"Ein Jahr Corona – ein Blick zurück nach vorn" Leipziger Schriftstellerin Isabelle Lehn über das Gefühl der Ohnmacht

Mit Netflix die Zeit vergeuden, das Internet leerkonsumieren und kein Tag mehr ohne Zoom-Meeting. Den Alltag im Lockdown, wie ihn Isabelle Lehn schildert, kennen viele nur allzu gut. Das Leben ist aus dem Takt geraten: das Verhältnis von Anspannung und Ruhe hat sich verändert. In der Musik und auch in der Medizin nennt man solche Verschiebungen Synkopen. Sich dieser Metapher bedienend betitelt die in Leipzig wohnende Schriftstellerin Isabelle Lehn ihre Erfahrungen auch als "Synkope".

Autorin Isabelle Lehn posiert für ein Photo und schaut in die Kamera.
Die 1979 in Bonn geborene Schriftstellerin und Philologin Isabell Lehn widmet sich in ihrer Kolumne dem Gefühl der Ohnmacht. Bildrechte: A. Sophron

Synkope

Synkopen unklarer Ursache sind alle Synkopen, die sich nicht klar einordnen lassen.

Ich kann nichts mehr klar einordnen, seit die Zeit wie ausgesetzt ist. Wenn ich in Unordnung gerate, verzeihe ich mir großzügig. Es passiert ja nicht wirklich. What happens in lockdown stays in lockdown. Also darf ich darf jetzt alles, weil alles Ausnahme ist. Hinübersein, bevor der Tag endet, mit meinen Netflixfreunden die Zeit verschwenden und das Internet leerkonsumieren - Später funktioniere ich dann wieder. Später ist mein großes Versprechen. Dann mache ich auch wieder Sport, die Synkope geht mit einem Verlust der Haltungskontrolle einher.

Ein Zustand der Ohnmacht

Später also, wenn die Welt zurück in den Takt finden wird, und der Atemstillstand, das Aussetzen des Herzschlags, der Zustand der Ohnmacht, in dem die Betroffene seit einem Jahr vegetiert (infolge von Mangeldurchblutung des Gehirns), rückblickend bloß eine Synkope gewesen ist. Das Leben davor wird nahtlos in ein Danach übergehen, später wird sich wieder wie früher anfühlen – und irgendwann wieder sein wie es war einmal. Glaub dir doch keine Märchen!, sagt die Stimme in meinem Kopf, während ich Dinge, die meine Freunde geworden sind, seit sie mir die Freunde ersetzen, von einem Zimmer ins andere trage. Ich räume die Wohnung auf, die meine Welt geworden ist. Es war noch nie so leicht, die Welt in Ordnung zu bringen, und danach setze ich mich an den Schreibtisch und schiebe Wörter hin und her, um nach der Welt auch mich selbst zu retten und Ordnung in meine Gedanken zu bringen.

Eine Zeit, die nur noch aus Synkopen besteht

Schreiben kann man das nicht nennen, denn seit die Tage sich gleichen, wissen sie nichts mehr voneinander. Sie kennen sich nicht, leben nebeneinander her, isoliert von einem Zusammenhang, der sich früher einmal Zeit genannt hat. Nach heute kommt heute. Und dann wieder: heute, und woran anknüpfen, wenn man kein gestern mehr hat und morgen vergeblich erwartet? Ich schreibe fast nur noch Anfänge. Jeder Tag ist ein Anfang, ein Aufraffen, ohne Ziel, ohne Plan. Das ganze letzte Jahr ist eine Schublade voller Anfänge, an denen ich nicht weitergearbeitet habe. Schließlich lohnt es sich nicht mehr zu planen.

Woran anknüpfen, ohne gestern zu haben, und wie weitermachen, wenn es morgen nicht gibt?

Es lohnt sich auch nicht, eine Erinnerung zu haben, über Strukturen nachzudenken oder einen Roman zu entwerfen, wenn man die Welt, in der er spielen soll, nicht mehr versteht. Meine Vorstellungskraft ist begrenzt. Ich kann mir noch immer nicht vorstellen, was vor einem Jahr undenkbar gewesen wäre: Das Verbot zum Beispiel, allein auf einer Parkbank zu sitzen, denn um allein etwas Sonne zu tanken, müsse man sich noch lang nicht im Park aufhalten. Aber zum Glück zählt das ja nicht. Und selbst das Nichtschreiben zählt ja nicht mehr, es wird bloß eine Synkope gewesen sein, irgendwo in der Wortmitte, der unbetonte Vokal zwischen zwei Konsonanten.

Mal wieder etwas zu Ende zu denken

Was ich mir für die Zeit danach wünsche? Mal wieder etwas zu Ende zu denken. Ein Wort zu schreiben, das ich nicht wieder löschen muss. Einen Satz mit einem Punkt abzuschließen und darauf zu vertrauen, dass ihm ein weiterer Satz folgen wird. Und zwar nicht irgendein Satz, sondern einer, der sich auf etwas bezieht. So etwas wünsche mir. Beziehungen zwischen den Wörtern. Zwischen anderen Menschen und mir, Verbindungen zu den Orten, an denen ich mein Tage verbringe. Ich wünsche mir, dass es wieder einen Zusammenhang gibt.

Buch-Cover Isabelle Lehn, Frühlingserwache
Isabelle Lehns zuletzt erschienener Roman "Frühlingserwachen". Bildrechte: S. Fischer

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. März 2021 | 07:10 Uhr

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