Interview Paula Irmschler: "Man merkt, dass ich aus dem Osten komme"

In ihrem Debüt-Roman "Superbusen" blickt Paula Irmschler ironisch auf den Alltag im Osten. Im Interview verrät die Kolumnistin, Roman-Autorin und Titanic-Redakteurin, woran man ihre Ostherkunft bemerkt und erzählt mehr über soziale Herkunft und Identität.

Paula Irmschler 49 min
Paula Irmschler Bildrechte: Paula Irmschler

Da seien Worte und Essen, das sie nicht kenne, sie sei konfessionslos und war im Hort – das weise sie bereits als Ostdeutsche aus, erzählt Paula Irmschler im Interview bei MDR KULTUR. Obwohl für die 1989 Geborene die DDR quasi nicht mehr existent war. Vieles wirkte nach, denn 1990 hätte es ja nicht plötzlich eine "Stunde null" gegeben, in der dann alles anders gewesen sei, erklärt die Kolumnistin, Roman-Autorin und Titanic-Redakteurin.

Dennoch würde sie heute den Eindruck haben, es gehe in erster Linie nicht mehr um einen Ost-West-Gegensatz, sondern um die soziale Herkunft: "Wenn ich mich mit einer Frau rede, die aus dem Westen kommt und erzähle ihr, wie meine soziale und wirtschaftliche Herkunft ist und sie sagt, das kennt sie auch, dann merke ich: Okay, das ist eigentlich kein Ost-West-Ding, sondern wir reden hier eigentlich über "Klassensachen", die natürlich aufgrund dessen, dass es die DDR gab, eine starke Rolle spielen."

Die soziale Herkunft entscheidet

Paula Irmschler, die heute in Köln lebt, weiß, wovon sie spricht. Sie ist in Dresden bei ihrer alleinerziehenden, ewig gestressten Mutter mit vielen Geschwistern aufgewachsen. Dass sie in Chemnitz Politikwissenschaft studierte und nicht im Westen, sei einfach die preiswerteste Alternative gewesen. Um fehlendes Geld geht es in ihren Texten immer wieder. Offen darüber zu sprechen, das musste sie erst lernen. Dabei hätte sie verstanden, dass es Strukturen gebe, die dafür verantwortlich seien, dass manche mehr Geld haben als andere.

Viele Perspektiven zeichnen ein Bild des Ostens

Bekannt geworden ist Paula Irmschler mit ihrem ersten Roman "Superbusen". Das Buch erzählt von einer Frauenband gleichen Namens und von Chemnitz. Es beginnt im August 2018, als sogar internationale Medien von den Naziaufmärschen und Ausschreitungen in der sächsischen Stadt berichten. Paula Irmschler schaut ironisch auf den Alltag im Osten. Danach wurde und wird sie oft in die Rolle der Ost-Erklärerin gedrängt, was sie gar nicht mag.

Fragt ganz viele Leute, weil jeder nur einen Aspekt sagen kann und keiner so richtig der Experte sein kann. Fragt die Leute, die da immer noch leben und nicht, wie ich, weggezogen sind.

Paula Irmschler, Autorin

Denn – so Irmschler – man dürfe nicht nur auf die Nazis schauen, sondern auch auf Menschen, die sich in ihrem Alltag darauf einrichten, sich arrangieren oder aktiv wehren. Paula Irmschler erklärt nicht, sie guckt genau hin und beschreibt. Sie lasse sich nicht mehr einreden, für irgendetwas zu dumm zu sein, weil sie aus dem Osten komme und eine Frau sei: "Man denkt, man hat nur Experten um sich herum, aber das stimmt nicht. Wenn man ein bisschen hinter die Fassade guckt, merkt man: Das ist auch nur Wikipedia-Wissen."

Aus ihrem Roman "Superbusen" könnte übrigens bald ein Film werden. Interesse gäbe es bereits, verrät Paula Irmschler.

Mehr zur ostdeutschen Identität

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. Dezember 2020 | 12:05 Uhr