Interview Autorin Grit Lemke aus Hoyerswerda über Heimat und Entwurzelung in der Lausitz

In dem für den Grimme-Preis nominierten Dokumentarfilm "Gundermann Revier" zeichnete sie ein persönliches Porträt des Liedermachers und zugleich das einer ganzen DDR-Generation. Ein ähnliches Epochenbild offenbarte ihr dokumentarischer Roman "Kinder von Hoy. Freiheit, Glück und Terror": Im Interview mit MDR KULTUR spricht die Hoyerswerdaer Regisseurin und Autorin Grit Lemke über ihre Erfahrungen in der DDR, über ihre "übersprungene" Generation, wie Gundermann sie nannte und über ihre Heimat in der Lausitz.

MDR KULTUR: Auch wenn Dokumentarfilmregisseure und -regisseurinnen in Ihren Filmen nicht zu sehen oder zu hören sind, sind sie trotzdem anwesend?

Grit Lemke: Na klar. Angefangen mit der Auswahl der Protagonistinnen und Protagonisten. Gerade beim Film wähle ich aus, wo die Kamera hingestellt wird, was gedreht und worüber gesprochen wird. Was dann im Film und auch im Buch landet, ist sehr subjektiv. Es hätte natürlich tausend andere Möglichkeiten gegeben, die Geschichte zu erzählen.

Was ich nicht gemacht habe – die Frage kommt auch ganz oft auf – ich habe mich nicht direkt in diese Nazi-Szene hineinbegeben und mit Tätern gesprochen. Beim Schreiben ist mir immer deutlicher geworden, dass man den Begriff, den wir von Täterschaft haben, überdenken muss. Dass die Täterschaft in Hoyerswerda und auch generell viel breiter gesehen werden muss. Dass nicht nur jemand, der einen Stein auf ein Ausländerwohnheim schmeißt, ein Täter ist, sondern auch der, der es geschehen lässt.

Gruppe von Glatzen/Neonazis, die vietnamesische Zigarettenhändler bis in das Vertragswohnheim verfolgt hatten und nun fordern, daß sie herauskommen. Zunehmend gesellen sich andere Jugendliche und Zuschauer zu den aggressiven und häufig betrunkenen Skinheads.
Im September 1991 kam es in Hoyerswerda zu rassistischen Ausschreitungen. Bildrechte: Gerd Fügert

Ihre Bücher und Ihre Filme machen Sie, fast schon wider Willen, zu einer Chronistin Ihrer Generation – Sie werden auch als solche wahrgenommen. Wie geht es Ihnen damit?

Lemke: Zum einen ist es natürlich schön, wenn man gehört wird. Weil ich, wie so viele, das Gefühl habe, dass Leute viel zu wenig gehört werden. Es ist toll, wenn man die Chance hat, ein Narrativ zu korrigieren oder zumindest daran zu kratzen. Zur Last wird es immer dann, wenn das so verkürzt wahrgenommen wird.

Gerade als das Buch im September 2021 herausgekommen ist, bin ich ganz oft als Rechtextremismusexpertin betitelt worden. Nach dem Motto: "Du hast ein Buch zum Plattenbau im Osten geschrieben, jetzt erzähl uns doch mal was zu den Skinheads." Das war sehr schwer zu korrigieren oder dagegen anzusprechen. Wenn man in Interviews zum Einstieg zu der starken Nazi-Szene in Hoyerswerda befragt wird und man dann sagt, da ist keine starke Nazi-Szene, dann ist man schon in einer Verteidigungshaltung und man merkt in dem Moment, hier glaubt dir sowieso keiner mehr. Das ist dann eine Last – wenn nicht über die Dinge gesprochen wird, über die wir sprechen sollten.

In Ihrem Film "Gundermann Revier" gelingt es Ihnen ganz hervorragend ein Generationsbild dieser Zeit zu zeichnen. Sie sprechen von der "übersprungenen Generation" – wie meinen Sie das?

