Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
MDR KULTUR im RadioMDR KULTUR im FernsehenÜber unsKontaktSuche
Jana Hensel, ostdeutsche Autorin und Journalistin Bildrechte: imago/Kathrin Schubert

Interview

Was Ostdeutsche und Migranten vereint: Jana Hensel über ihr Buch zur deutschen Geschichte

Stand: 23. November 2020, 14:31 Uhr

Die in Leipzig aufgewachsene Journalistin Jana Hensel hat gemeinsam mit der Migrationsforscherin Naika Foroutan ein Sachbuch über die deutsche Geschichte seit der Widervereinigung geschrieben. "Die Gesellschaft der Anderen" erzählt diese Geschichte aus der Perspektive von Ostdeutschen und Migranten. Denn beide Gruppen haben vieles gemeinsam – etwa, dass sie von der westdeutschen Mehrheitsgesellschaft stigmatisiert werden, sagt Hensel im Interview.

Ihre Co-Autorin Naika Foroutan ist im Westen Deutschlands aufgewachsen, mit einer deutschen Mutter und einem iranischen Vater. Sie bezeichnet sich selbst als Postmigrantin. Sie sind in Leipzig aufgewachsen, als die Mauer noch stand. Ich nehme mal an mit einer ostdeutschen Mutter und einem ostdeutschen Vater. Wie kam es zu diesem Buch, zur Zusammenarbeit?

Naika Foroutan hat den großen Schritt gemacht und hat sich als Migrationsforscherin mit den Ostdeutschen beschäftigt. Sie hat eine Studie herausgegeben, vor zwei Jahren, in der sie die Einstellungen der Mehrheitsgesellschaft gegenüber Ostdeutschen und gegenüber Muslimen miteinander verglichen hat. Und dabei hat sie festgestellt, dass sich diese Einstellungen, Vorurteile, Stereotypen, Stigmatisierungen überraschend ähnlich sind. Und ich glaube, aus dem Vergleich der Ostdeutschen mit Menschen mit Migrationshintergrund, da ergeben sich für uns Ostdeutsche sehr viele neue Erkenntnisse.

Ihr gemeinsames Buch heißt "Die Gesellschaft der Anderen", und mit den Anderen sind die Ostdeutschen und die Migranten gemeint. Die machen ja immerhin zusammengenommen die Hälfte der deutschen Bevölkerung aus. Die andere Hälfte besteht dann also, einfach ausgedrückt, aus Westdeutschen. Was genau möchten Sie denen mit Ihrem Buch vermitteln?

Die Berliner Migrationsforscherin Naika Foroutan hat das Buch gemeinsam mit Jana Hensel geschrieben. Bildrechte: MDR/Tellux

Man muss es noch genauer sagen. Man muss sagen "weiße Westdeutsche", wenn man die migrantische Perspektive einbeziehen will.

Wir machen in diesem Buch etwas völlig Neues: Wir erzählen die Geschichte Deutschlands der letzten 30 Jahre aus einer migrantischen und aus einer ostdeutschen Perspektive. Wir stellen dabei fest: Wenn wir aus diesen beiden Perspektiven schauen, dann ergeben sich völlig andere Zäsuren. Es ergeben sich völlig neue historische Daten.

Für die migrantische Community ganz wichtig: die Einführung des doppelten Staatsbürgerrechts beispielsweise. Die Sarrazin-Debatte war für die migrantische Community enorm wichtig – plötzlich dieser Rassismus aus der bürgerlichen Mitte. Für die Ostdeutschen hingegen natürlich '89, die Nachwendezeit, die Einführung von Hartz IV, das Jahr 2015, der sichtbar gewordene Rechtsruck.

Das heißt, was machen wir in dem Buch? Wir versuchen tatsächlich, eine neue Geschichte Deutschlands zu erzählen, weil wir glauben, dass die bisherige Perspektive, diese rein weiße westdeutsche Perspektive, im Prinzip über das Land nicht mehr viel aussagt. Weil, wie Sie ganz zu recht gesagt haben: Ostdeutsche und Migranten sind große Gruppen innerhalb dieser Gesellschaft. Es sind keine marginalen, wenngleich jedoch marginalisierte Gruppen. Und um das ein bisschen aufzubrechen, haben wir uns beide zusammengesetzt und dieses Buch gemacht.

Wir versuchen tatsächlich, eine neue Geschichte Deutschlands zu erzählen, weil wir glauben, dass die bisherige Perspektive, diese rein weiße westdeutsche Perspektive, im Prinzip über das Land nicht mehr viel aussagt.

