Porträt Buchladen für Diversität in Halle: "kohsie" bedeutet Gemütlichkeit

In Schulen und auf Listen mit den 100 wichtigsten Büchern sind oft nur männliche Autoren präsent. Dabei haben auch Frauen viele wichtige Geschichten zu erzählen, meint Sarah Lutzemann. Um das zu zeigen, hat sie in Halle einen Laden eröffnet, in dem fast nur Bücher von Frauen zu finden sind und in dem es auch mehr Geschichten von nicht-weißen oder queeren Schriftstellerinnen gibt. "kohsie" ist der erste Buchladen für Diversität in Mitteldeutschland.

Außenansicht Diversity-Buchhandlung kohsie in Halle 4 min
Blick auf den Laden "kohsie" in Halle Bildrechte: Thilo Sauer/MDR

In rosafarbenen Buchstaben und umgeben von Rosen steht "kohsie" auf dem Schaufenster. Auf kleinen Tischen dahinter stehen etwa das Bilderbuch "Sulwe" von Lupita Nyong’o, der Roman "Ministerium der Träume" von Hengameh Yaghoobifarah und eine Ausgabe Tarotkarten. Links führt eine Tür in das Geschäft. An einer Wand werden die Leserinnen und Leser von schwarzen Lettern in der Diversity-Buchhandlung begrüßt. Darunter stehen zwei bequeme Stühle. Auf einem Regal liegen ausgewählte Zeitschriften.

Willkommensgruß an einer Wand
Bildrechte: Thilo Sauer/MDR

Auf einem anderen Tisch hat die Ladeninhaberin Sarah Lutzemann eigene Empfehlungen ausgestellt: Gerade stellt sie "Witch" von Lisa Lister auf dem Blog der Buchhandlung vor. Hexen und Tarot-Karten haben viel mit Esoterik zu tun, doch für Sarah geht es wie für viele junge Feministinnen darum, diesen Teil der europäischen Geschichten wieder für sich zu beanspruchen. Neben dem schwarzen Buch liegen zwei Romane von Shirley Jackson. "Das war eine Entdeckung für mich", erklärt die Buchhändlerin. "Denn ich lese gerne Stephen King und der wurde von Shirley Jackson inspiriert. Man meint, Horror sei von Männern geprägt, aber wenn man auf die Quellen zurückgeht, sieht man, dass eine Frau das mit ihren Geschichten geprägt hat.

Leseverhalten hinterfragen

Sarah Lutzemann ist eine leidenschaftliche Leserin, die schon vor ihrer Schulzeit mit den ersten Büchern begonnen hat. Erst vor zwei Jahren hat sie begonnen ihr Leseverhalten zu hinterfragen. "Da war die Liste mehrheitlich männlich. Ich war nur in den Welten von Männern unterwegs", war damals ihr Resümee. Daraufhin hat sie im Internet recherchiert und bei Challenges mitgemacht: "Man sollte nur noch Frauen aus aller Welt lesen und da habe ich die Vielfältigkeit gesehen." Doch obwohl es diese Vielfältigkeit gibt und immer mehr Frauen in Verlagen veröffentlicht werden oder Preise erhalten, sind sie immer noch zu wenig präsent. Sarah vermutet, dass Bücher von Frauen immer noch mit Kochen und Liebe verbunden würden – doch es gäbe viel mehr, sagt sie.

Eine Frau steht vor der Diversity-Buchhandlung kohsie in Halle und schaut lächelnd in die Kamera.
Bildrechte: Thilo Sauer/MDR

Es findet nicht auf den Tischen in den großen Buchhandlungen statt und auf den Leselisten diverser Zeitungen stehen mehrheitlich Männer. Deshalb müssen wir einen Schritt machen und sagen wir machen einen Laden nur dafür, um mal den Anstoß zu geben und diese Autorinnen wirklich in den Fokus rücken. 

Sarah Lutzemann, Gründerin der Diversity-Buchhandlung "kohsie"

Lange Zeit beschäftigte sich Sarah nur in ihrer Freizeit mit Büchern. Mehrere Jahre arbeitete sie als Logistik-Expertin für ein großes Unternehmen. Dann hinterfragte sie den Sinn ihrer Arbeit und ob sie damit wirklich glücklich war, bis sie kündigte. "Ich wollte etwas Eigenes machen, meine Vision erfüllen. Damals war nicht klar, ob es ein Buchladen wird, aber ich wollte einen eigenen Laden, um meine Herzensthemen anderen Menschen zu präsentieren." Pandemie und Lockdown gaben ihr dann die Möglichkeit, diese Ideen reifen zu lassen.

