

Drei Journalisten haben Aussagen im Prozess mitgeschrieben

Gemeinsam mit Linus Pook und Tuija Wigard hat Stanjek den Prozess gegen den Attentäter verfolgt und die dabei entstandenen Mitschriften in einem Buch versammelt. Die drei Journalisten hätten mit Laptops auf dem Schoß im Gerichtssaal gesessen und versucht, so schnell wie möglich die Aussagen mitzuschreiben, erinnerte sich Stanjek. Kurz danach mussten sie ihre Notizen in eine ordentliche Form bringen. Zwar wurden die Sitzungstage auch aufgezeichnet, doch die Bänder werden für mehrere Jahrzehnte unter Verschluss gehalten und für spätere Forschung aufbewahrt.

Das Besondere an diesem Prozess ist, dass die vorsitzende Richterin erstmals und im krassen Gegensatz zum NSU-Prozess den Betroffenen sehr viel Raum gegeben hat.

Grischa Stanjek, Journalist und Herausgeber

Versäumnisse beim Prozess in Halle

Ein Teil des Prozesses habe sich auch mit der Verfassung des Täters auseinandergesetzt. Denn es habe schnell die Vermutung im Raum gestanden, dass Stephan B. aus einer psychischen Erkrankung heraus so gehandelt habe. Doch das Gutachten sei zu einem anderen Schluss gekommen – nämlich, "dass er nicht aus einem Wahn gehandelt habe", sondern "ein politischer Überzeugungstäter sei", fasste Stanjek zusammen. Beweise dafür seien, dass B. die Tat langfristig geplant und einen strategisch günstigen Zeitplan gewählt habe.

Für seinen Anschlag hatte der Täter einen strategisch günstigen Zeitpunkt gewählt, um Angst zu verbreiten. Bildrechte: MDR/Sebastian Mantei

Das Buch "Der Halle-Prozess: Mitschriften" zeigt auf diese Weise ein Psychogramm unserer Gesellschaft, in der Antisemitismus und Rassismus immer noch Platz haben. Denn der Täter habe zwar seine Tat im Geheimen geplant, aber seine Einstellung nicht versteckt. Bekannte berichteten von antisemitischen Äußerungen. "Die Nebenklage hat es betont: Das Umfeld hätte Verantwortung zeigen müssen. Man hätte widersprechen müssen. Das wurde nicht getan. Es wurde als normal angesehen, sie so zu beleidigen", erklärte Stanjek mit Nachdruck.

Die vorsitzende Richterin habe zwar der Opferperspektive viel Raum gegeben, aber auch Ermittlungsfehler verteidigt, so Grischa Stanjek, einer der Herausgeber des Buches "Der Halle-Prozess: Mitschriften". Bildrechte: dpa

Dabei stehe auch die Frage im Raum, was Polizei und Sicherheitsbehörden hätten tun können. So seien im Prozess Versäumnisse deutlich geworden: Stanjek zufolge hatte die jüdische Gemeinde in Halle beispielsweise um Polizeischutz gebeten, der nicht gewährt wurde. In der Verhandlung seien diese Probleme abgewehrt oder sogar abgestritten worden. "Es kam zu komischen Situationen, in denen die vorsitzende Richterin das Verhalten und die Fehler der Polizeibehörden gegenüber Betroffenen und Nebenklägern rechtfertigte", so Stanjek. Immerhin seien die politischen Motive wie Antisemitismus und Rechtsextremismus des Täters klar benannt worden. "Manchmal stellten wir uns die Frage, ob es nicht pro forma ist, um einer Kritik entgegenzuwirken", so Stanjek. Umso wichtiger sei es, dass Opfer und Betroffene ihre Sicht äußern konnten.

Informationen zum Buch"Der Halle-Prozess: Mitschriften"
Herausgegeben von Linus Pook, Grischa Stanjek und Tuija Wigard
Spector Books
896 Seiten
ISBN: 978-3-959055-017

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 15. November 2021 | 13:10 Uhr