Jana Hensel, Autorin und Journalistin

Sie haben die Studie erwähnt. In dem Buch wird die These aufgestellt, dass auch Ostdeutsche 1990 in die Bundesrepublik eingewandert sind, also auch Migranten sind. Welche Verbindungen gibt es denn da zwischen den Migranten und den Ostdeutschen?

Naika Foroutan und Jana Hensel erzählen in ihrem Buch "Die Gesellschaft der Anderen" die Geschichte der Bundesrepublik aus migrantischer und ostdeutscher Perspektive. Bildrechte: Aufbau Verlag

Die Ostdeutschen haben natürlich auf eine Art ihre Heimat verloren. Aber sie mussten dafür nicht umziehen. Aber dieser doch wieder ganz umfängliche und allumfassende Systemwechsel, der Wechsel in den Bezugssystemen, in den Ritualen, in den Werten, in dem, was man bisher geglaubt hat, in den Perspektiven.

Die Öffentlichkeit hat sich völlig verändert, es ist eine westdeutsch dominierte Öffentlichkeit geworden, der große Elitentransfer von West nach Ost und so weiter. Also diese enorme Zäsur, die sich in nahezu allen ostdeutschen Biografien mit '89/'90 ereignete – ich glaube, die kann man tatsächlich vergleichen mit dem Wechsel in ein neues Land, mit dem Wechsel in eine andere Gesellschaft.

Und dafür ist auch das Buch da – es gibt natürlich auch sehr viele Unterschiede zwischen beiden Gruppen. Ein Vergleich dazu, Unterschiede und Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. Ein großer Unterschied ist natürlich: Ostdeutsche sind nicht von Rassismus betroffen. Gleichzeitig erleben Ostdeutsche Diskriminierung, Marginalisierung, Abwertung und Stigmatisierung. Da verbinden sich diese beiden Gruppen wieder miteinander.

Und wenn wir solche Phänomene, wie Abwertung, Diskriminierung und so weiter, beschreiben wollen, ist es sehr viel einfacher, wenn sich quasi mehrere Gruppen, die dieselben Prozesse erleben, zusammenschließen. Dann wird diese Mehrheitsgesellschaft sehr viel kleiner, sehr viel übersichtlicher. Und vor allem ist sie nicht mehr so mächtig.

Was bedeutet das, diese These, auch für den politisch so heftig umstrittenen Begriff der Migration?

Dafür bedeutet diese These weniger. Aber sie bedeutet viel für die Frage Ungleichheit. Das ist ein wichtiges Thema in unserem Buch. Wir stellen fest, anders als es sich Deutschland selbst verspricht, diese Gesellschaft ist nicht wirklich gerecht. Es gibt eine große strukturelle Ungleichheit in dieser Gesellschaft, und diese strukturelle Ungleichheit erzählt sich ganz genau entlang von Gruppen. Menschen mit Migrationsgeschichte verdienen weniger, haben ein geringeres Vermögen – genauso wie Ostdeutsche. Menschen mit Migrationshintergrund sind noch weniger in der Elite vertreten als Ostdeutsche. Dafür dient dieses Gespräch.

Wir müssen uns nach 30 Jahren Wiedervereinigung konstatieren: In diesem Land herrscht eine große strukturelle Ungleichheit. Und wir müssen uns fragen, wie wir die beheben, weil wir sehen, wie viele Konflikte daraus entstehen.

Jana Hensel, Autorin und Journalistin

"Einigkeit, Freiheit und das Recht auf Gleichheit. Über unsere Zukunftsvision", so lautet der Titel des letzten Kapitels ihres Buches. Darin wünschen Sie sich ein neues Wir. Was glauben Sie, wie könnte das entstehen?

Deutschland ist ein so interessantes Land. Wir haben so viele Menschen mit so unterschiedlichen Biografien. Wir haben nicht nur eine Identität als Einwanderungsgesellschaft, sondern wir haben auch eine stark wiedervereinigte Identität und gerade die Ostdeutschen haben eine so reichhaltige Geschichte in den letzten Jahrzehnten erlebt.

Menschen mit Migrationsgeschichte haben so viel zu erzählen. Es ist ein so spannendes und vielfältiges und natürlich äußerst konfliktreiches Gebilde, dieses heutige Deutschland. Es ist wert, sich dem in aller Vielfalt zuzuwenden.

Das Gespräch führte MDR KULTUR-Moderatorin Constanze Kittel.

Angaben zum BuchNaika Foroutan, Jana Hensel: "Die Gesellschaft der Anderen"
356 Seiten
22 Euro
Aufbau Verlag

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 20. November 2020 | 13:10 Uhr