Buchladen mit Wohnzimmer-Feeling

Inzwischen ist Sarah mit ihrem Mann, der aus Halle stammt, an die Saale gezogen. Hier haben sie einen kleinen Laden in einer Seitenstraße beim Marktplatz gefunden. Über eine kurze Treppe oder durch den Seiteneingang für Menschen mit Behinderung geht es zur Hauptverkaufsfläche. Auf einem Tisch in der Mitte wird jede Woche eine Autorin vorgestellt – den Anfang macht die gebürtige Hallenserin Jackie Thomae, die sowohl für den Bachmannpreis als auch für den Deutschen Buchpreis auf der Shortlist stand. Daneben liegen schöne Bücher, wie eine Schmuckausgabe von Jane Austen. Die Regale an den Wänden sehen aus, als könnte sie von Ikea stammen, und überall im Laden stehen frische Blumen. Insgesamt herrscht eine Wohnzimmer-Atmosphäre.

Bücherauslage
Die schönsten Bücher stehen in der Mitte des Ladens. Bildrechte: Thilo Sauer/MDR

In einem Regal stehen Kinder- und Jugendbücher. "Wir haben viele Bilderbücher ausgewählt, wo sich alle Kinder repräsentiert fühlen", erklärt die Inhaberin. Diversität bedeutet für Sarah, die Vielfalt der Lebensweisen, wie Hautfarbe und Herkunft, sexuelle Identität oder auch Behinderung. Es gibt Bücher zu den Themen Nachhaltigkeit und veganes Kochen – Themen, die die Buchhändler als relevant empfindet. Am liebsten ist ihr jedoch der Schrank mit Science-Fiction, Fantasy und Thriller. In gewisser Weise ist das auch ihrem Laden anzumerken: Es gibt keine Abteilung für Feminismus oder Gender Studies, keine Statements. Die Idee hinter dem Laden ist politisch, doch der Laden selbst ist es nicht. Er fühlt sich an, wie andere kleine Buchläden, nur dass es hier eben nicht die üblichen Bücher von Männern gibt.

Außenansicht Diversity-Buchhandlung kohsie in Halle
Zartes Rosa und von Blumen umrankt – das Logo der Buchhandlung Bildrechte: Thilo Sauer/MDR

An den Regalböden steht auf kleinen Zetteln die Kategorien wie Gesellschaft, Ratgeber und Prosa. Die Bücher darüber sind nicht nach Autoren, sondern nach Farben sortiert. "Ich wollte eine gemütliche Buchhandlung, die nicht nach Laden aussieht", erklärt Sarah. "Diese Farbsortierung unterstützt das, macht das Ganze ruhiger – auch für die Augen." Diese Idee von Gemütlichkeit findet sich auch im Namen des Ladens wieder – "kohsie": "Ich wollte, dass man sagen kann: 'Ich gehe mal kurz zu "kohsie" und kaufe mir noch ein Buch.' 'kohsie' ist abgeleitet von dem englischen cozy, weil das das Empfinden ist, das ich bei einem guten Buch habe, dass ich gemütlich in diese Geschichte eintauchen kann. Und dieses '-sie' am Ende steht versteckt für dieses Weibliche."

Engagement für Halle

Das Konzept scheint aufzugehen. Zumindest erzählt Sarah von vielen Gesprächen bei der Eröffnung: Die Kundinnen und Kunden waren begeistert, dieses Buch der einen Autorin endlich in einem Laden zu finden. Die Buchhändlerin hat ebenfalls viele Empfehlungen gesammelt, was sie ins Repertoire aufnehmen könnte. Im Internet hingegen gab es auch viele Kommentare, die nach der Notwendigkeit fragen oder von Männerfeindlichkeit sprechen. Sarah Lutzemann sieht darin die Möglichkeit, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Letztlich ist das auch die Hoffnung hinter ihrem Projekt. 

Eine Frau steht an Buchauslage in der Diversity-Buchhandlung kohsie in Halle.
Bildrechte: Thilo Sauer/MDR

Das Buch, das du liest, verändert dich und kann die Welt verändern. Es bleibt immer etwas hängen, auch wenn du das Buch vergisst, ändert sich deine Richtung zu denken. Deshalb ist es unglaublich wichtig, welche Bücher wir aussuchen und was wir lesen.

Sarah Lutzemann, Gründerin der Diversity-Buchhandlung "kohsie"

Es gibt viele Ideen für die Zukunft, wie Kooperationen mit Initiativen, Lesungen und Vorträge. Der Laden soll sich weiter entwickeln. Manchmal ist sich Sarah nicht sicher, ob alle Pläne aufgehen werden. Doch sie ist überzeugt: Selbst, wenn der Laden wieder schließen müsste, es war die Mühe wert. Bisher scheint diese Sorge aber unnötig.

Weitere Informationen kohsie Buchhandlung
Kleine Marktstraße 7
06108 Halle (Saale)

Mo-Mi 09:00 – 19:00 Uhr
Do – Fr 09:00 – 21:00 Uhr
Sa 09:00 – 17:00 Uhr

Bücher von Frauen

Frauen, die beeindrucken

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. April 2021 | 07:15 Uhr

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