Schriftstellerin und Juristin Juli Zeh zur aktuellen Corona-Debatte: Frieden stiften durch Impfpflicht?

Juli Zeh ist Erfolgsschriftstellerin ("Unterleuten") mit Abschluss am Literaturinstitut Leipzig, studierte Juristin und Brandenburger Verfassungsrichterin. Zum Thema Impfpflicht hat sie eine differenzierte Sicht – auch aus juristischen Gründen. Im Gespräch mit MDR KULTUR hat sie ihren Standpunkt dargelegt und erklärt, warum auf die großen "Corona-Romane" noch eine Weile zu warten sei.

Juli Zeh, 2020 20 min
Bildrechte: dpa

Es gehört zu den Erfolgsrezepten der Schriftstellerin Juli Zeh, in ihren Büchern aktuelle politische Themen zu behandeln. Das hat die Autorin, die am Leipziger Literaturinstitut studierte, schon in ihrem Buch "Unterleuten" getan, als sie die Probleme auf dem ostdeutschen Land beschrieb. Oder aber in "Corpus Delicti", als sie von einer Gesundheitsdiktatur schrieb. An das Thema dieses Buches mag man denken, wenn man die Autorin auf die politischen Verwerfungen nach zwei Jahren Pandemie anspricht.

Corona und Freiheitseinschränkungen

Sie kritisiert seit Beginn der Corona-Maßnahmen die Verhältnismäßigkeit von Freiheitseinschränkungen. Nicht nur als Künstlerin, auch als studierte Juristin und Brandenburger Verfassungsrichterin betont sie die Grenzen staatlicher Eingriffe. Eine Haltung, die sie auch gegenüber MDR KULTUR bestätigt, wenn sie nach den aktuellen Corona-Demos gefragt wird, die seit Wochen Tausende Menschen auf die Straßen bringen, die in großen Teilen die Kontakt-Regeln missachten und antidemokratische Kräfte mitlaufen lassen.

Menschen demonstrieren gegen die Impfpflicht
Aktuell finden in Deutschland zahlreiche Demonstrationen gegen die möglichen Coronaregelungen statt. Bildrechte: IMAGO / BeckerBredel

Regeln gelten auch fürs Demonstrieren

Juli Zeh macht mehr die Debatte um diese Demos Angst, als die Versammlungen selbst. Es werde von "bürgerkriegsähnlichen Zuständen" geraunt, obwohl da vor allem "Bürger mitlaufen, die mit den Maßnahmen nicht einverstanden sind", so Zeh. Sie räumt ein, dass das Demonstrieren auf der Straße im Zeitalter der sozialen Medien fast schon "altmodisch" geworden sei, es bleibe aber ein "Kerninstrument der Demokratie". Und wenn die Öffentlichkeit diese Demonstranten pauschal mit Rechtsextremen in einen Topf werfe, "dann macht das die Bürger nicht friedlicher".

Sich von extremen Teilnehmern zu distanzieren, sei generell schwierig. Juli Zeh erinnert an Demos, bei denen sie selbst mitgelaufen ist und in denen der sogenannte "Schwarze Block" auftauchte und Gewalt provoziert habe. Sie ging damals für mehr Datenschutz auf die Straße. Das Thema war ihr wichtiger, als einige radikale Teilnehmer. Dennoch: Regeln gelten auch fürs Demonstrieren. In Corona-Zeiten heißt das: kleine Gruppen und Masken - "und daran haben sich die Leute zu halten".

Skepsis bei allgemeiner Impfpflicht

Vorbereitete Spritzen mit dem Impfstoff von Biontech
Die großer Mehrheit der Menschen in Deutschland hat sich bisher impfen lassen. Bildrechte: dpa

Wenn davon gesprochen wird, dass eine allgemeine Impfpflicht die Lage befrieden könnte, bleibt die Erfolgsschriftstellerin skeptisch. Auch wenn für die Pflicht, sich impfen zu lassen, einiges spräche. Etwa, dass damit die Durchsetzung der 2G-Regeln nicht mehr nötig sei. Sie kennt, was viele Ladenbesitzerinnen, Fitnessstudio-Betreiber und Restaurant-Kellnerinnen täglich erleben müssen: Anfeindungen, weil sie auf der 2G-Zugangsregel bestehen. Der Staat habe hier einen Konflikt an seine Bürger ausgelagert, der dann beendet werden könne, meint Zeh.

Gegen eine Impfpflicht spricht für sie wiederum die Omikron-Variante, die die Schutzwirkung der Impfungen verringert. "Damit fehlt ein wichtiges juristisches Argument für eine allgemeine Impfpflicht". Im Moment würde sie der Politik dazu raten, auf eine Impfpflicht zu verzichten, jedenfalls im "Februar oder März".

Ein Roman zur Pandemie bräuchte Zeit

Auch jemand wie Zeh, die aktuelle gesellschaftliche Themen in ihrer Kunst verarbeitet, braucht Zeit für die künstlerische Behandlung der Pandemie. Sie erinnert an den langen Entstehungsprozess eines Romans. Es könne schon mal zehn Jahre dauern, bis ein Thema wirklich romanreif sei.

Ja, die Kunst müsse die Pandemie aufarbeiten, aber "Schnellschüsse helfen uns nicht weiter", sagt sie. Künstler könnten in dieser Phase der Pandemie höchstens eine Vermittlerrolle spielen, Verständnis für fremde Perspektiven schaffen. "Erlösende Visionen" wird es aber aus der Kunst nicht geben, "das wäre eine Überforderung".

Kultur und Corona

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Januar 2022 | 17:10 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR

Abonnieren