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Ingo Schulze ist am 30. Mai zu Gast im ARD-Forum in der Alten Handelsbörse Leipzig Bildrechte: dpa

"Tasso im Irrenhaus"Ingo Schulze veröffentlicht drei Erzählungen zu Kunstwerken

Stand: 21. Mai 2021, 04:00 Uhr

Ingo Schulzes Erzählband "Tasso im Irrenhaus" fasst drei ältere Texte des Schriftstellers zusammen, in denen jeweils Werke der bildenden Kunst im Mittelpunkt stehen. Schulze hat, etwas salopp gesagt, gerade "einen guten Lauf". In den letzten Wochen ist ihm sowohl der "Preis der Literaturhäuser" als auch der "Kunstpreis der Landeshauptstadt Dresden" zuerkannt worden. Eine besondere Ehre für den 1962 in Dresden geborenen Autor. MDR KULTUR-Literaturkritikerin Bettina Baltschev stellt die drei Erzählungen vor.

Es ist eine monströse und lärmende Konstruktion, dieses "Deutschlandgerät" von dem die erste der drei Geschichten in Ingo Schulzes Buch "Tasso im Irrenhaus" handelt. Nicht ganz freiwillig folgt hier der Erzähler dem Schriftsteller B.C. ins Museum K12 in Düsseldorf, wo das raumgreifende Kunstwerk steht.

B.C., der die DDR in den 1970er-Jahren verlassen hatte, ist fasziniert von dieser irren Maschine aus Holz, Glas und Metall, aus Vitrinen, Lautsprechern, Kabeln und Fußbänken. Gebaut hat sie Reinhard Mucha 1990 für den deutschen Pavillon der Biennale in Venedig. Später kam sie nach Düsseldorf.

Deutsch-deutsche Schwierigkeiten

Ingo Schulzes Buch "Tasso im Irrenhaus" ist bei dtv erschienen. Bildrechte: dtv

Nach dem Tod von B.C. berichtet der Erzähler der Geschichte in einem Brief an die Museumsdirektorin von seinen Begegnungen mit dem eigenwilligen Schriftsteller und dessen Frau Elzbieta, die ihm die Augen darüber öffnet, wer dieser Mann wirklich war. In Schulzes Geschichte heißt es: "B.C. war der erste Mensch, den sie kennenlernte, der tatsächlich darunter litt, dass es zwei Deutschlands gab, dass das eine ihn hinausgeschmissen hatte und er nicht dorthin zurückkonnte, wo seine Eltern, Geschwister und Freunde wohnten (die er bestenfalls in Budapest oder Prag sehen konnte), und dass er sich im Westen immer noch 'wie in einem Hotel' fühlte. Er war ungeduldig mit sich und litt darunter, dass er kein Gefühl der Zugehörigkeit für das Land empfand, das seine Bücher druckte, ihn zu Lesungen einlud, ihm Preise gab und doch ganz anständig behandelt."

Dennoch hadert B.C. mit seiner Rolle im wiedervereinten Land, mit dem Bedeutungsverlust seiner Worte, mit dem Sieg des Opportunismus. Das "Deutschlandgerät" gerät ihm zum Sinnbild dafür, dass sich ein Mensch wie ein Kunstwerk auch nicht unverändert von einem zu einem anderen Ort transferieren lassen kann. Und plötzlich versteht auch der Erzähler, warum B.C. ihn, der selber ein ostdeutscher Schriftsteller ist, ins Museum mitgenommen hatte.

Ingo Schulze Bildrechte: imago images/Sabine Gudath

Vor allem entwickelte er am 'Deutschlandgerät' die Idee der Neuinstallation von Begriffen und Geschichten, die für seine eigene Arbeit zum Schlüssel wurde.

Aus Ingo Schulzes Erzählung "Deutschlandgerät"

"Tasso im Irrenhaus"

Auch die zweite Erzählung Schulzes führt in eine Ausstellung. Diesmal nach Winterthur in die Schweiz, zu einem Gemälde von Eugène Delacroix, nach dem die Erzählung selbst und auch dieses Buch benannt ist: "Tasso im Irrenhaus". Darauf zu sehen ist der italienische Dichter Torquato Tasso, dessen Biografie Maler wie Dichter inspiriert hat, man denke nur an Goethes Schauspiel.

Das Gemälde "Tasso im Irrenhaus" von Eugène Delacroix Bildrechte: dpa

Hier will der Erzähler einen Vortrag über Tasso schreiben und trifft vor dem Bild auf einen Mann, der ihn mit seinem Expertentum überrumpelt:

'Ich hoffe, Ihre Vorträge werden gut honoriert!', sagte ich und versuchte zu lächeln. Er hatte es geschafft, mir mit seinem Wissen, seinem Englisch und seinem Französisch und womit er noch alles brillieren mag, die Lust auf meinen Vortrag zu nehmen. Was sollte ich einem wie ihm denn noch erzählen?

Aus der Erzählung "Tasso im Irrenhaus"

"Die Vorlesung"

In der dritten Erzählung schließlich ist der Künstler anwesend. Es ist der Maler Johannes Grützke, den der Erzähler kurz vor dessen Tod im Hospiz besucht, weil er über ein Gemälde von ihm schreiben möchte. Als er dort ankommt, ist das Zimmer voller Verwandter und Freunde. Zunächst ist der Besucher irritiert, doch als das Gespräch auf das Bild "Die Vorlesung" kommt, wird er hellhörig: "Erlaubte sich der Maler Grützke durch die Auswahl gerade dieses Bildes einen Scherz mit mir, weil ich ihm bei unserer ersten Begegnung gestanden hatte, einen Teil meines Geldes als herumreisender Vorleser zu verdienen, also den neuen Roman auch deshalb dringend zu brauchen, um zu Lesungen eingeladen zu werden?"

Selbstportrait des Malers Johannes Grützke Bildrechte: imago/Sämmer

Es entspinnt sich eine Diskussion über die Gruppe, die sich auf dem Bild um einen Vorleser schart, über die gesellschaftliche Bedeutung von Kunst, über abstrakte und figürliche Malerei, über Schönheit.

Und als einmal der weise Satz fällt: "Kunst ist nicht modern, Kunst ist immer", eröffnet sich mit ihm auch die Botschaft des Schriftstellers Schulze, der selbst in allen drei Geschichten als Erzähler hindurchscheint. Nachdenklich und unterhaltsam verwebt er seinen Blick auf die Kunst mit den Themen, die ihn in all seinen Büchern umtreiben, die jüngste deutsche Geschichte, die Missverständnisse zwischen Ost und West, die politischen Verwerfungen der Gegenwart und die Rolle des Schriftstellers in dieser komplizierten Welt. "Ohne Vorleser fiele der ganze Haufen auseinander", heißt es an einer Stelle in "Die Vorlesung". Ein schöner Satz, der für das Bild von Grützke genauso gilt wie für den Schriftsteller Schulze.

Das BuchIngo Schulze: "Tasso im Irrenhaus"
Erzählungen
160 Seiten, 20 Euro
ISBN 978-3-423-28239-0
dtv Literatur

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 20. Mai 2021 | 08:40 Uhr