Buchtipp "Dresden wieder sehen": Ingo Schulze entlarvt Mythos um seine Heimatstadt

Schriftsteller Ingo Schulze wurde 1962 in Dresden geboren und ist dort auch aufgewachsen, bevor er zum Studium nach Jena ging. Später lebte er u.a. in Altenburg und ist heute in Berlin zu Hause. Doch seine Heimat lässt ihn nicht los: Sein Roman "Die rechtschaffenen Mörder" spielt in Dresden, und kürzlich wurde Schulze mit dem Kunstpreis der Stadt geehrt. In seinem neuen Buch "Dresden wieder sehen" setzt sich der Autor mit den politischen Entwicklungen in seiner Heimat auseinander: mit Pegida, Demonstrationen gegen Rechtsradikale und den Verwerfungen zwischen Ost und West.

Welchen Roman oder Erzählband von Ingo Schulze man auch zur Hand nimmt, seine fiktiven Geschichten sind durchzogen vom Zeitgeist der letzten drei Jahrzehnte. Seine Figuren sind deutlich Kinder der Gegenwart, die sich mal mehr mal weniger erfolgreich durchs Leben schlagen, sich mal mehr mal weniger mit den Gegebenheiten abfinden. Es wundert also kaum, dass sich der Schriftsteller immer wieder auch jenseits seines schriftstellerischen Werkes zu Wort meldet. In Zeitungsartikeln, in Reden und Essays.

Einige davon sind nun in einem schmalen Band versammelt, der der schönen Titel "Dresden wieder sehen" trägt. Allerdings mit einem Leerzeichen zwischen 'wieder' und 'sehen'. Eine kleine aber feine Nuance, die man als Hinweis auf den Inhalt der Texte verstehen kann, die sich vorrangig um die Heimatstadt Ingo Schulzes drehen. Gleich im ersten Text aus dem Jahr 2006 fragt sich der heute in Berlin lebende Schriftsteller, wie es eigentlich dazu kommen konnte, dass Dresden gern mythisch verklärt wird, vor allem von den Dresdnern selbst.

Zitat aus "Dresden wieder sehen" Zugleich zogen wir aus der Größe des Verlustes ein besonderes Selbstbewusstsein. Was der Stadt widerfahren war, zeichnete sie in unseren Augen vor anderen aus. Ja, die einmalige Zerstörung genügte uns nicht: die Sentenz, dass Dresden dreimal zerstört worden sei, zuerst durch die Bomben, dann durch den maßlosen Abriss dessen, was noch übrig war, und schließlich durch den Neuaufbau, war jedem Dresdner geläufig.

Demonstration gegen Rechtsradikale

Wie sehr die Geschichte in der sächsischen Landeshauptstadt gegenwärtig ist, zeigt sich auch an jedem 13. Februar, dem Tag, an dem sich die Bombardierung Dresdens im Jahr 1945 jährt. Als Ingo Schulze 2010 nach Dresden reist, um trotz Versammlungsverbots gegen einen Aufzug Rechtsradikaler zu demonstrieren, hat er ein seltsames Déjà-vu.  

Zitat aus "Dresden wieder sehen" Es ist simpel und mag lachhaft klingen, aber die Minute, in der man sich überwindet, auf die Straße zu gehen, wenn es nicht erlaubt ist, und dem Rückzugsimpuls widersteht und bleibt, ist die schwierigste (noch eine alte Erkenntnis vom Herbst 1989). Umgeben von mir unbekannten Menschen stehe ich mitten auf dem Albert Platz. Ich rufe Dresdner Freunde an. Zwei von ihnen sind schon auf dem Weg, die anderen wissen noch nicht, ob sie kommen, sie wollen um 13 Uhr zur Menschenkette.

Immerhin erreichen die unerlaubten Demonstranten, was sie jahrelang nicht erreicht haben: sie verhindern den rechtsradikalen Aufzug, und Ingo Schulze hat seinen kleinen Beitrag dazu geleistet. Fünf Jahre später, 2015, berichtet er von einer Demonstration, in die er sich nicht einreihen möchte. Dennoch interessieren ihn die Beweggründe der Pegida-Bewegung, die ihm, so schreibt er, auf den ersten Blick vorkommt, wie ein Männertagsausflug. Nicht ohne Empathie für die einzelnen Demonstranten wundert sich Ingo Schulze, dass die wichtigen Fragen nach sozialer Gerechtigkeit hier nicht gestellt werden. Seiner Ansicht nach erweisen sich die Pegida-Anhänger bloß als nützliche Idioten, die dafür sorgen, dass Gesetze verschärft und grundsätzliche Opposition diskreditiert wird.

Verwerfungen zwischen Ost und West

Cover: Ingo Schulze "Dresden wieder sehen"
"Dresden wieder sehen": Die Laudatio von Volker Braun beschließt den Band. Bildrechte: Wallstein Verlag

Auf diese Ausführungen folgt unter anderem ein Text, der sich mit dem Buchhaus Loschwitz und seiner Rolle innerhalb der neurechten Bewegung auseinandersetzt, und ein Artikel, der die unterbelichtete Rolle der Sowjetunion bei der Befreiung Deutschlands 1945 bespricht. Der Band schließt mit der Dankesrede zur Verleihung des Dresdner Kunstpreises am 3. Juni 2021. Auch hier lässt Ingo Schulze die Gelegenheit nicht ungenutzt, um über die Verwerfungen zwischen Ost und West zu sprechen, die immer auch Thema seiner schriftstellerischen Arbeit sind. Nach der schnellen Verteilung von Eigentum und Posten unter zugereisten Westdeutschen, werde nicht nur Ungleichheit weitervererbt, sondern auch Vorurteile. Eine Tatsache, die Ingo Schulze 31 Jahre nach der Wiedervereinigung ganz offensichtlich nervt.

Zitat aus "Dresden wieder sehen" Ich kann es einfach nicht mehr hören, wenn gefragt wird, warum die Ostdeutschen gerade so krawallig sind, oder wenn jemand gelobt wird als der "Beste aus dem Osten" oder danach gefragt wird, wie der Ossi tickt. Oder wenn ein geschätzter Kollege darüber räsoniert, dass Lesen tolerant mache, aber es sicher keine Lösung sei, Romane mit Fallschirmen über Dresden abzuwerfen.

Ingo Schulze legt den Finger in nur scheinbar verheilte Wunden

Ingo Schulze
Ingo Schulze räumt mit dem "Mythos Dresden" auf. Bildrechte: imago images/Sabine Gudath

Wie also geht es Ingo Schulze mit Dresden? Nach der Lektüre seiner Texte bekommt man den Eindruck, dass er seine ostdeutsche Heimatstadt tief in seinem Herzen trägt, egal, wo er sich gerade befindet. Trotzdem, oder wohl gerade deswegen, treiben ihn die politischen Bewegungen um, stellt er Fragen und legt den Finger in nur scheinbar verheilte Wunden.

Das wird nicht jedem Dresdner gefallen, aber anhören darf und muss er es sich schon. Denn manchmal ist der Blick eines Weggezogenen schlicht klarer und schärfer als der eigene, und allein darum lohnt sich die Lektüre von "Dresden wieder sehen".

Angaben zum Buch Ingo Schulze: "Dresden wieder sehen"
Wallstein Verlag
76 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-8353-5119-6

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. August 2021 | 12:40 Uhr

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