Buchtipp "Gebrauchsanweisung fürs Zugfahren" Tangermünde – Paris – Stockholm: Jaroslav Rudiš auf literarischer Zugreise durch Europa

Jaroslav Rudiš zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen Autoren Tschechiens. Zuletzt feierte er mit seinem Theaterstück "Anschluss" Uraufführung im Staatsschauspiel Dresden. Mit seinem erfolgreichen Roman "Winterbergs letzte Reise" war Rudiš für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. In beiden Werken spielen Züge eine große Rolle. Da scheint es nur folgerichtig, dass der Schriftsteller jetzt eine "Gebrauchsanweisung fürs Zugfahren" vorgelegt hat – mit Zwischenstopp in Tangermünde.

Jaroslav Rudis im Zug
Jaroslav Rudiš wurde 1972 im tschechischen Turnov geboren. Er studierte Deutsch und Geschichte und lebt heute in Lomnice nad Popelkou und Berlin. Bildrechte: Michael Ernst

Eigentlich wollte Jaroslav Rudiš Lokführer werden. Doch weil die tschechoslowakischen Staatsbahnen damals keinen Brillenträger einen Zug steuern ließen, wurde er Schriftsteller. Seine Liebe zur Eisenbahn findet sich seitdem in seinen Büchern wieder. So war sein Roman "Winterbergs letzte Reise" auch ein großer Eisenbahnroman – und in gewisser Weise der Anlass, dass Rudiš ein weiteres Buch übers Zugfahren geschrieben hat.

Auszug aus "Gebrauchsanweisung fürs Zugfahren" von Jaroslav Rudiš Es gab einen Leser von Winterbergs letzte Reise, der ist auf mich zugekommen und sagte, Herr Rudiš, das ist ein tolles Buch. So viele Eisenbahnen. Die Geschichte und die Eisenbahnen. Wunderbar! Was mir aber ein wenig gefehlt hat: die Lok-Beschreibungen. Das nächste Mal vielleicht ein bisschen mehr Lok-Beschreibungen und das wird dann ein richtig perfektes Buch.

Eisenbahnmensch ist nicht gleich Eisenbahnmensch

 Blick aus dem Zugfenster auf dem Cover von "Gebrauchsanweisung fürs Zugfahren" von Autor Jaroslav Rudiš.
"Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen" ist eine Ode an die Schönheit des langsamen Reisens Bildrechte: Piper Verlag

Ein Kapitel über Loks bildete deshalb den Anfang des Buches. Und weitere folgten, denn Eisenbahnmensch ist nicht gleich Eisenbahnmensch. Unter den Bahnbegeisterten gibt es Tunnelmenschen, Bahndammmenschen, Schienenmenschen oder Bahnhofsuhrenmenschen. Er selbst habe keine Bahnspezialisierung, schreibt Rudiš. Dafür entpuppt er sich in seinem neuen Buch als Generalist, für den sich das Zugfahren mit ganz grundsätzlichen Fragen verbindet.

Aus "Gebrauchsanweisung fürs Zugfahren" Das ist auch so eine Welt an sich: die Weiche. Ich liebe auch die Weichen. Sie sind letztlich ein wichtiger Bestandteil vom Eisenbahnleben und von jedem Bahnhof. Man weiß auch nicht, wohin uns die Reise führt. Immer stehen wir vor einer Weiche, die jemand vielleicht auch für uns stellt. Wir sind das oft nicht. Das hat auch etwas Philosophisches und Metaphysisches.

Hašeks, Dvořáks und Goethes Beziehung zum Zugfahren

Antonin Dvorak
Ein "Trainspotter" beobachtet hobbymäßig Züge. In Komponist Antonín Dvořák erkennt Rudiš so einen Menschen. Bildrechte: imago/CTK Photo

Seine Begeisterung für Züge führt Rudiš zu den Großen der tschechischen Literatur wie Jaroslav Hašek, aber auch zum böhmischen Komponisten Antonín Dvořák, der sich als "Trainspotter" erweist, und zu Johann Wolfgang von Goethe, der sich stets über die Neuerungen des Eisenbahnwesens unterrichten ließ. Heinrich Heine dagegen empfand beim Reisen mit dem Zug ein "unheimliches Grauen". Das Bahnfahren töte den Raum, schrieb der Dichter. Jaroslav Rudiš geht es anders. Ihm eröffnet das Bahnfahren Räume, wenn er mit dem Zug durch Europa fährt.

Aus "Gebrauchsanweisung fürs Zugfahren" Allein diese Wahrnehmung, wie sich die Landschaft und wie sich Europa verändert. Wie die Farben sich verändern, wie die Züge sich verändern und auch die Fahrgäste. Manchmal sind die Züge voll. Manchmal sind die Züge laut. Und dann bist du in Lappland. Und du hast eine unglaubliche Stille. Und dann kommst du in einen meditativen Zustand. Und du betreibst, ob du willst oder nicht, eine Art Eisenbahnyoga.

Zugstrecke nach Tangermünde

Sitzplätze in einer Bahn
Die Bahn als Ort der Begegnung Bildrechte: MDR/Helena Šulcová

Beim Zugfahren geht es Jaroslav Rudiš nie wirklich um Schnelligkeit. Eher um das Erkunden von Landschaften, das Einlassen auf andere Orte und andere Menschen – gerne im Speisewagen mit Blick aus dem Fenster und einem guten Bier vor sich. Einige der schönsten Strecken, die Rudiš beschreibt, liegen dabei in Mitteldeutschland.

Aus "Gebrauchsanweisung fürs Zugfahren" Ich liebe diese kleine, kurze Bahn nach Tangermünde. Das sind nur ein paar Kilometer, aber das sind tolle historische Orte, die mich auch inspirieren. Und wenn man in Tangermünde sehr früh am Morgen in den Zug einsteigt, ist man am Abend in Paris oder in Stockholm.

Liebeserklärung ans Zugfahren

Diese Gebrauchsanweisung ist eine Liebeserklärung ans Zugfahren. Und eine große Reiseerzählung. Denn wenn Jaroslav Rudiš unterwegs ist, dann lauscht er den Loks ihre Melodie ab. Er riecht das Eisenbahnparfüm aus Steinkohle, Schmieröl und Wasserdampf. Und er hört den Berichten der anderen Reisenden zu. Am Ende dieses sehr klugen und unterhaltsamen Buches fühlt man sich als Leser beinahe wie ein Lokführer: Die Fenster des Zuges sind auch die Fenster zur Welt.

Ein Bahnsteig mit einem Zug
Unterwegs in Tschechien, Mitteldeutschland und Europa Bildrechte: MDR/Helena Šulcová

Mehr zum Buch Jaroslav Rudiš: "Gebrauchsanweisung fürs Zugfahren"
Piper Verlag, 256 Seiten
ISBN 978-3-492-27749-5

Mehr zu Jaroslav Rudiš

Jaroslav Rudis im Zug 4 min
Bildrechte: Michael Ernst

Der tschechische Autor Jaroslav Rudiš macht das Unterwegssein zu seinem Thema und hat eine "Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen" verfasst. Michael Ernst hat mit ihm darüber gesprochen. Wo? In der Bahn.

MDR SACHSEN - Das Sachsenradio Mo 11.10.2021 21:20Uhr 04:12 min

https://www.mdr.de/sachsenradio/audio-jaroslav-rudis-gebrauchsanweisung-zugreisen-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio
Jaroslav Rudiš, gestikulierend 55 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. Oktober 2021 | 08:10 Uhr