Ingeborg-Bachmann-Preis 2021 Leipziger Autorin im Rennen um Bachmannpreis

Die 45. Tage der deutschsprachigen Literatur mit der Verleihung des Ingeborg-Bachmann-Preises finden vom 16. bis 20. Juni 2021 im ORF-Theater in Klagenfurt statt. Unter den 14 geladenen deutschsprachigen Autorinnen und Autoren befindet sich auch die 1977 in Riesa geborene Heike Geißler. Bereits 2008 hatte die Leipziger Schriftstellerin am Wettbewerb um den renommierten Bachmannpreis teilgenommen. Warum sie ihre Teilnahme in diesem Jahr fast abgelehnt hätte, erzählt Geißler im Gespräch mit MDR KULTUR.

Die Schriftstellerin Heike Geißler
Heike Geißler lebt als freie Schriftstellerin in Leipzig. Bildrechte: Andrzej Steinbach/Spector Books

Die in Riesa geborene und heute in Leipzig lebende Schriftstellerin Heike Geißler ist eine der Teilnehmenden am diesjährigen 45. Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Dieser findet nicht live vor Ort statt. Ihren Text fürs Wettlesen hat Geißler daher schon in einer Leipziger Buchhandlung als Video aufgezeichnet.

Rückkehr in den Literaturbetrieb

Bereits zum zweiten Mal nimmt sie am Wettbewerb teil – obwohl sie ihren ersten Auftritt als eher unangenehme Erfahrung in Erinnerung behält. Jurorin Insa Wilke konnte sie dann doch überzeugen: "Sie hat mich dieses Jahr gefragt und dann habe ich sofort gedacht: nein, nein, nein. Ich habe keinen Text. Und dann fiel mir ein: Moment! Ich habe ja Text!", so Geißler.

In den letzten Jahren häuften sich in Geißlers Leben Veranstaltungen im Kunstbereich und gar nicht so sehr im Literaturbereich – weder Lesungen in Buchhandlungen noch in Literaturhäusern, erinnert sich Geißler. Ihr Auftritt in Klagenfurt markiert so auch eine Rückkehr in den Literaturbetrieb. Ein neuer Roman soll im kommenden Frühjahr erscheinen.

ܜberblick des Studios in dem in diesem Jahr der Ingeborg-Bachmann-Preis verliehen wird.
Im vergangenen Jahr fand der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb nahezu komplett virtuell statt. Bildrechte: dpa

"Das Jetzige" in der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig

Vor kurzem stand Geißlers Text "Das Jetzige" an der Wand der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig, worin sie sich mit dem Alltag in der Pandemie auseinandersetzt, dem Gefühl von Verwundbarkeit und dem neuen Verhältnis von Nähe und Distanz. Text, sagt Geißler, brauche nicht zwangsläufig ein Buch. In den vergangenen Monaten hat sie daher beispielsweise an einem Audiowalk mitgewirkt und Schaufenster in Dresden bespielt. Im öffentlichen Raum findet sich (hoffentlich) Informationstext – in der Regel aber Werbung bis hin zu Populismus, sagt die Autorin und betont, ein guter Text gehöre auch in den öffentlichen Raum.

Der öffentliche Raum ist ja belagert von Text, der nicht interessant ist. Und ein Text, der vielleicht literarisch ist, der versucht, eine literarische oder künstlerische Botschaft zu haben, und noch ein Anliegen hat, das nicht in Richtung Konsum geht, wird durchaus mit Interesse wahrgenommen.

Heike Geißler

Verortungen – in der Zeit und in den Zuständen

Ein Text wird so auch zur Intervention, die in den Alltag hineinwirkt. Das erscheint ganz passend für eine Schriftstellerin, die zuletzt mit einem Buch über Internetkonzerne von sich reden machte. 2014 erschien ihr Reportage-Roman "Saisonarbeit", der vom Arbeitsalltag bei Amazon handelte.

Heike Geißler
Die erneute Teilnahme am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb bedeutet für Geißler die Rückkehr in den Literaturbetrieb. Bildrechte: dpa

Eine Entwicklung hin zur künstlerischen Intervention sieht auch Geißler in ihrer Arbeit: "Ich würde aber sagen, dass das die sekundäre Bewegung ist. Ich versuche erst einmal durch den Tag, durch die Woche, durch den Monat und das Jahr zu kommen. Das heißt, das sind immer Verortungen, in der Zeit und in den Zuständen."

Corona als Herausforderung

Die Corona-Pandemie ist dafür nur das jüngste Beispiel. Sie sei und bleibe eine unglaubliche Herausforderung, findet Geißler. Ihre Texte sieht sie auch als Möglichkeit, um mit der eigenen Aufregung und der Ohnmacht verantwortungsbewusst umzugehen. Sie versuche "zu überprüfen, was sage ich, was ist mir wichtig. Und wo stehe ich: politisch, persönlich und emotional. Aber ich versuche auch durchzukommen." bekennt die Schriftstellerin.

Jeder Text bedeutet, ich habe etwas verstanden oder bin auf dem Weg. Das ist ein Transformationsprozess der Gesellschaft, aber eben auch meiner. Und jeder Text ist eine Stufe, die mir hilft, stabiler zu stehen.

Heike Geißler über die Auseinandersetzung mit der Corona-Pandemie

Der Ingeborg-Bachmann-Preis 2021

Am Mittwoch, den 16. Juni um 18.00 Uhr werden die 45. Tage der deutschsprachigen Literatur im ORF-Theater Klagenfurt eröffnet. Pandemiebedingt findet die Veranstaltung im zweiten Jahr in Folge virtuell statt. Am Tag der Eröffnung wird durch Los bestimmt, in welcher Reihenfolge die insgesamt 14 geladenen deutschsprachigen Autorinnen und Autoren lesen werden. Der am Sonntag, den 20. Juni um 11 Uhr verliehene Ingeborg-Bachmann-Preis in Höhe von 25.000 Euro wird von der Landeshauptstadt Klagenfurt am Wörthersee gestiftet.

Literaturstadt Leipzig

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Juni 2021 | 18:05 Uhr

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