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Grit Lemke, aufgewachsen in Hoyerswerda, vor dem letzten noch vorhandenen Block des damaligen Vertragsarbeiterwohnheims. Bildrechte: ohne Angabe

Interview

Hoyerswerda '91: Wie konnte es zu den Ausschreitungen kommen?

Stand: 13. Oktober 2021, 11:24 Uhr

Am 17. September 1991 begannen in Hoyerswerda mehrtägige rassistische Ausschreitungen. Die Autorin und Filmemacherin Grit Lemke ist in der Stadt im Landkreis Bautzen aufgewachsen und beschäftigt sich mit der Frage, wie es zu dem Pogrom kommen konnte. Sie ist Regisseurin der MDR-Dokumentation "Hoyerswerda '91: Eine Stadt, die Gewalt und ihre Aufarbeitung" und hat zudem das Buch "Kinder von Hoy" geschrieben. Im Interview mit MDR KULTUR hat Grit Lemke über die Ereignisse vor 30 Jahren gesprochen.

MDR KULTUR: Warum beschäftigt Sie dieses Kapitel bis heute? Warum lässt Sie das nicht los?

Grit Lemke: Das Buch, das ich geschrieben habe, war tatsächlich so ein Projekt, bei dem ich immer wusste, dass ich das unbedingt machen muss. Weil das eine Geschichte ist, bei der ich das Gefühl habe, dass die so noch nicht erzählt worden ist. Zum einen wird das Aufwachsen in einer sozialistischen Wohnstadt im Neubau immer mit Unterschicht, mit Dunkeldeutschland konnotiert, dass man sozusagen automatisch irgendwie rassistisch gepolt sein müsste, wenn man in so einer Umgebung aufwächst.

Und zum anderen wollte ich erzählen, wie diese Generation wirklich groß geworden ist und dass sich mit dieser Art von Aufwachsen eigentlich eine große Utopie verbunden hat. Ich wollte einfach beschreiben, wie man dort gelebt hat. Und auch diese sehr solidarische Gemeinschaft beschreiben, in der wir groß geworden sind. Und gleichzeitig habe ich mir persönlich natürlich 30 Jahre lang genau diese Frage gestellt, wie in so einer solidarischen Gemeinschaft, in dieser Wärme, in der wir wirklich groß geworden sind, so etwas passieren kann.

Und welche Erklärung haben Sie gefunden?

Ich finde, man muss erst mal diesen Automatismus von "Neubau gleich Nazi" aufbrechen. Dann ist schon mal der Blick frei, dann kann man anders darüber nachdenken. Was mir aufgefallen ist, ist zum einen eben diese starke Regelhaftigkeit, mit der diese Gemeinschaft funktioniert hat – was wahrscheinlich nicht anders ging, wenn dort auf einmal Tausende Leute kommen und innerhalb von wenigen Jahren eine Stadt aus dem Boden stampfen. Die muss sofort funktionieren, die Leute fahren nach Schwarze Pumpe ins Kombinat und müssen sofort produzieren. Da gab es ganz strenge, ungeschriebene Regeln, die jeder kannte und an die man sich halten musste. Zum Beispiel, dass Schichtarbeiter schlafen müssen, dass in bestimmten Gebieten Ruhe zu herrschen hat. Dass man pünktlich auf Arbeit zu sein hat. Es sind so einfache Dinge, die aber das Funktionieren der Gemeinschaft wahrscheinlich ermöglicht haben.

Und dann kommen da Leute, und kennen diese Regel nicht und verstoßen natürlich auch gegen diese Regeln. Also das war ein Konflikt, der eigentlich vorprogrammiert war. Wenn man sich durch irgendetwas vom Rest der Gemeinschaft unterschieden hat, dann konnte das schwierig sein. In den Jahren der DDR war das nicht so ein Problem, da war es wirklich eigentlich egal, was man gemacht hat. Hauptsache, man war pünktlich auf Arbeit, hat im Schichtbus nicht falsch herum gestanden, hat die Hausordnung gekannt und hat keinen Krach gemacht. Das waren die Regeln. Und wenn man die kannte, dann hat sich auch niemand dafür interessiert, woran man geglaubt hat oder was man gemacht hat.

