Buchtipp: "Kinder von Hoy" Hoyerswerda: Grit Lemke entwirft packendes Porträt ihrer Generation

Zwischen dem 17. und 23. September 1991 kommt es im sächsischen Hoyerswerda zu massiven rassistischen Ausschreitungen. In ihrem dokumentarischen Roman mit dem Titel "Kinder von Hoy" kehrt die Regisseurin und Autorin Grit Lemke an den Ort ihrer Kindheit zurück. Wie viele andere auch, kommt Lemke in den 60er- und 70er-Jahren mit ihren Eltern nach Hoyerswerda. Nach der Wende erlebt sie den Niedergang der einstigen DDR-Musterstadt. "Kinder von Hoy" ist eines der besten Bücher, die über den Osten geschrieben wurden, sagt MDR KULTUR-Literaturkritiker Matthias Schmidt.

"Freiheit, Glück, Terror", steht im Untertitel von Grit Lemkes neuem Buch "Kinder von Hoy": Ein dokumentarischer Roman über die sächsische Stadt Hoyerswerda und die rassistischen Ausschreitungen, die sich dort im Jahr 1991 zutrugen. Lemke, die viele vor allem durch ihr preisgekröntes Regie-Debüt "Gundermann Revier" kennen, versammelte für ihr Buch Gespräche mit Freunden und Familie aber vor allem auch ihre eigenen Erinnerungen. "Kinder von Hoy" erzählt die Geschichte der Stadt Hoyerswerda von den späten 60er-Jahren bis ins Heute. Der Titel steht für eine Generation, die in Hoyerswerda aufwuchs und nach der Wende den Niedergang der Stadt miterlebte.

Über das Lebensgefühl einer Generation

"Kinder von Hoy" ist ein dokumentarischer Roman. Darin wirft Lemke einen tiefen Blick in das Leben ihrer Heimatstadt Hoyerswerda. Immer wieder finden sich im Text Zitate ihrer Gesprächspartner und -partnerinnen. Inspiriert von einem beliebten Erzähler der DDR, Erwin Strittmatter, verwendet Lemke häufig kursiv gedruckte Formulierungen in ihrem Heimatdialekt und verleiht dem Buch seinen einzigartigen lokal gefärbten Stil.

Grit Lemke schafft es, leicht und humorvoll, vom Lebensgefühl der jungen Menschen in einem Ort, weit weg von der Hauptstadt der DDR, zu erzählen. Es sei merkwürdig, wenn Berliner später behaupteten, sie hätten in der DDR gelebt, so Lemke. Das wüssten die Kinder von Hoy nun wirklich besser.

Im Westen, werden wir später lernen, sagt man 'Platte' zu dem, wo wir herkommen.

Grit Lemke

In ihrem Buch "Kinder von Hoy" bricht die Autorin mit Klischees, etwa dass für Kinder in den Plattenbauten der DDR alles ganz schrecklich gewesen sein müsse. Aber überall – ob in Suhl, in Riesa oder in Dessau – bedeutete es Freiheit, durch die noch unfertigen Viertel zu ziehen. Es sei ein Abenteuer und keine Plattenbauwüste gewesen. Dazu wurde es erst nach der Wende deklariert: "Im Westen, werden wir später lernen, sagt man 'Platte' zu dem, wo wir herkommen", schreibt Lemke. Gleichzeitig entsteht auch eine unfreiwillige Komik: So führte die sozialistische Idee der perfekten Arbeiterstadt zum Beispiel dazu, dass die Großeltern vom Dorf sich beim Besuch in den Wohnkomplexen nicht zurechtfanden, da alles gleich aussah. In ihrem Buch schildert Lemke damit die guten wie die schlechten aber auch die komischen Seiten der sozialistischen Vergangenheit.

