Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
MDR KULTUR im RadioMDR KULTUR im FernsehenÜber unsKontaktSuche

Roman "Flug der Flamingos"Jens Wonneberger aus Dresden beschreibt das Unerklärbare

von Ulrich Rüdenauer, MDR KULTUR

Stand: 12. Januar 2022, 15:39 Uhr

Der Schriftsteller Jens Wonneberger wurde 1960 in Großröhrsdorf geboren und lebt in Dresden: In einigen seiner Bücher beschäftigt er sich auch mit der Stadtgeschichte Dresdens. Und: Er ist Spezialist für schmale, hochverdichtete Romane, die oft von Einzelgängern erzählen, die sich mit der sie umgebenden Welt irgendwie arrangieren müssen. Im letzten Jahr schaffte er es mit "Mission Pflaumenbaum" auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Jetzt liegt sein neuer Roman "Flug der Flamingos" vor.

Dafür, dass dem Ich-Erzähler sein Nachbar Rimböck angeblich gleichgültig ist, verfolgt er dessen Leben doch ziemlich obsessiv: Jeden Morgen beobachtet er seinen hektischen Aufbruch, sein geckenhaftes Gebaren, seine Großspurigkeit. Dafür, dass der Ich-Erzähler keine Beziehung zu diesem Rimböck hat, entwickelt er zuweilen einen geradezu Thomas-Bernhard-haften Furor, um ihn sich zu vergegenwärtigen.

Zitat aus "Flug der Flamingos""Schon allein sein Name! Wer heißt schon Rimböck? Der Name, dachte ich manchmal, taugt doch eher als Maßeinheit für Ärger und Unannehmlichkeiten aller Art, schlechtes Wetter war mir egal, aber kalter Kaffee – ein Rimböck, die steigenden Zigarettenpreise – zwei Rimböck, mindestens, und dann immer so weiter, ein sorgfältig ausgedachtes Punktesystem der Verdrießlichkeit, eine nach oben offene Unheilskala."

Wie wird man ein Misanthrop?

Rimböck ist nicht der einzige, der des Erzählers Unmut weckt. Es gibt da noch einen alten, lästigen Schulkameraden, der Kratzer heißt – ja, die Namen hier sind alle ziemlich sprechend:

Zitat aus "Flug der Flamingos""Kratzer, der mir mit seinem onkelhaft gutmütigen Getue nun auch immer mehr auf die Nerven ging. Dabei war er ein lieber Kerl und rührend um mich besorgt, aber gerade das war das Problem."

Man kommt nicht als Misanthrop auf die Welt. Und so ist auch Jens Wonnebergers traurig-missgelaunter Held kein Menschenfeind qua Geburt. Das Schicksal hat ihm übel mitgespielt, weshalb Kratzer auch den Kümmerer gibt: Katharina, die Frau des Erzählers, wurde von einem Lastwagen überfahren. Von einem Moment auf den anderen war das Unvorstellbare eingetreten, die Zukunft zerschellt, und im Erzähler alles Glück zerbrochen. Das Schlimmste für einen, der es mag: "… wenn die Dinge bleiben, wie sie sind."

Die Banalität des Alltags ist eine Herausforderung

Wonneberger lässt diesen Mann nun auf gut 150 Seiten mit der Banalität des Alltags kämpfen. Er lässt ihn aus dem Gewohnten ausbrechen, den Restauratoren-Job bei den Städtischen Kunstsammlungen kündigen – und zeigt doch, wie sich unvermeidlich neue Gewohnheiten entfalten: der Blick aufs Nachbarhaus, die missmutigen Gedanken über Rimböck, dessen Verschwinden Mutmaßungen und Fantasien in Gang setzt – denn auch solche Beschäftigungen geben dem Haltlosen Halt. Gerade dann, wenn ihn die Erinnerungen an die Geliebte heimsuchen.

Zitat aus "Flug der Flamingos""Sie wollte die Vögel fliegen sehen, einen Himmel voller Flamingos. Wir hatten uns alles genau überlegt, hatten schon alles geplant, nur mit diesem verfluchten LKW hatten wir nicht gerechnet. Und nun würde ich das für unsere gemeinsame Weltreise vorgesehene Geld nutzen, um der Welt allein zu entsagen."

Das Fremde und Unerklärbare am Vertrauten

Jens Wonneberger (2006) Bildrechte: dpa

Katharina ist eine geheimnisvolle Frau gewesen, und vielleicht gerade deshalb anziehend: Über ihre Vergangenheit hatte sie wenig gesprochen. Sie wollte Künstlerin werden, aber von der Kunst hatte sie sich irgendwann abgewandt. Diese Leerstelle spielt noch eine Rolle in diesem Buch, das auf eine Pointe zuläuft, die mit einem rätselhaften Paket, mit Rimböck und vielleicht mit Katharinas früherem Leben zu tun hat. So vertraut und geliebt ein Mensch auch sein mag, es bleibt doch immer eine Fremdheit, eine Ungewissheit, etwas Unverstandenes. Ist das für Rimböck bestimmte, aber an den Erzähler ausgelieferte Paket eine Flaschenpost? Enthält es eine Nachricht aus der Vergangenheit? Von dieser Botschaft, der Fremdheit und dem Unerklärlichen handelt "Flug der Flamingos". Es geschieht darin äußerlich nicht viel. Im Helden dafür umso mehr. Und wie Jens Wonneberger das ohne Sentimentalität und doch nachklingend beschreibt, das ist von schöner Könnerschaft.

Angaben zum BuchJens Wonneberger: "Flug der Flamingos"
154 Seiten, Müry Salzmann Verlag
ISBN 978-3-99014-218-9

Literatur aus und über Dresden

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 01. September 2021 | 11:15 Uhr