Kinderbuch-Tipp J.K. Rowlings "Ickabog": Märchen mit friedlicher Revolution

"Der Ickabog" ist J.K. Rowlings erstes Kinderbuch seit Harry Potter. Ohne das Coronavirus würden die Zettel und Notizen zur Geschichte wohl noch immer in einer staubigen Kiste auf dem Dachboden schmoren, gesteht die Autorin. Denn der Lockdown im Frühjahr 2020 gab den Anstoß. Rowling gab dem Drängen ihrer Tochter nach und schrieb die Geschichte endlich auf. In dem Märchen erzählt die Autorin von der Kraft der Aufklärung und des Miteinander-Redens und stellt brisante philosophische Fragen – nicht nur für Kinder. Jetzt ist "Der Ickabog" auf Deutsch erschienen.

J. K. Rowling
J.K. Rowling hat im Corona-Lockdown das Märchen "Der Ickabog" geschrieben Bildrechte: imago/PA Images

Das Märchen beginnt, wie es sich gehört:

Es war einmal ein kleines Land, das hieß Schlaraffien und wurde seit Jahrhunderten von einer langen Reihe von Königen mit blondem Haar regiert. Zu der Zeit, von der ich hier schreibe, herrschte König Fred, der Furchtlose. Das mit dem "der Furchtlose" hatte er am Tag seiner Krönung selbst verkündet, weil es zusammen mit Fred so schön klang, und außerdem, weil er einmal eine Wespe gefangen und totgeschlagen hatte – und das ganz alleine, wenn man die fünf Diener und den Stiefelknecht nicht mitzählte.

Ein Kinder fressendes Ungeheuer

Da ist er schon – dieser wunderbare Rowling-Erzählton: leicht, ein bisschen spöttisch, spielerisch. So richtig ernst nimmt keiner diesen eitlen König und seine beiden besten, doch recht durchtriebenen Freunde Lord Spuckelwert und Schlabberlot. Den allermeisten im Land geht es gut und kaum jemand kümmert sich um die Marschländer, die in den Sümpfen in Armut leben. Alle stimmen jedoch darin überein, dass im nördlichsten Zipfel des Landes ein Ungeheuer lebt. Es heißt, es würde Kinder und Schafe fressen.

Cover J.K. Rowling "Der Ickabog"
J.K. Rowling "Der Ickabog" Bildrechte: Carlsen Verlag

Die Gewohnheiten und das Aussehen des Ickabog veränderten sich, je nachdem, wer ihn beschrieb. Manche fanden ihn schlangenähnlich, für andere glich er eher einem Drachen oder einem Wolf. Manche behaupteten, er würde brüllen. Andere dagegen sagten, er fauche, und wieder andere, dass er lautlos wie der Nebel einherschwebte ...

Machterhalt und Reichtum

Wie diese Geschichte, tief in den Köpfen der Menschen verankert, schließlich das ganze Land verändert und es an den Rand des Abgrunds führt, davon erzählt J.K. Rowling. Weil es ihrem Machterhalt dient und ihren Reichtum mehrt, beschwören Spuckelwert und Schlapperlot die Monster-Gefahr aus dem Norden herauf. Eine Schutztruppe wird zusammengestellt, überall Bekanntmachungen ausgehängt.

 Ab sofort war es Verrat, Entscheidungen des Königs infrage zu stellen, die Existenz des Ickabog und die Notwendigkeit der Ickabog-Steuer anzuzweifeln. Darüber hinaus war eine Belohnung von zehn Dukaten im Monat dafür ausgesetzt, jemanden anzuzeigen, der behauptete es gäbe keinen Ickabog.

Keine schwarz-weiße Geschichte

Das Waisenkind Harry Potter (Daniel Radcliffe, M) lässt in dem Kinofilm Harry Potter und der Stein der Weisen auf der Schulbank der Hogwarts-Schule für Zauberkunst einen Stab Funken schlagen
Seit ihrer Harry Potter-Reihe hat Rowling kein Kinderbuch mehr geschrieben Bildrechte: dpa

Im Gewand eines Märchens verhandelt J.K. Rowling hochbrisante philosophische Fragen. Was verraten die Ungeheuer, die wir heraufbeschwören über uns selbst? Was macht die Angst vor dem Fremden mit uns? Warum entscheiden sich Menschen, Lügen trotz spärlicher oder gänzlich fehlender Beweise Glauben zu schenken? Wie verändert sich der Einzelne dabei? Nur wenige Personen sind von Anfang an eindeutig gut oder böse. Rowling malt nicht schwarz-weiß. Da ist zum Beispiel Willa Wonnegleich, die zunächst daran zweifelt, dass diese Anordnungen wirklich vom guten König Fred kommen oder ihr Sohn Wim, der sich von seiner Freundin Lilli abwendet, weil sie nicht an den Ickabog glaubt. Und Roderich, der vom schlimmen Raufbold zum verlässlichen Freund wird.

Roderich war sprachlos. Sein Vater hatte ihm beigebracht von jedem nur das Schlimmste zu erwarten, und ihm gesagt, man käme im Leben nur voran, wenn man in jeder Gruppe der Größte, Stärkste und Gemeinste von allen war. Es war nicht einfach für ihn, all das hinter sich zu lassen, was man ihn zu Hause gelehrt hatte.

Gesprächsstoff für alle Generationen

Das alles wird spannend erzählt und steuert auf einen höchst überraschenden Schluss hin. Ohne zu viel vorweg zu nehmen: Es sind die Kinder, die schließlich so etwas wie eine friedliche Revolution herbei führen, im Vertrauen auf die Kraft der Aufklärung und des Miteinander-Redens. J.K. Rowling ist ein wunderbares Buch gelungen. Am besten sollten es Kinder, Eltern und Großeltern gemeinsam lesen. An Gesprächsstoff danach wird es nicht fehlen.

Mehr Informationen J.K. Rowling "Der Ickabog"
Übersetzt von Friedrich Pflüger
Ab acht Jahren
Erschienen bei Carlsen, 346 Seiten
20 Euro
ISBN 978-3-551-55920-3

Mehr Kinderbücher

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | "Unter Büchern" | 10. November 2020 | 18:00 Uhr