Lemke: Diese "übersprungene Generation" ist ein Originalzitat von Gundermann, bei dem ich sehr froh bin, dass ich das gefunden habe, da das im Film auch eine wichtige Rolle spielt. Bei ihm ist der Kontext, der auch ganz wichtig ist, dass er konkret sagt: "Wir sind nie an die Schalthebel gekommen, die man als Macht bezeichnen könnte. Erst haben wir versucht, Sozialismus aufzubauen und jetzt werden uns die Schalthebel sofort wieder weggenommen." Und das ist natürlich diese Generation, da würde ich meine auch dazuzählen. Wenn man sieht, wer im ganzen Land, in der Bundesrepublik, das Sagen hat und wer an den Schalthebeln sitzt – das sind nicht wir.

Gundermanns Revier – Der Tagebau
Das Lausitzer Revier und die einstige "sozialistische Wohnstadt" Hoyerswerda bilden den Hintergrund von Grit Lemkes Biografie von Gerhard Gundermann. Bildrechte: MDR/Uwe Mann/Inselfilm

Ihre wissenschaftliche Laufbahn und Ihre künstlerische Arbeit gehen Hand in Hand. Sind Sie auch immer irgendwie Ethnologin?

Lemke: Total. Das freut mich, wenn das auffällt. Es gibt ein paar Bücher, die in den letzten Jahren erschienen sind und sehr wichtig für mich waren. Zum Beispiel von Annie Ernaux, die sich als eine Ethnologin ihrer selbst bezeichnet – das finde ich sehr schön. Natürlich habe auch ich diesen ethnologischen Blick, dass ich immer versuche, zu verstehen.

Ich komme aus einer Ethnologie der dichten Beschreibung. Dass man immer schaut, was bedeutet das, was die Menschen machen und was bedeutet das für sie. Was bedeutet ein 1. Mai-Umzug? Der Demonstrationszug sagt nichts aus. Die Frage muss sein: Was bedeutet das für die Menschen? Was bedeutet es, am Schichtbus zu stehen? Da immer genau hinzuschauen und das zu beschreiben ist das Ethnologische daran und das ist mir auch sehr wichtig.

Sind die von Ihnen beschriebenen Gewaltausbrüche und die Entwurzelung, ohne das entschuldigen zu wollen, Ausdruck eines Heimatverlustes?

Lemke: Heimat ist für mich ein super zentraler Begriff, das war er schon immer. Im Studium habe ich mich sehr für Heimat und die ganzen wissenschaftlichen Ansätze interessiert, die es da gibt, zum Beispiel von Ina-Maria Greverus oder Hermann Bausinger sowie die ganze westdeutsche Volkskunde. Das war sehr wichtig für mich.

Wenn man aus der Lausitz kommt, hat man ein besonderes Verhältnis zu Heimat.

Grit Lemke

Ich denke, wenn man aus der Lausitz kommt, hat man ein besonderes Verhältnis zu Heimat. Das ist bei uns etwas, was sich immer verändert. Da konnte nie was bleiben wie es ist. Gestern war da noch ein Wald, morgen ist da eine Stadt, die 20 Jahre später wieder abgerissen wird. Das Gleiche gilt für die Tagebaue: da ist ein Dorf, es kommt ein Bagger dann ist das weg, dann ist da eine Grube, ein See und auf einmal stürzt der See wieder ein. Das ist so eine ständige Veränderung, dass man als Mensch, der sich dort bewegt, gezwungen ist, sich damit auseinanderzusetzen.

Gerade für Menschen, die ein Trauma erlebt haben, gibt es nichts Dümmeres und Kontraproduktiveres als "De-heimatize". Ich glaube auch wirklich, davon bin ich überzeugt, dass man das Fremde nur umarmen kann, wenn man weiß, wer man selbst ist. Und wenn man weiß, was bei sich das Eigene und das Fremde ist.

Das Interview führte Knut Elstermann für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Januar 2022 | 12:00 Uhr