Aber diese ganzen Regeln, dieses ganze Gefüge war 1991 schon komplett aufgebrochen durch den Wegfall dieser Strukturen. Und das ist eben nicht ein Wegfall einer Ideologie, wie uns das auch immer weisgemacht wird, dass der Osten so haltlos war, weil die sozialistische Ideologie auf einmal weggebrochen war. Ich glaube, das hat gar keine Rolle gespielt. Die Rolle hat gespielt, dass die Schichtbusse nicht mehr gerollt sind. Diese Stadt hatte keinen Rhythmus mehr, das Herz hat nicht mehr geschlagen.

Wie groß ist denn die Bereitschaft, sich mit diesem unangenehmen Thema auseinanderzusetzen?

Es war in den letzten Jahrzehnten so, dass die Stadt eigentlich gar nicht bereit war, sich damit auseinanderzusetzen. Das war ein großes Tabu. Eine Gruppe junger Leute, die die Initiative Pogrom '91 gründeten, haben vor zehn Jahren ungefähr erreicht, dass man da mal hinguckte, dass man sich überhaupt damit beschäftigen musste. In den Schulen von Hoyerswerda ist das nicht thematisiert worden. Wenn man in Hoyerswerda eigentlich bis in die jüngste Gegenwart groß geworden ist, dann hat einem niemand erzählt, was dort 1991 passiert ist.

Die Autorin, Regisseurin und Kuratorin Grit Lemke ist in Hoyerswerda aufgewachsen und war während der Ausschreitungen in der Stadt. Bildrechte: MDR/Joachim Blobel

Und was jetzt aber wirklich in diesem Jahr ganz neu ist, ist eine große, breit angelegte Bereitschaft, auch im Rathaus und bei vielen gesellschaftlichen Institutionen, sich wirklich mal mit den Opfern auseinanderzusetzen. Diese wirklich starke Stigmatisierung, die Hoyerswerda in den Medien und in der Öffentlichkeit erfahren hat, führte dazu, dass man sich selbst als Opfer begriffen und dann auch stilisiert hat. Und das verhindert natürlich einen Blick auf die wirklichen Opfer.

Das sind zum einen die Asylsuchenden, die aus der Stadt getrieben wurden, und vielleicht in noch stärkerem Maße die Vertragsarbeiter, mit denen wir ja zwölf Jahre gelebt und gearbeitet hatten, und die praktisch über Nacht raus mussten, in Busse gesetzt worden sind, zum Flughafen gekarrt, nach Mosambik gefahren, mitten im Bürgerkrieg abgesetzt und die bis heute wirklich am Rand der Existenz leben. Die ihren Lohn aus der DDR-Zeit, 60 Prozent davon, bis heute nicht bekommen haben. Keine Entschädigung, kein Arbeitslosengeld, keine Rente, gar nichts. Und das sind die Opfer. Und da muss man jetzt mal hinblicken. Und die Bereitschaft besteht in Hoyerswerda.

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MDR KULTUR WerrkstattHoyerswerda '91 - Eine Stadt, die Gewalt und ihre Aufarbeitung | Gesprächsrunde

In dem Film "Hoyerswerda '91" gibt es einen emotionalen Moment: ein sichtbarer Gruß nach Mosambik, um eine Verbundenheit, möglicherweise auch eine Perspektive zu signalisieren – welche Kontakte gibt es zwischen Hoyerswerda und Mosambik?

Es gab vor ein paar Jahren mal eine Freundschaftsgesellschaft, die auch sehr aktiv waren. Die haben auch eine Schule in Mosambik mitgegründet. Das ist allerdings in den letzten Jahren alles ein bisschen abgeflaut. Es gibt eigentlich keine lebendigen Kontakte. Und das ist auch etwas, was wir jetzt wieder anstoßen wollen.

Diese Videobotschaft, die wir da gemacht haben von den Bürgerinnen und Bürgern von Hoyerswerda, das war wirklich ein sehr emotionaler Moment und ein Anfang. Ich hatte bei den Interviews gemerkt, die ich ja auch mit einem Vertragsarbeiter gemacht habe, wie extrem wichtig das für diese Menschen ist, dass sich jemand bei ihnen entschuldigt und dass man überhaupt mal hinguckt und dass man sieht, ihr seid noch da, und wir lassen euch nicht im Stich. Und das ist jetzt auch das Ziel, dass wir da jetzt weiter ansetzen und dem ganzen auch eine Nachhaltigkeit verleihen.

Das Interview führte Thomas Bille für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 15. September 2021 | 08:10 Uhr