"Die Paradiese von gestern" Preisgekrönter Dokumentarfilmer Mario Schneider legt Romandebüt vor

Zuletzt hat Mario Schneider als Regisseur von sich reden gemacht. Seine "MansFeld"-Trilogie ist kürzlich in den Filmkanon der Bundeszentrale für Politische Bildung aufgenommen worden. Doch der in Halle lebende Künstler hat noch mehr zu bieten: Er macht nicht nur Filme, sondern auch Musik, arbeitet als Filmkomponist und Fotograf. Mit seinem kürzlich erschienenen Romandebüt "Die Paradiese von gestern" stellt er nun auch sein Können als Schriftsteller unter Beweis.

Mario Schneider 32 min
Bildrechte: Mario Schneider
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MDR KULTUR - Das Radio Do 17.03.2022 20:00Uhr 31:42 min

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Sanfte Hügel, stellenweise Pinienwald, alte Weinberge und in der Luft der Duft nach Rosen und Lavendel – in der Gegend des Bordelais in Frankreich, unweit der Atlantik-Küste liegt das Château Violet. Grand Dame des Hauses ist die heute 70-jährige Comtesse Charlotte Louise de Violet-Hascardin. Als Gräfin angesprochen zu werden, missfällt ihr allerdings. Damals, als junge Mutter wie selbstverständlich inmitten der gehobenen Gesellschaft unterwegs, scheint sie im Laufe der Jahre regelrecht verbittert zu sein.

Auszug aus "Die Paradiese von Gestern" "Das Adelsgeschlecht war in ihren Augen seit Jahrhunderten überschwemmt worden von erkauften, erheirateten oder einfach erfundenen Titeln, und deren unrechtmäßige Besitzer waren daher für Madame de Violet von keinerlei Bedeutung, nichts als Emporkömmlinge, die keine Gelegenheit ausließen, ihr 'de' unter die Leute zu bringen."

Nach der Wende: Von Halle nach Biarritz

Eine durchaus ambivalente Persönlichkeit hat sich Mario Schneider als Protagonistin für seinen Roman "Die Paradiese von gestern" ausgedacht. Als beinahe gegenteilige Gegenüber zu der adligen Dame muten die anderen beiden Hauptfiguren an: Ella und René kommen unverhofft als Gäste ins Château Violet und eigentlich aus Deutschland, besser gesagt: aus Ostdeutschland. Wir schreiben das Jahr 1990. Es ist der erste Sommer nach der Wiedervereinigung. Der Fall der Mauer und die daraus resultierende Reisefreiheit erfüllt dem jungen Paar den Traum, in das Land seiner Sehnsüchte zu reisen: Frankreich.

Auszug aus "Die Paradiese von Gestern" "Auch wenn es ihnen nur selten gelang, zu finden, wonach sie suchten, so fühlten sie doch in allem, was ihnen begegnete, den Gewinn dieser anderen, dieser neuen Hälfte der Welt, die jetzt ihnen gehörte."

Französischer Flair, filmisch inszeniert

Die Welt, die Ella und René erleben, beschreibt Mario Schneider ausgesprochen bildreich und schafft mit Worten eine Atmosphäre, die auch die Lesenden einlädt, darin einzutauchen, ja, sie geradezu hineinzieht. Zum einen weisen Vokabular und Formulierung auf das charakteristische Flair hin, das dem Plot anhaftet. Da läuft man keine Treppe runter, man steigt sie hinab. Es gibt im Schloss auch keine Zimmer, sondern Suites und Salons.

Zum anderen belebt der Autor den Handlungsort durch seine bemerkenswert ausgestalteten Figuren. Jeder Charakter bringt eine eigene Note und Dynamik in die Geschichte. Hier zeigt sich die Erfahrung des Schriftstellers mit dem Medium Film. Offensichtlich hat er die Szenen beim Schreiben nicht nur selbst sehr genau vor Augen, er bringt sie auch seiner Leserschaft auf eine imaginäre Leinwand.

Roman über Liebe, Tod und Verlockungen

Über die visuelle Ebene hinaus, spricht Mario Schneider auch die emotionale an. Dabei spart er durchaus nicht an Pathos.

Auszug aus "Die Paradiese von Gestern" "Ein untrügliches Zeichen der Liebe ist wohl, dass es den Liebenden möglich ist, einander anzuschauen, ohne auch nur in die geringste Verlegenheit zu geraten. (…) So spiegeln zwei sich ihre Liebe hin und her, so lange, bis sich kaum ein Unterschied zwischen ihnen ausmachen lässt, als wären sie ein neu geschaffenes Wesen, als wären sie die Schönheit selbst."

Kitschig, könnte man angesichts mancher Passagen meinen. Im Gesamt der Lektüre scheinen diese jedoch eher ein Stilmittel zu sein. Die nahezu euphorische Darstellung junger Liebe beispielsweise, dient dann nämlich vor allem dazu, einen effektvollen Kontrast herzustellen, der die anderen Themen der Geschichte zu berührender Geltung bringt.

Schließlich macht Mario Schneider deutlich, wie zerbrechlich etwa Beziehungen, wie verbitternd Enttäuschungen, wie nachhaltig Verletzungen sein können. Mit diesem Wechselspiel zwischen Hochgefühl und jenem, von der Realität eingeholt zu werden, gelingt es dem Autor, nicht zuletzt dem Titel seines Romans gerecht zu werden. Denn auch wenn sich das Gestern nicht zurückholen lässt, lohnt es sich allem Anschein nach doch, im vermeintlichen Verfall die einstmaligen Paradiese zu erkennen.

Angaben zum Buch

Buchcover: Mario Schneider "Die Paradiese von gestern"
Der erste Roman des preisgekrönten Dokumentarfilmers und Komponisten Mario Schneider "Die Paradiese von gestern" ist im Mitteldeutschen Verlag erschienen. Bildrechte: Mitteldeutscher Verlag

Mario Schneider: "Die Paradiese von gestern"
Mitteldeutscher Verlag, März 2022
552 Seiten, 28 Euro
ISBN: 978-3-96311-614-8

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. April 2022 | 18:05 Uhr

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