Kultur

Seit 2014 erinnert ein Mahnmal an die ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Hoyerswerda. mit Audio
Seit 2014 erinnert ein Mahnmal an die ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Hoyerswerda. Wer Näheres über die Ereignisse erfahren möchte, muss allerdings erst einen QR-Code einscannen. Im Hintergrund steht der restliche Block des Vertragsarbeiterwohnheims. Bildrechte: ohne Angabe

Zunehmende Polarisierung nach der Wende

In Lemkes Erinnerungen wird aber auch schnell klar, wo die Grenzen dieser von Zusammenhalt geprägten Zeit verliefen. So konnten die meisten den Beruf erlernen, von dem sie träumten. Denn sie waren dafür vorgesehen "in Pumpe" zu arbeiten. In drei Schichten bis zur Rente im Kraftwerk Strom für die DDR zu erzeugen, war ein Schreckgespenst. Deshalb beginnen mit dem Ende der DDR zwei Dinge, die Lemke perfekt zusammenfasst.

Zum einen gibt es größere, absolute Freiheit. Diese nutzen Lemke und ihre Freunde und gründen einen Jugendclub namens "Der Laden", benannt nach Strittmatters Romantrilogie. Dort machen sie Kunst, feiern und leben wild. Zeitgleich mit dieser Freiheit beginnt etwas, das auch eine der Erklärungungen für den rechten Terror ist: Auf einmal musste man sich entscheiden. Plötzlich gab es linke und rechte Ideologien. Ein paar Monate vorher hätte man noch gar nicht gewusst, wer auf welcher Seite landen würde, so Lemke über den herrschenden Ausnahmezustand in dieser Zeit, wie ihn auch Clemens Meyer in "Als wir träumten" für Leipzig und Peter Richter in "89/90" für Dresden beschreiben. Die Zeit unmittelbar nach der Wiedervereinigung bedeutete für viele Ostdeutsche Überforderung und Kulturschock. Dass sich etwa ein Idol wie Gerhard Gundermann selbst als ehemaliger Stasi-Mitarbeiter enttarnte, sorgte für heftige Furore.

Kultur

Grit Lemke  vor dem letzten noch vorhandenen Block des damaligen Vertragsarbeiterwohnheims mit Audio
Grit Lemke, aufgewachsen in Hoyerswerda, vor dem letzten noch vorhandenen Block des damaligen Vertragsarbeiterwohnheims. Sie wohnte in der gleichen Straße, wurde vom Angriff im benachbarten Jugendklub "Der Laden" völlig überrascht. Über ihre Kindheit und den September 1991 hat sie nun ein Buch geschrieben, das im September erscheint: "Kinder von Hoy". Bildrechte: ohne Angabe

Rassistische Ausschreitungen 1991

Wenig später kommt es zu den rassistischen Ausschreitungen. Lemke berichtet von der Hilflosigkeit der Stadtgesellschaft, der überforderten Polizei und den Kindern von Hoy. Keiner von ihnen wusste so recht, was er tun sollte und was wirklich passiert war. Man erfährt in Lemkes Buch, dass Hoyerswerda zu dieser Zeit eine Art rechtsfreier Raum war. Nazis reisten von außerhalb an und führten Großdemonstrationen durch. Mit den Linken kamen die Gegendemos. Im "Spiegel" erscheint ein Foto, auf dem ein Nazi vor dem linken Jugendclub "Der Laden" posiert. Für die Kinder von Hoy stimmt plötzlich nichts mehr: "Bis jetzt war alles Ankunft. Von nun an wird alles Abschied sein", schreibt Lemke.

"Kinder von Hoy" steckt voller Bezüge aus der Literatur- und Kulturgeschichte, ist ein Generationsporträt und ein Erklärungsversuch für eine Entgrenzung, die heute noch schockiert. Es ist eines der besten Bücher, die über den Osten geschrieben wurden, sagt MDR KULTUR-Literaturkritiker Matthias Schmidt.

Angaben zum Buch Grit Lemke
"Kinder von Hoy. Freiheit, Glück und Terror"
Erschienen bei Suhrkamp
255 Seiten
ISBN: 978-3-518-47172-2

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. September 2021 | 08:40 Uhr

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