Interview Franzobel tritt als Stadtschreiber in Dresden an

Mit "Das Floß der Medusa" war er für den deutschen Buchpreis nominiert, in Klagenfurt gewann Franzobel 1995 den Ingeborg-Bachmann-Preis und hielt 2017 die Rede zur Literatur. Für dieses Jahr hat sich der Autor auf das Literaturstipendium der Stadt Dresden beworben: Ein halbes Jahr wird der Österreicher als Stadtschreiber an der Elbe wohnen. So will er die Stimmungen und Geschichten der ostdeutschen Stadt erfahren. Das soll in einer Geschichte gipfeln, die ausgehend von dem Ende der DDR und dem Doppelleben eines Familienvaters die Utopie eines unvorstellbaren Staates erzählt.

österreichische Schriftsteller Franzobel 8 min
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MDR KULTUR: Für eine Antrittsrede in der sächsischen Landeshauptstadt im Sommer 2020 gibt es aktuell viele Anknüpfungspunkte: Kultur- und Literaturbetrieb könnte sich nach der Corona-Krise grundlegend wandeln. In Sachsen erleben wir zudem deutlicher als in anderen Regionen öffentlich ausgetragene Debatten zwischen linksliberalen und rechtskonservativen Intellektuellen. Was davon haben sie zur Kenntnis genommen und unter welchen Aspekt könnte das für Sie auch interessant sein?

Franzobel: Ich bin erstmal froh, dass ich überhaupt von Österreich nach Dresden kommen konnte. Das war durch die Corona-Quarantäne nicht ganz klar. Von den öffentlichen Debatten habe ich relativ wenig mitgenommen. In letzter Zeit habe ich medial abstinent gelebt, teilweise aus hygienischen Gründen, teilweise weil ich einen Roman über das 16. Jahrhundert geschrieben habe. Jetzt habe ich natürlich mitbekommen, dass es irgendwie diese Debatten um Tellkamp und Marcel Beyer gegeben hat. Das hat sich bis nach Österreich rumgesprochen. Aber wirklich verfolgt habe ich das nicht. Das hat mich weder nach Dresden gelockt, noch mich ferngehalten.

Mich interessieren die Menschen. Ich finde die Geschichten spannend, die rudimentären Fragmente, die vielleicht noch von der DDR erhalten sind. Darüber möchte ich schreiben. Das Tagespolitische interessiert mich weniger.

Sie sagen, "was von der DDR erhalten ist": Spüren Sie 30 Jahre nach dem politischen Umbruch noch andere Alltags-Vibration als vielleicht in München oder Wien?

Ich bringe natürlich meine eigenen Klischeevorstellungen mit und die sehe ich vielleicht auch bestätigt. Die muss ich erstmal loswerden und dann schauen, ob ich hier noch solche Vibrationen wahrnehme. Der erste Eindruck fühlt sich schon anders an als München, das mehr eine Geldstadt ist.

Blick vom Rathausturm auf den Altmarkt mit der Frauenkirche.
Blick auf die Dresdner Innenstadt Bildrechte: imago/imagebroker

Ich bin erst ganz kurz hier und empfinde Dresden als eine sehr angenehme Stadt. Nach meinem Eindruck gibt es hier zwei Menschentypen: Einerseits den sehr schroffen teilweise abweisenden Charakter, andererseits gibt es einen unglaublich feinen, sehr selbstverständlich herauskommenden Humor. Den mag ich schon sehr, wenn ich ihn verstehe. Damit haben wir im Österreichischen auch Erfahrungen, aber es gibt Nuancen und ein paar Unterschiede. Das finde ich schon ganz spannend.

Welche konkreten Projekte und welche angefangenen Texte haben sie möglicherweise mit nach Dresden gebracht?

Mich hat eine Geschichte einer Bekannten hergelockt, die erzählte über ihr eigenes Leben und über das Doppelleben des Vaters, der zwei Familien hatte in DDR-Zeiten. Das fand ich einen interessanten Anknüpfungspunkt, um eine Utopie zu schreiben über ein anderes Staatswesen, wie man es sich momentan gar nicht vorstellen kann. Ich will mit der DDR beginnen, aber nicht mit schlechten Erinnerungen, sondern vielleicht mit einem guten Ende. Da probiere ich gerade etwas herum und recherchiere. Ich muss einfach schauen, was da für Geschichten auf mich zukommen. Um die Zeit, bis ich mit diesem Text beginne, zu überbrücken, schreibe ich gerade über Albert Einstein. Diese moderne Physik finde ich momentan auch interessant und die Grundfragen, die doch dahinter stecken. Es gibt also einige Themen, die mich beschäftigen.

Infos zum Stadtschreiber-Stipendium Die Stadt Dresden hat das Stipendium zum Stadtschreiber bereits zum 25. Mal ausgeschrieben. Franzobel hat sich mit einem konkreten Text- und Rechercheprojekt beworben und wurde von einer Jury ausgewählt. Das Kulturamt stellt dem Stadtschreiber für ein halbes Jahr eine Wohnung und zahlt Unterhalt. Eigentlich hätte Franzobel bereits am 1. Juni antreten sollen. Mit Corona-bedingter Verspätung hält der Schriftsteller am 9. Juli seine Antrittsrede, die es auch im Videolivestream gibt.

Das Interview führte Moderator Stefan Maelck für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. Juli 2020 | 13:10 Uhr