Buchvorstellung "Schöner denn je" Leipziger Schriftsteller Hans-Ulrich Treichel seziert Freundschaft mit trockenem Humor

Das ambivalente Verhältnis zweier Männer beschreibt der 1952 in Westfalen geborene Schriftsteller und ehemalige Direktor am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, Hans-Ulrich Treichel, in seinem neuen Roman "Schöner denn je": Während Erik Filmarchitekt in der glamourösen Welt Hollywoods ist, arbeitet Andreas als Lehrer im ummauerten Westberlin. Immer wenn Letzterer in die Lebenswelt Eriks eintaucht, spürt er seine vermeintlichen Defizite. Eine durchaus psychoanalytische Lektüre, geprägt vom unverwechselbar trockenen Humor Hans-Ulrich Treichels.

Hans-Ulrich Treichel. Schöner denn je 4 min
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MDR KULTUR - Das Radio Di 15.06.2021 06:00Uhr 04:09 min

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In Hans-Ulrich Treichels aktuellem Buch "Schöner denn je" geht es um zwei Klassenkameraden. Jüngere Leserinnen und Leser kennen den Autor vielleicht aus der Schule: sein Roman "Der Verlorene" gehört in einigen Regionen zum Deutschunterricht der Oberstufe.

Zwei ungleiche Männer in Westberlin

Andreas wäre zu gerne mit Erik befreundet. Erik ist gut in der Schule, aber kein Streber, er hat schon ein Auto und seine dichten Haare sehen einfach lässig aus. Andreas dagegen fühlt sich eher wie der Typ Buchhalter mit seinen sich früh abzeichnenden Geheimratsecken.

Auszug aus Hans-Ulrich Treichel: "Schöner denn je"

"Was letztlich der Grund für Eriks beneidenswertes Lebensgefühl war, wusste ich nicht. Dazu ließ er mich nicht nah genug an sich heran. Er war freundlich, er war kameradschaftlich, aber jeder wirklich engeren Verbindung wich er aus. Ich hätte einiges darum gegeben, sein bester Freund zu sein. Oder auch nur sein zweit- oder drittbester."

Dass sie zum Studium die westfälische Provinz verlassen und nach Berlin gehen, das steht für beide fest. Andreas schreibt sich für Architektur ein, in der Hoffnung, dort auf Erik zu treffen. Aber Erik taucht nicht auf, und Andreas nimmt jetzt Französisch. Als die beiden sich schließlich begegnen, ist Erik ganz in cremefarbene Klamotten gekleidet. Kein Dandy-Look, sondern Arbeitskleidung. Er macht eine Tischlerlehre, gute Voraussetzung für Filmarchitektur.

Klaus Kinski als Bekanntschaft

Treichel muss ein Vergnügen daran gehabt haben, diese männliche Konkurrenz zu beschreiben. Es liest sich ausgesprochen witzig, wie Andreas, der Ich-Erzähler, seine eigene Rolle als Bewunderer durchschaut, andererseits aber so neidisch und enttäuscht reagiert wie ein Vierjähriger, der nicht beachtet wird.

Hans-Ulrich Treichel. Schöner denn je
In "Schöner denn je" lässt Hans-Ulrich Treichel seinen Protagonisten Andreas Reiss voller Sehnsucht durch das ummauerte Westberlin streifen.  Bildrechte: Suhrkamp

Es dauert 15 Jahre, bis sich die beiden wiedersehen. Andreas sitzt in seinem Stammlokal, das der Schauspieler Klaus Kinski im Lokalfernsehen als Pissbude bezeichnet hat. Er entdeckt Erik, als der sich gerade innig von einer jungen Frau verabschiedet, seine Tochter, wie sich herausstellt. Und wieder fühlt sich Andreas verraten. Nicht mal davon hat Erik ihm erzählt, dabei muss er doch schon während ihrer gemeinsamen Schulzeit Vater geworden sein. Und jetzt beschämt er ihn noch mit einem großzügigen Angebot. Andreas' Ehe ist gerade zerbrochen, er braucht dringend eine Wohnung und Erik bietet ihm erstmal seine an. Er selbst geht für seine Filmprojekte einige Monate in die USA – Klaus Kinski, den Klaus, kennt er natürlich auch.

Der ewige Konkurrent

Andreas soll sich ruhig in der riesigen Wohnung ausbreiten, gerne auch Schränke und Schubladen benutzen. Das macht er tatsächlich und findet Röntgenaufnahmen von Eriks Kopf. Während er mit schlechtem Gewissen im Arztbrief nach einer Diagnose sucht, klingelt das Telefon. Er erkennt auf Anhieb die Stimme, die nach Erik fragt. Unglaublich, dass die deutsch-französische Schauspielerin dran ist, die er seit Jugendjahren in unzähligen Filmen bewundert. Am nächsten Morgen denkt Andreas erst an pubertäre Träume, aber nein, sie hat tatsächlich darum gebeten, von ihm durch Berlin chauffiert zu werden, wenn Erik denn verreist ist.

Auszug aus Hans-Ulrich Treichel: "Schöner denn je"

"Sie reichte mir ihre Hand – nicht mit ausgestrecktem oder nur leicht angewinkeltem Arm, was man bei Leuten tat, die man nicht zu nahe an sich heranlassen wollte. Sie gab mir die Hand mit einer, grob gerechnet, Fünfundvierzig-Grad-Armbeuge […], was ich aber als Vertrauensbeweis empfand und als einen Ausdruck von instinktiver, geradezu biochemisch fundierter Sympathie."

Wo er sie hinfahren soll, weiß die Schauspielerin nicht, die wir uns wunderschön als Romy Schneider vorstellen können. Er fährt einfach. Bis sie nach einem langen Schweigen plötzlich fragt. "Und Erik?" Wie ein Stromschlag trifft ihn die Frage, da ist er wieder, der ewige Konkurrent. Er sagt ihr nicht, dass Erik sich schon gemeldet hat, er hat ja auch Erik nicht gesagt, wer angerufen hat. Er will seine Schauspielerin einfach für sich behalten.

Psychoanalytische Lesart

Das alles liest sich herrlich – mit all den krümeligen Wenns und Abers, die einen komplizierten Charakter wie Andreas so plagen. Wer sich für psychoanalytische Deutungen interessiert, dem hat Treichel hier eine Menge zu bieten. Was passiert, wenn in eine Zweierkonstellation eine dritte Person eintritt, zum Beispiel.

Der Autor Hans-Ulrich Treichel auf der Frankfurter Buchmesse.
Hans-Ulrich Treichel feierte mit seinem Roman "Der Verlorene" im Jahr 1998 seinen literarischen Durchbruch. Bildrechte: imago/Manfred Segerer

Genauso gut eignet sich die Geschichte aber auch als pures Wochenendvergnügen: Handy stumm schalten und lesend genießen, wie ein ganz normaler Neurotiker zwei Tage lang auf seine Kosten kommt und nie jemandem davon erzählen wird – das haben wir Leserinnen und Leser exklusiv.

Angaben zum Buch Hans-Ulrich Treichel: "Schöner denn je"
175 Seiten, 22 Euro
Erschienen bei Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-42973-0

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Juni 2021 | 08:10 Uhr

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