Sachbuch "Die Matrosen der Schweiz" Mit Jens Sparschuh auf Streifzug durch die Welt der schönen Künste

In seinen Romanen hat sich Autor Jens Sparschuh auf Komik mit Tiefgang spezialisiert. Mit "Der Zimmerspringbrunnen" hat der 1955 in Chemnitz (damals Karl-Marx-Stadt) geborene Schriftsteller einen der unterhaltsamsten Wenderomane geschrieben. Nun legt er mit "Die Matrosen der Schweiz" ein Sachbuch mit Texten zur Kunst vor. Es ist ein Streifzug durch die Welt der schönen Künste, begleitet von Kolleginnen und Kollegen, die sie auf unverwechselbare Weise geprägt haben.

Buchcover – Jens Sparschuh: „Die Matrosen der Schweiz“ 4 min
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Der in Chemnitz geborene Autor Jens Sparschuh beleuchtet in seinem neuen Sachbuch "Die Matrosen der Schweiz" die Welt der schönen Künste. Tino Dallmann hat das Buch für MDR KULTUR gelesen.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 29.12.2021 06:00Uhr 04:09 min

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Es kann kein Zufall sein, dass im Buch "Die Matrosen der Schweiz" sehr früh von Karl May die Rede ist. Der tarnte seine Abenteuergeschichten schließlich als Reiseberichte, und etwas Ähnliches unternimmt Autor Jens Sparschuh in seinen Texten. Nur führen seine Reisen nicht in den Orient oder den Wilden Westen, sondern in die Welt der Kunst. Sparschuhs neues Buch versammelt Texte aus den letzten eineinhalb Jahrzehnten. Sie widmen sich mal den Bildern von Reinhard Minkewitz, einer Hörspielbearbeitung des Zauberbergs und einmal auch der ganz persönlichen Suche nach Leonard Cohen.

Aus "Die Matrosen der Schweiz":

Jahrzehntelang bin ich zu ihm unterwegs gewesen. Im Grunde war es dabei immer im Kreise gegangen. Zuerst drehte sich endlos die eine aus Westberlin eingeschmuggelte LP in meiner Dachkammer; das braunstichige Porträtfoto Cohens schaute dabei ernst vom Cover auf das chaotische Innenleben meines verwinkelten Zimmers. Später, als ich viel einfacher, dafür aber auch viel unpersönlicher per Knopfdruck zu meiner akustischen Droge kam, hörte ich der Reihe nach alle meine Cohen-CDs durch, bis ich wieder ganz am Anfang war und es in eine neue Runde ging.

Ein Buch voller Kenntnisreichtum und Neugier

Was sofort auffällt: Jens Sparschuhs Auseinandersetzung mit der Kunst haftet nichts Elitäres an. Vielmehr ist sie geprägt von Kenntnisreichtum und Neugier. Die werden zum Beispiel deutlich, als Sparschuh die Bücher von Irmtraud Morgener und Karl Mickel wiederentdeckt. Oder als er sich darüber Gedanken macht, warum sich die Werke von Arno Schmidt am besten als Hörbuch erschließen.

Aus "Die Matrosen der Schweiz":

Was am gedruckten Schmidt-Text so wahnsinnig kompliziert anmutet, dient jedoch einem einfachen Zweck. Indem Schmidt penibel jede Lautung notiert, führt er Regie über das Lesen; er verwandelt uns Leser in Hörer. Wir hören auf das, was wir stumm – wie Schulanfänger, die sich noch alles zusammenbuchstabieren müssen – mit den Lippen lesen.

Sparschuhs Liebe zum Hörbuch

Der Autor Jens Sparschuh schimmert in den Texten immer wieder durch – auch mit seiner Liebe zum Hörbuch. So folgt er Lenka Reinerová durch das alte Prag, lauscht den Briefen von Heinrich Heine und Johann Wolfgang von Goethe, und er gleicht die als Hörbuch erschienen Neuübersetzungen von Swetlana Geier mit seinen alten Dostojewski-Ausgaben ab.

Aus "Die Matrosen der Schweiz":

Die in der Regie von Gert Westphal für den NDR besorgte Hörspielvariante von 'Der Spieler' aus dem Jahre 1956 sollte man dennoch nicht ignorieren […]. Sie hat ganz eigene Reize. Wenn die reiche, vermeintlich im Sterben liegende Erbtante, wie das bei derartigen alten Tanten so üblich ist, eines Tages putzmunter aus Moskau mit der Eisenbahn andampft und die ganze Casino-Gesellschaft gehörig durcheinanderbringt, wird diese Inszenierung fast zur Ku’damm-Komödie. Ein richtiger Klassiker hält auch das aus.

Ein Kunstverführer voller Freude und Humor

Jens Sparschuhs neuestes Buch trägt den Untertitel "ein Logbuch". In Wahrheit ist es ein Literatur- und Kunstverführer: Denn in jedem Text schwingt die Freude an der Kunst mit sowie der feinsinnige und manchmal auch kalauernde Humor des Autors. In einer Betrachtung zu Vladimir Nabokov als Leser lässt es sich Sparschuh zum Beispiel nicht nehmen, folgende Anekdote zum Besten zu geben.

Aus "Die Matrosen der Schweiz":

In einem Interview für die 'New York Times Book Review' vom 9. Januar 1972 antwortete Vladimir Nabokov auf die Frage nach seinem Platz in der Literatur lapidar: 'Fabelhafte Aussicht' von hier oben. Diese Aussage – in ihrer Souveränität und lässigen Frechheit typisch für Nabokov – ist vor allem eines: wahr.

Und die Matrosen der Schweiz? Die sind mitten unter uns. Nur sind sie schwer auszumachen, weil sie laut Sparschuh jede Staatsangehörigkeit und jeden Beruf annehmen können. Sie träumen zwar vom Meer, hassen aber Wasserbetten und Tätowierungen. Ihre Reise ist die, die wir alle unternehmen: die Reise des Lebens. Mit der Kunst – das zeigen Sparschuhs Texte auf meisterliche Weise – ist diese Reise um ein Vielfaches erfüllender und vergnüglicher.

Buchcover – Jens Sparschuh: „Die Matrosen der Schweiz“
Bildrechte: Kiwi Verlag

Mehr Informationen "Die Matrosen der Schweiz" von Jens Sparschuh
Kiepenheuer und Witsch Verlag
192 Seiten
ISBN: 978-3-4620-5506-1

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