Kultur-Lockdown Schriftsteller Ingo Schulze über das Ausfallen von Lesungen

Deutschland ist das Land der Wasserglas-Lesungen. Schriftsteller und Schriftstellerinnen sitzen an einem Tisch, gedeckt mit ihrem aktuellen Buch und einem Glas Wasser, und lesen einem Publikum aus ihrer Neuerscheinung vor. Verlage machen mit den Buchverkäufen bei Lesungen einen beachtlichen Teil des Umsatzes. Das alles fällt nun weg. MDR KULTUR hat mit Schriftsteller Ingo Schule über die Auswirkungen gesprochen.

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MDR KULTUR: Auf Ihrer Homepage waren 20 Lesungen für November angekündigt, fast alle sind abgesagt. Wie gehen Sie damit um?

Ingo Schulze: Es fühlt sich ein bisschen an wie eine Fata Morgana. Denn manche dieser Termine müssen nun schon zum zweiten Mal verschoben werden. Es ist traurig, denn ich lese sehr gerne (vor Publikum). Es ist natürlich auch eine finanzielle Sache. Manche Veranstalter versuchen, virtuelle Angebote zu machen. Da ist ein bisschen was möglich und da freue ich mich dann schon regelrecht drauf.

Nun sind Sie als prominenter, preisgekrönter Autor vielleicht nicht existenziell von diesen Absagen betroffen. Das mag für viele andere Ihrer Kolleginnen und Kollegen anders sein. Wie wichtig ist das Lesegeschäft heute finanziell?

Das kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Auch für mich ist das wichtig. In Deutschland ist das ziemlich einmalig. In anderen Ländern kennt man das gar nicht so. Das gehört dazu. Es ist immer eine Anregung – und es ist schon auch existenziell.

Sie sind sehr viel unterwegs, fahren auch in kleine Städte. Damit ist ja auch ein großer Aufwand verbunden. Warum machen Sie das?

Man kann es auch als Luxus deuten. Man wird eingeladen, hat am Abend Leute, die sich darauf freuen, einen zu sehen. Was mit am meisten fehlt, sind die Begegnungen mit dem Publikum. Bücher – das ist keine Floskel – weil ich sie tatsächlich durch die Lesenden kennenlerne. Für mich ist ein ganz wichtiger Kontakt und ich lese auch gerne. Ich mag diese Theatersituation.

Es hieß immer mal wieder, diese Wasserglaslesungen haben sich überlebt, dass da eine Schriftstellerin oder ein Schriftsteller vor 200, 300 Leuten sitzt und aus seinem Buch vorträgt. Aber sie halten sich. Worin besteht der Reiz?

Zwei Männer
Ingo Schulze (r.) weiß, das Leser gerne die Autoren hinter den Büchern kennenlernen wollen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wenn einem etwas gefällt möchte man vielleicht mal diejenige oder denjenigen kennenlernen, der dahinter steckt oder möchte ihnen Fragen stellen. Manchmal frage ich mich auch und denke, ihr könnt ja eigentlich auch alleine lesen. Aber das Gespräch ist eben wichtig.

Das Zauberwort, als der erste Corona-Lockdown kam, hieß: Streaming. Auch Literatur ging online. Jetzt geht das mit Ausnahme vielleicht des Sommers schon seit neun Monaten so. Jetzt heißt es wieder: Streaming, die Literatur soll online zu erleben sein. Können Sie das noch hören, was halten Sie davon?

Für mich ist das ein bisschen so, als würde man vom Theater- auf Filmschauspieler umsteigen. Man kann sich da beim Lesen auch ohne Gegenüber schon hochschaukeln beim Lesen des Textes. Dann vergisst man, dass man da alleine im Zimmer sitzt und hinter einem die Küche ist. Es ist eine Notlösung, aber ich habe zum Teil auch sehr gute Erfahrungen damit gemacht. Ich möchte das nicht missen.

Literatur in Corona-Zeiten

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 26. November 2020 | 22:10 Uhr

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