"Trotzig lächeln und das Weltall streicheln" Schriftsteller Lutz Rathenow wird 70 und schenkt sich ein Buch

Der Schriftsteller Lutz Rathenow ist Autor und Lyriker, war DDR-Dissident und Sachsens Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Ein facettenreiches und spannendes Leben, auf das er jetzt in einem Buch zurückblickt. Doch Rathenow spielt mit dem Genre, eine schlichte Autobiografie wäre ihm zu simpel gewesen. Und so ist sein Buch "Trotzig lächeln und das Weltall streicheln" eine faszinierende literarische Reise in Prosa-Puzzlestücken geworden.

Ein Mann steht vor einem Regal voller Blätter
Der DDR-Oppositionelle Lutz Rathenow, Lyriker und Prosaautor, bei einem Fototermin in seinem Büro. Bildrechte: dpa

"Das Schlimmste liegt immer in der Zukunft", sagt Lutz Rathenow in seinem neuen Buch mit dem verschmitzt klingenden Titel "Trotzig lächeln und das Weltall streicheln". Und eher hintersinnig ist wohl auch seine so pointiert formulierte Zukunftsangst zu verstehen. Schließlich hat der am 22. September 1952 in Jena geborene Autor über eine Vergangenheit zu berichten, die oftmals schlimm genug gewesen ist.

Rathenow als Dissident in der DDR

Buchcover mit einem älteren Bild von Lutz Rathenow
Das Cover von Lutz Rathenows "Trotzig lächeln und das Weltall streicheln" Bildrechte: Kanon Verlag

"Das war ja durchaus eine kleine Mini-Karriere in der DDR als Lyriker und auch als Mini-Dramatiker, immerhin zwei Kurzhörspiele von mir sind damals noch gesendet worden", berichtet Rathenow. Ein weiteres Hörspiel ist nun im neuen Buch enthalten. Doch dieser "Mini-Karriere" war ein jähes Ende beschert.

Der mögliche Grund waren im westdeutschen Heyne-Verlag veröffentlichte Science-Fiction-Texte des Thüringers. "Wenn ich das heute lese", erzählt er im MDR-Gespräch, "sind das gesellschaftliche Dystopien verschiedener Art. Eine ist sehr heiter, eine eher düster. Naiv-freche Geschichten also. Gleichzeitig erschienen dann aber die ersten konfliktbeladenen Sachen, die mich in den Dissidentenstatus hineinmanövriert haben."

Rückblick auf sieben Jahrzehnte und "sehr viel Unveröffentlichtes"

Zu seinem 70. Geburtstag blickt Rathenow nun gelassen auf diese Jahre zurück und hat sich mit einem Buch beschenkt, das partout in kein Genreschubfach passen will. Darin lässt er sein Leben Revue passieren, sieht die Texte aber nicht als Autobiografie.

"Nein, es ist etwas aus lauter kleineren Prosa-Puzzlestücken. Es ist sehr viel Unveröffentlichtes dabei. Ich sichte mein Archiv, meine Skizzen. Daraus hat sich das Bedürfnis entwickelt, mit einem tollen neuen Verleger – der zufälligerweise wie ich aus Jena, aber aus einer anderen Generation stammt – eine ganz eigene Art der Lebensbesichtigung zu entwerfen."

Rathenow ist neugierig auf die eigene Vergangenheit geblieben und sichtet in "Trotzig lächeln und das Weltall streicheln" – teilweise geradezu märchenhaft – das einstige Kinderzimmer, die frühen Streitereien mit der kleineren Schwester, um dann in mehreren Texten ganz rasch durch die verschiedensten Stationen seiner DDR-Jahre zu gehen.

Keine Autobiografie, sondern eine "romanhafte Romanvermeidung"

Er selbst beschreibt das Buch gewordene Ergebnis seiner Rückblicke so: "Das ist Literatur, natürlich, manchmal sogar Poesie, außerdem reportagehafte Texte über ein DDR-Kulturinstitut in Montevideo [das die DDR überdauert hat, Anm.: Michael Ernst]. Oder meine Reflexionen in Kaliningrad, die heute eher beklemmend aktuell sind." Es habe sich eine Lebensbesichtigung ergeben, die eben nicht alles erklären wolle, so Rathenow, sondern "die auf sich selbst neugierig ist und etwas präsentiert, was man als widersprüchliche Persönlichkeit bezeichnen kann. Also so eine romanhafte Romanvermeidung."

Zehn Jahre lang war Lutz Rathenow Sachsens Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Noch heute kann er darüber staunen, wie es dazu gekommen ist: "In kürzester Zeit wurde ich in das Amt gehievt, das ich nie bekommen hätte, wenn ich mich darum bemüht hätte." Über diese Zeit als Landesbeauftragter finde sich "eine ganz merkwürdige Geschichte" in dem Buch.

Lutz Rathenow: Je älter, desto rastloser

Längst ist Rathenow wieder hauptberuflich Literat – und das offenbar rastloser denn je. Denn er sieht seinen Geburtstag augenzwinkernd als "Anlass zur Lebensbeschleunigung". Der Schalk ist ihm also geblieben:

Je älter man wird, desto mehr muss man noch machen, dass man das machen kann, was man machen will.

Lutz Rathenow

Ein Mann mit Brille, Anzug, grauen Haaren und Bart
Lutz Rathenow sieht seinen70. Geburtstag augenzwinkernd als "Anlass zur Lebensbeschleunigung". Bildrechte: dpa

Auch Rathenows jüngstes Buch, das er mit dem Untertitel "Mein Leben in Geschichten" versehen hat, steckt stellenweise voller Sarkasmus, ist aber auch Ausdruck einer durch Höhen und Tiefen erworbenen Lebenshaltung.

In nächster Zukunft wird sich der heute in Berlin lebende Autor wohl kaum zur Ruhe setzen, auch wenn er noch nicht über die nächsten Vorhaben spricht. Nur so viel mag er verraten: "Man soll auch ein bisschen klüger werden im Laufe des Lebens. Eine Maxime wäre dann doch: Nicht so viel verkünden, sondern es doch lieber tun."

Redaktionelle Bearbeitung: op, Hendrik Kirchhof

Angaben zum Buch Lutz Rathenow: "Trotzig lächeln und das Weltall streicheln"
Untertitel: Mein Leben in Geschichten
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Marko Martin
272 Seiten, gebunden, 24 Euro
ISBN: 978-3-98568-050-4
Kanon-Verlag Berlin

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. September 2022 | 13:40 Uhr