Sachsen Autor, Lektor, Buchbinder, Verleger: Wie Jürgen Ritschel Literatur in Sachsen gefördert hat

Mehr als 25 Jahre hat der Autor Jürgen Ritschel die Literaturwerkstatt des Kulturraums Meißen, Sächsische Schweiz, Osterzgebirge geleitet. Davor vermittelte er die Kunst des literarischen Schreibens schon zehn Jahre lang – ganz im Zeichen des "Bitterfelder Weges" – an die Arbeiter des Stahl- und Walzwerkes in Riesa. Nun geht er mit 78 Jahren in Rente. Eva Gaeding hat ihn für MDR KULTUR in seinem Haus in der Sächsischen Schweiz besucht.

Jürgen Ritschel 4 min
Bildrechte: MDR/Eva Gaeding

In Jürgen Ritschels kleinem Büro im Dachgeschoss seines Fachwerkhäuschens steht eine abenteuerlich aussehende Holzkonstruktion. Das hölzerne Gebilde ist eine Buchpresse; der 78-Jährige hat sie selbst konstruiert. Eine leichte Aufgabe für ihn, schließlich hat Ritschel mal Feinwerktechnik studiert und in den 60er-Jahren als Konstrukteur im Zentrum für Forschung und Technik bei Robotron in Dresden gearbeitet.

Vom "Zirkel Schreibender Arbeiter" zur Literaturwerkstatt

Dann trat die Literatur in sein Leben und Ritschel wechselte den Kurs, wagte 1978 den Schritt zum freischaffenden Autor und begann, parallel dazu den Zirkel schreibender Arbeiter im Stahl- und Walzwerk Riesa zu leiten. Dann kam die Wende und mit ihr eine Zeit der Ungewissheit. 1995 übernahm Ritschel dann die Leitung der Literaturwerkstatt des Kulturraumes Meißen, Sächsische Schweiz, Osterzgebirge. Er beschreibt die Anfänge so: "Das war natürlich erst: 'Schreibt mal und wir reden drüber.' Und ich lektoriere schon mal hier und da, gebe Hinweise."

Helmut Jobst, Brigitte Reimann und Siegfried Pietschmann beraten 1961 schreibende Arbeiter.
Helmut Jobst, Brigitte Reimann und Siegfried Pietschmann beraten im Zirkel schreibender Arbeiter werktätige Autoren aus Aue, dem Kombinat "Schwarze Pumpe" und Rönneberg Bildrechte: dpa

Stichwort: "Zirkel Schreibender Arbeiter"

"Zirkel Schreibender Arbeiter" sollten in der DDR das "künstlerische Volksschaffen" anregen. Mehr als 300 entstanden nach der Bitterfelder Konferenz im Jahre 1959. Das Motto lautete "Greif zur Feder, Kumpel!"

Verlagsgründung aus der Not heraus

Um das Jahr 2000 stellte sich bei einzelnen Manuskripten die Frage nach einer möglichen Veröffentlichung. Verlage waren nicht daran interessiert, und einen Literaturagenten konnte sich keiner der Schreibenden leisten. "Und da habe ich dann gesagt: 'Gut ich bin freiberuflich, ich werde also einen Verlag gründen.'", so Ritschel.

Über 50 Bücher hat er seitdem herausgebracht. Schritt für Schritt entstehen sie in Handarbeit. Denn Ritschel ist Lektor, Drucker, Buchbinder und Verleger in Personalunion. Und bis März dieses Jahres war er auch weiterhin der Leiter der Literaturwerkstatt, reiste dazu wöchentlich in fünf verschiedene Städte des Kulturraumes – nach Riesa, Meißen, Pirna, Bad Schandau und Großenhain. Unermüdlich, insgesamt 26 Jahre lang. Angetrieben hat ihn dabei vor allem die Literatur selbst.

Messlatte Weltliteratur

Der Autor mehrerer Romane und Erzählbände nimmt den Prozess des Schreibens sehr ernst. Als Messlatte in seiner Werkstatt diente immer die Weltliteratur, sagt Ritschel "und wer mit dem Niveau nicht klarkam, der ist auch wieder gegangen." Unter seiner Anleitung entstanden so Romane, Erzählungen, Dramatik, "und wir haben gute Lyrikerinnen dabei gehabt, also ich würde sagen, eine Literatur, die sich sehen lassen kann. Aber der große Wurf ist nicht möglich.", meint Ritschel. Aber der muss es vielleicht auch gar nicht immer sein.

Jürgen Ritschel
Jürgen Ritschel hält Renate Pätzolds Erzählungsband "Ein Blick zurück" in den Händen, der bald in seinem Verlag erscheinen wird. Bildrechte: MDR/Eva Gaeding

Lebenserfahrungen zugänglich machen

Kamen anfangs viele Schüler, nehmen inzwischen vor allem ältere Menschen das Angebot wahr. Für Ritschel hat das "den Vorteil, dass die über sehr viele Dinge reden können, die sie erlebt haben. Da gibt es also dann Nachkriegsgeschichten und so weiter, alles Mögliche." Wie zum Beispiel Renate Pätzold, deren Buch "Ein Blick zurück" bald im Verlag Jürgen Ritschel erscheint. Im Klappentext schreibt sie, im Alter sei ihr das Schreiben ein Bedürfnis geworden. Verdichtet zu einem Buch blieben ihre Erinnerungen nicht der Kaffeerunde vorbehalten, sondern wandern zu Freunden und fremden Menschen, bis es vielleicht mal ihre Enkel und Urenkel in der Hand halten.

Aufhören – nicht wirklich

Ritschel hat die Leitung der Literaturwerkstatt nun an seine Nachfolgerin abgegeben. Aufhören wird er mit der Literaturvermittlung aber nicht. Gerade erreichte ihn das Gedicht eines 18-Jährigen aus dem Bekanntenkreis. "Der hat sogar schon 250 Gedichte gemacht. Und da ist so viel gesellschaftliche Brisanz drin, das ist ganz erstaunlich.", sagt Ritschel und wirkt voller Energie. Für Nachwuchs in der Literaturwerkstatt ist wohl gesorgt.

Literatur in und aus Sachsen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 31. März 2021 | 12:10 Uhr

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