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BuchempfehlungLeipziger Schriftsteller Henner Kotte lässt ein abgebaggertes Dorf wieder auferstehen

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Leipziger Schriftsteller Henner Kotte lässt ein abgebaggertes Dorf wieder auferstehen

von Tino Dallmann, MDR KULTUR

Stand: 12. April 2021, 06:53 Uhr

Der Leipziger Schriftsteller Henner Kotte ist bisher vor allem mit authentischen Kriminalgeschichten aufgefallen. Nun hat er einen Familienroman geschrieben, der in der Oberlausitz spielt. In "Die dreizehn Leben des Richard Rohde" erzählt er von einem Dorf, das der Kohle weichen muss, und macht über mehrere Generationen einer Familie hinweg erlebbar, wie es ist, wenn ein Ort mit seinen Geschichten einfach verschwindet.

Wie die Geschichte ausgeht, weiß der Leser von Henner Kottes Roman ziemlich schnell: Der Rohdehof und das Dorf, an das er angrenzt, müssen der Braunkohle weichen. Jahre später wird die Landschaft von einem Tagebausee bedeckt. Wie es ist, wenn ein Ort mit seinen Geschichten einfach verschwindet, davon wollte der Leipziger Schriftsteller schon lange erzählen: "Ich wollte schon immer mal eine Geschichte über die Generation meiner Omas schreiben, die über das Jahrhundert gelebt und eine blöde Biographie gehabt haben. Im Ersten Weltkrieg groß geworden, dann verliebt im Faschismus, ein Kind gekriegt, Mann im Krieg geblieben, den Sozialismus aufgebaut und am Ende ging das auch wieder unter."

Das Geschehene und das Erzählte haben in Henner Kottes Roman den gleichen Stellenwert.

Tino Dallmann, Literaturkritiker MDR KULTUR

Wo einst Dörfer waren, sind in der Lausitz vor allem Seen entstanden. Bildrechte: imago/Rainer Weisflog

Traditionen über dreizehn Leben

Die titelgebenden dreizehn Leben des Richard Rohde kommen rasch zusammen. Schließlich heißt der erstgeborene Sohn bei den Rohdes immer Richard. Dadurch kann Henner Kottes Roman munter durch die Generationen springen. Er erzählt Räubergeschichten, aber auch von Schlachten und der Spionage im Kalten Krieg. Das Geschehene und das Erzählte haben dabei den gleichen Stellenwert.

Denn Henner Kotte zeigt in seinem Roman aufs Schönste, wie Legenden gesponnen werden: "Des Nächtens wurde auf dem Rohdehof der scharfe Wachhund namens Hugo aus seinem Zwinger gelassen. Der war gefürchtet und bissig. Richard Rohde ging mit ihm auch zur Jagd, ihm gehorchte der Hund aufs Wort, keinem anderen. Die vom Rohdehof riefen jeden ihrer Hunde immer nur Hugo, das war Tradition. Wie jeder Erstgeborene auf den Namen Richard getauft wurde. Das ging so über Generationen: Richard und Hugo waren der Gegend Legende."

Man sagt ja immer: Das denken die sich alles aus! Ich bin der Überzeugung, die Meisten haben sich das Wenigste ausgedacht und nur dazugedichtet. Aber so funktioniert Literatur. Ich kann ja nicht im luftleeren Raum schreiben.

Henner Kotte, Schriftsteller

Realistisch. Und doch literarisch. Und doch lebensnah.

Schriftsteller Henner Kotte Bildrechte: Stephan Hoyer

Eigentlich ist Henner Kotte Fachmann für realistische und gründlich recherchierte Kriminalgeschichten. In seinem neuen Roman geht es ihm nun um den großen historischen Bogen. An vielen Stellen erinnert sein Parforceritt durch die sächsische Geschichte an Erich Loest und seinen Roman "Völkerschlachtdenkmal".

Als Inspiration dienten Henner Kotte dabei Erzählungen von seinen Großmüttern, der eine oder andere Kriminalfall und die Bücher, die er gelesen hat. "Und da stellt sich die Frage: Inwieweit ist Literatur vom Leben entfernt? Man sagt ja immer: Das denken die sich alles aus! Ich bin der Überzeugung, die Meisten haben sich das Wenigste ausgedacht und nur dazugedichtet. Bis hin zu Thomas Mann und Anna Seghers. Aber so funktioniert Literatur. Ich kann ja nicht im luftleeren Raum schreiben."

Was geschieht und was man darüber erzählt

Dass die Geschichte und das Erzählen von Geschichte den gleichen Stellenwert haben, zeigt sich auch daran, dass es von den Geschichten in Kottes Roman oft mehrere Fassungen gibt. So ranken sich zahlreiche Legenden um eine Pistole, die auf dem Dachboden der Rohdes gefunden wird. Und auch auf die Frage, warum die Dorfkneipe "Zum Hahn" heißt, gibt es mehr als eine Antwort: "Die Hühner vom 'Hahn' waren im Dorf als bunte Hunde bekannt. Denn Mehnerts Käthe war auf die Idee gekommen, ihre Hühner zu kennzeichnen, damit man sie als das Mehnertsche Eigentum wiedererkannte. Oft nämlich flog das Geflügel über den Bodenbach und spazierte in die Höfe der Nachbarn. Es war vorgekommen, dass die netten Nachbarn die Hühnchen einfach in ihrem Stalle behielten oder in die Pfanne legten. Deshalb strich Mehnerts Käthe all ihren Hühnern Farbe über die Federn, damit waren sie nun grün oder gelb oder bunt und gehörten ohne Zweifel zu Mehnerts Käthe und ihrem 'Hahn'."

Wo der Tagebau Nochten Dörfer verschlang, wird nun versucht wieder Landschaft herzustellen. Bildrechte: MDR/Viola Simank

Henner Kotte hat einen heiter-melancholischen Heimatroman geschrieben, der vor allem vom Verlust der Heimat erzählt. Er handelt aber auch von der Kraft des Erzählens. Und die wirkt selbst dann noch, wenn die Bagger längst weitergezogen sind und die alte Heimat unter einer meterhohen Wasserdecke begraben liegt. Es muss nur jemand die Geschichte zu erzählen wissen – so wie Henner Kotte.

Bildrechte: Mitteldeutscher Verlag

Informationen zum Buch"Die dreizehn Leben des Richard Rohde"
von Henner Kotte
Erschienen im Mitteldeutschen Verlag
360 Seiten
16 Euro
ISBN 978-3963114649

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | Unter Büchern | 14. April 2021 | 18:10 Uhr