Roman "Morgen wartet eine neue Welt" erzählt eine erstaunliche Überlebensgeschichte aus Sachsen 1945

"Neben Anne Franks Tagebuch die berührendste Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg" schreibt das amerikanische Truth Magazine über den autobiografischen Roman der Journalistin Henriette Roosenburg. Er erzählt die erstaunliche Überlebensgeschichte der Freunde Zip, Joke und Nell, die in den besetzten Niederlanden in die Fänge der Nazis geraten sind und im sächsischen Zuchthaus Waldheim gefangen gehalten werden. Nach dessen Befreiung im Frühling 1945 treten sie die strapaziöse Heimreise durch ein gespenstisches Sachsen an.

Ein französischer Offizier, der am 12.05.1945 von den einrückenden alliierten Streitkräfte befreit wurde, vor dem Zuchthaus Waldheim
Im Zuchthaus Waldheim beginnt die Geschichte der drei Protagonistinnen des autobiografischen Romans. Auf dem Archivbild zu sehen ist ein französischer Offizier vor dem Zuchthaus Waldheim, das am am 7. Mai 1945 von den einrückenden alliierten Streitkräften befreit wurde. Bildrechte: dpa

In einem kleinen sächsischen Dorf nördlich von Chemnitz beginnt die Geschichte, die 1957 in den USA sofort zum Bestseller wird: "Morgen wartet eine neue Welt", geschrieben von der Niederländerin Henriette Roosenburg, die zugleich Protagonistin ihres autobiografischen Romans ist. Das Buch erzählt von drei Frauen, die als sogenannte Nacht-und-Nebel-Häftlinge von den Nazis aufgegriffen und nach Deutschland verschleppt wurden und dort als niederländische Widerstandskämpferinnen jederzeit mit ihrer Exekution rechnen mussten. Henriette, im Buch Zip genannt, und ihre Freundinnen Joke und Nell sind in der Geschichte im Zuchthaus Waldheim interniert. Doch am 7. Mai 1945 nimmt der immer gleiche Zuchthaus-Alltag eine schicksalshafte Wendung: Sowjetische Soldaten der Roten Armee befreien das Lager – allerdings wird die Euphorie darüber schnell von der Realität eingeholt, erinnert sich die damals 28-jährige Zip.

Die folgenden Tage brachten die Erkenntnis, dass, obwohl wir frei waren, das Gefängnis noch immer unser einziges Zuhause war und die siegreichen Armeen keinerlei Vorkehrungen getroffen hatten, um uns in unsere siebenhundert Kilometer entfernte Heimat zurückzubringen. Es war eine grausame Enttäuschung, besonders für Nell, die Visionen von beflaggten Rot-Kreuz-Bussen hatte, welche uns im Triumphzug durch ein besiegtes Deutschland kutschieren würden. Alle zwei Stunden würden sie anhalten, damit gedemütigte Nazis uns üppige Mahlzeiten vorsetzten.

Henriette Roosenburg, "Morgen wartet eine neue Welt"
Henriette Roosenberg: Morgen wartet eine neue Welt. Frühling 1945 - der lange Weg nach Hause 4 min
Bildrechte: aufbau Verlag

MDR KULTUR - Das Radio Di 06.04.2021 09:35Uhr 04:08 min

Rechte: ARD.de

Henriette Roosenberg: Morgen wartet eine neue Welt. Frühling 1945 - der lange Weg nach Hause 4 min
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Getrieben von einer aus der langen Gefangenschaft geborenen Aufbruchsstimmung beschließen Zip, Joke und Nell gemeinsam mit Dries, dem Hahn im Korb, die Heimreise nach Nordholland auf eigene Faust anzutreten. Kein leichtes Unterfangen, erinnert sich Roosenburg in ihrem Buch: "Die Stadt war von der Roten Armee umzingelt, in jeder Straße standen Wachposten, die den Befehl hatten, niemanden durchzulassen, vermutlich aus dem naheliegenden Grund, dass sie zwischen Ex-Häftlingen und Deutschen nicht zu unterscheiden vermochten."

Zu Fuß und mit dem Boot von Waldheim über Riesa und Torgau nach Dessau

Begegnung der amerikanischen und sowjetischen Truppen in Torgau 1945
Begegnung der amerikanischen und sowjetischen Truppen in Torgau 1945 Bildrechte: dpa

Und dennoch gelingt es Zip und ihren Freunden sich von Waldheim zu Fuß nach Ostrau, über Strauchitz bis nach Riesa durchzuschlagen. Dort weiter mit einem gekaperten Boot – oder eher einer zerbrechlichen Nussschale – die Elbe entlang über Mühlberg, Belgern und Torgau. Bis zur Überquerung der amerikanischen Linie in Dessau lauern an jeder Ecke neue Gefahren. Wie durch ein Wunder gelingt es Zip, Joke, Nell und Dries sich ihren Heimweg durch den zerbombten und gespenstisch leeren Osten Deutschlands zu bahnen. Angewiesen sind sie dabei ausgerechnet auf die Gastfreundschaft der Einheimischen. Trotz der über Jahre aufgestauten Wut auf das Volk ihrer Peiniger begegnen sie dem Feind versöhnlich.

Unter den Deutschen, denen wir seit unserer Befreiung begegnet waren, waren uns genügend Beweise freundlicher Gesinnung entgegengebracht worden, die uns davon überzeugten, dass nicht alle so schlimm waren, wie daherstolzierende Militärs, die grausame Gestapo und die brutalen Gefängniswärterinnen, die in den fünf Jahren deutscher Besatzung über uns geherrscht hatten.

Henriette Roosenburg, "Morgen wartet eine neue Welt"

Von Halle mit dem Flugzeug zurück nach Hause

Henriette Roosenberg: Morgen wartet eine neue Welt. Frühling 1945 - der lange Weg nach Hause
Der Roman ist im Aufbau-Verlag erschienen und stützt sich auf die Biografie der Autorin Henriette Roosenburg, die 1916 in Den Haag geboren wurde. Bildrechte: aufbau Verlag

Mit der Hoffnung auf ein neues Leben besteigen die Freunde in Halle ein Flugzeug nach Brüssel. Von dort mit dem Zug weiter in die kürzlich befreiten Niederlande. Henriette Roosenburgs Memoiren enden am 13. Juni 1945: dem Tag, an dem Zip, Joke und Nell fünf Wochen nach Aufbruch aus dem sächsischen Waldheim ihre Familien wieder in die Arme schließen – zweifelsfrei der emotionale Höhepunkt der Geschichte.

Henriette Roosenburg stirbt 1972 in Südfrankreich. Ihr Lebenswerk ist der dokumentarische Bericht über die unmittelbare Nachkriegszeit in Sachsen, der sich überraschenderweise sehr leichtfüßig liest. Denn ihr Buch "Morgen wartet eine neue Welt" handelt auch von der Kraft der Freundschaft und dem grenzenlosen Mut junger Frauen, denen, getrieben vom unstillbaren Drang nach Leben und Freiheit, das Unmögliche gelungen ist.

Angaben zum Buch: Henriette Roosenburg: "Morgen wartet eine neue Welt. Frühling 1945 – der lange Weg nach Hause"

ins Deutsche übersetzt von Hans-Christian Oeser

erschienen im Aufbau Verlag
Gebunden mit Schutzumschlag,
320 Seiten, 22 Euro

ISBN-Nummer: 978-3-351-03836-6

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. April 2021 | 11:15 Uhr

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