Hörbuch-Empfehlung Briefwechsel der DDR-Autorinnen Christa Wolf und Sarah Kirsch: Durch Wiedervereinigung getrennt

Christa Wolf und Sarah Kirsch gehören zu den wichtigsten deutschen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts und der DDR-Literatur. Während Christa Wolf der DDR treu blieb, verließ Sarah Kirsch das Land 1977 nach dem Fall Biermann und ihrem Ausschluss aus dem Schriftstellerverband. Dass die freundschaftliche Verbindung der beiden Frauen über Jahrzehnte anhielt, zeigt ihr Briefwechsel. Nun liegt eine Auswahl dieser Briefe als Hörbuch vor.

Es sind zwei vielversprechende junge Frauen, die sich in bewegten Zeiten begegnen, Mitte der 1960er-Jahre in der DDR: Christa Wolf hat mit "Der geteilte Himmel" schon einigen Ruhm erlangt. Die aus dem thüringischen Nordhausen stammede Sarah Kirsch ist bereits mit ihren Gedichten aufgefallen. Das Land ist klein genug, der Kreis der Schreibenden überschaubar. Deswegen begegnen sie sich immer wieder. So wird aus der professionellen Nähe eine enge Freundschaft, die ihren Niederschlag in einem Jahrzehnte überspannenden Briefwechsel findet.

Der ist bald so vertrauensvoll, dass Sarah Kirsch der sechs Jahre älteren Freundin auch ihre Selbstzweifel anvertraut. Die erwachsen nicht nur, aber auch aus der permanenten Bewertung ihrer Arbeit durch den offiziellen Kulturbetrieb, wie aus diesem in Halle geschriebenen Brief hervorgeht: "Manchmal finde ich alles so sinnlos und langweilig, alles Umwege, dass mir nichts mehr Spaß macht."

Sarah Kirsch
Sarah Kirsch Bildrechte: Deutsches Rundfunkarchiv/Fernsehen der DDR

Ich muss heulen, gleich wenn ich aufstehe. Dann trinke ich einen Schnaps. Dass das nicht hilft auf die Dauer, weiß ich auch. Dass man sich ruiniert, ebenfalls. Aber warum nicht, sage ich dann. Bisher hat mir alles das nicht so viel ausgemacht. Ich konnte immer oder grade trotzdem schreiben. Aber nun ist das dicke Fell irgendwie abgewetzt.

Sarah Kirsch in einem Brief an Christa Wolf

Sarah Kirschs Flucht in die BRD

So nahe sind sich die beiden Frauen, dass sie sich auch Intimstes anvertrauen: Sarah Kirsch erzählt von ihrer Verliebtheit in einen bekannten Filmregisseur, der leider vergeben ist. Überhaupt verläuft ihr Leben gerade in Liebesdingen viel unsteter als das von Christa Wolf, die mit Gerhard Wolf ihrem Lebensmenschen früh begegnet ist und von Kindern und Enkeln berichtet.

Das bedeutet nicht, dass die Briefe im Privaten versanden. Im Gegenteil, hier ist der geschützte Ort des Nachdenkens und Reflektierens, des Austauschs zweier kluger Schriftstellerinnen, die sich an ihrer realsozialistischen Gegenwart reiben und daraus unterschiedliche Konsequenzen ziehen. Während Christa Wolf in der DDR bleibt, reist Sarah Kirsch 1977 aus und findet schnell Anschluss an den bundesdeutschen Literaturbetrieb.

Christa Wolf bei einer Veranstaltung in der Ost-Berliner Erlöserkirche im Oktober 1989
Bis zum Ende der DDR lebte Christa Wolf in Ost-Berlin. Bildrechte: imago images / epd

Nur ein Jahr später verbringt sie als Stipendiatin ein Jahr in der Villa Massimo in Rom. Dort besucht sie das Haus, in dem Ingeborg Bachmann gelebt hat, sie verliebt sich neu und ist jeden Tag stundenlang glücklich, wie sie ihrer Freundin nach Ost-Berlin schreibt: "Es sind schon ganz andere im Süden hängen geblieben und in Sonne und Liebe und Faulheit verdorben und vergangen. Na, du wirst schon wissen, was dir guttut. Wenn du kommst, wollen wir uns bald sehen und unsere früheren Menschen, an die wir uns erinnern, mit den heutigen vergleichen, ja?", antwortete ihr damals Christa Wolf.

Streit über die DDR

Sandra Quadflieg
Sandra Quadflieg liest Sarah Kirschs Briefe. Bildrechte: IMAGO / Eventpress

Es liegt eine große Tragik darin, dass ausgerechnet die deutsche Wiedervereinigung die beiden Frauen schließlich entzweit. Zu unterschiedlich sind ihre Perspektiven auf diese historische Zäsur, zu schwer wiegen die Vorwürfe Sarah Kirschs, Christa Wolf hätte sich dem System der DDR zu sehr unterworfen. Die Jahrzehnte der Freundschaft können die Verletzungen offensichtlich nicht aufwiegen. Am 14. Juni 1990 sind die Fronten schon so verhärtet, dass Sarah Kirsch nicht an Christa, sondern an Gerhard Wolf schreibt: "Meinst du wirklich, man könne ganz normal quatschen, wenn man sich träfe? Ich habe manchmal eine wilde Wut im Bauch und Christa soll mal ein Jahr in der Versenkung verschwinden und lieber was Anständiges schreiben, oder was Unanständiges."

Auf dem Hörbuch "Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt" ist nur eine Auswahl an Briefen zu hören, dennoch vermisst man nichts. Die Wirkung der oft berührenden Zeilen entfaltet sich auch und gerade durch Iris Berben und Sandra Quadflieg, die sich hörbar in Christa Wolf und Sarah Kirsch eingelebt haben. Die Zuneigung, das Temperament, aber auch die spätere Verbitterung der beiden Schriftstellerinnen kommen in ihren Stimmen in jedem Moment zum Tragen.

Die Schauspielerin Iris Berben bei einem Pressetermin.
Iris Berben liest die Texte von Christa Wolf. Bildrechte: dpa
Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt
Bildrechte: random house

Mehr Angaben "Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt" – Briefwechsel von Sarah Kirsch und Christa Wolf

zum Hörbuch:
Gelesen von Sandra Quadflieg und Iris Berben
Erschienen bei Random House Audio
Laufzeit: 2 Stunden, 41 Minuten auf zwei CDs
ISBN: 978-3-8371-5305-7

zum Buch
Erschienen bei Suhrkamp
456 Seiten, Hardcover
ISBN: 978-3-518-42886-3

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. Juli 2021 | 11:15 Uhr

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