Porträt "Längst überfällig": Sächsischer Lessing-Preis für Leipziger Lyriker Andreas Reimann

Der Leipziger Lyriker und Grafiker Andreas Reimann wird am 21. Januar 2023 mit dem Sächsischen Lessing-Preis ausgezeichnet. Der Freistaat würdigt damit sein "unfassbar umfangreiches, vielgestaltiges, streitbares und formal immer wieder überraschend poetisches Werk". Kulturministerin Klepsch wird die mit 20.000 Euro dotierte Auszeichnung überreichen. Zur Verleihung des Preises eine Würdigung:

Andreas Reimann
Der Leipziger Lyriker Andreas Reimann mal nicht im Café Maître, sondern im Grundmann. Ein Caféhaus-Literat ist er übrigens nicht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Leipziger Lyriker Andreas Reimann erhält am Samstag in Kamenz den diesjährigen Lessing-Preis des Freistaates Sachsen. Eine verdiente, längst überfällige Ehrung.

Seit Jahrzehnten schon ist Andreas Reimann im Leipziger Café Maître so gut wie zu Hause. Hier hat er seinen festen Stammplatz, um bei einem guten Kaffee Menschen zu beobachten, sich Gedanken und Notizen zu machen. Auch Interviewwünsche erfüllt er grundsätzlich in "seinem" Caféhaus: "Aber ich habe im Gegensatz zu der Meinung der meisten Leute nie im Café geschrieben", betont der Dichter, "sondern lediglich nahezu Fertiges aufgeschrieben."

Mehr zur Person von Andreas Reimann

Andreas Reimann ist Lyriker, Journalist und Grafiker. Geboren am 11. November 1946 als Sohn einer Leipziger Künstlerfamilie, begann er 1965 ein Studium am Literaturinstitut "Johannes R. Becher", das nach der Wende als Deutsches Literaturinstitut Leipzig (DLL) wiedergegründet wurde.

Exmatrikuliert wegen seiner Kritik an der Kulturpolitik der SED, wurde Andreas Reimann 1966 zum Wehrdienst eingezogen und 1967 wieder entlassen. Ab 1968 saß er anderthalb Jahre im Gefängnis wegen "staatsgefährdender Hetze", danach war Reimann Brauerei-Hilfsarbeiter, Lager- und Transportarbeiter und Lohnbuchhalter.

Seit 1973 lebt er als freier Schriftsteller, zwei seiner Gedichtbände erschienen in der DDR, sein Debüt unter dem Titel "Die Weisheit des Fleischs" 1975 im Mitteldeutschen Verlag. Später bekam er eine Publikationssperre. Er überlebte materiell lange als Chanson-Dichter, schrieb über 500 Lieder für Stefan Krawczyk ("Der Clown"), für Hubertus Schmidt, für die Dresdner Rockband Lift.

Ab 1993 folgten weitere Buch-Veröffentlichungen. 2006 erschien "Der trojanische Pegasus" im Mitteldeutschen Verlag, eine Gedichtsammlung aus allen Schreibphasen des Autors und über 50 Erstveröffentlichungen. 2012 erschien in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung der Band "Bewohnbare Stadt" mit Gedichten Reimanns über das alte und das neue Leipzig, ausgezeichnet mit dem Rössing-Preis als schönstes Buch über Stadt und Region.

Derzeit bringt die Connewitzer Verlagsbuchhandlung eine auf elf Bände angelegte Gesamtausgabe heraus, gefördert durch die Andreas-Reimann-Gesellschaft.

Andreas Reimann: "Ein Gedicht muss einem passieren"

Ernsthaft gearbeitet wird also zu Hause. Ohnehin wirkt der inzwischen 76-jährige Andreas Reimann kaum wie ein klassischer Caféhaus-Literat. Klischeehaft erst recht nicht. "Ich könnte mich im Café auch nicht übermäßig auf meine Sache konzentrieren, da es mir mehr Spaß macht, Leute zu beobachten, als Gedichte zu formulieren", begründet er seine Haltung zu diesem Thema. Er sieht das Café eher als Ort der Kommunikation und empfindet es mitunter als wichtige Anregung.

Sich hinsetzen, um hier ein Gedicht zu fabrizieren, das ginge Reimann zufolge überhaupt nicht. "Ich bin der Meinung, ein Gedicht muss einem passieren, man kann sich nicht vornehmen, ein Gedicht zu schreiben. Es sei denn, man will Kunstgewerbe machen." Man sieht, mit seiner Meinung hält er nicht hinterm Berg.

In der DDR ein verfolgter Freigeist, Heimatsuche in Italien

Zu DDR-Zeiten hat Reimann teuer dafür bezahlt: Politische Haft, permanente Überwachung durch die Staatssicherheit, anhaltende Publikationsschwierigkeiten für diesen Freigeist. Dabei zog es ihn immer schon viel lieber in die Welt hinaus. Als es ihm endlich möglich war, sie zu bereisen, hat er Dutzende Länder besucht, darunter – immer mal wieder – Italien.

"Dieses Unterwegssein ist ja auch Heimatsuche", begründet er seine Wahl. "Und Italien spielte eine wesentliche Rolle für mich, weil ich bei meiner Großmutter aufgewachsen bin, die wiederum zwölf Jahre am Gardasee gelebt hat. Als ich dort hinkam, kannte ich den Ort so genau, dass ich wusste, wo ich hingehen muss, ohne jemand fragen zu müssen. Und dort fühlte ich mich mal zeitweilig angekommen."

Bei diesen Gelegenheiten sind zahlreiche Italien-Gedichte entstanden. Sie sollen im nächsten Band der von der Connewitzer Verlagsbuchhandlung herausgegebenen Werkausgabe Andreas Reimanns erscheinen.

Lessing-Preis 2023 für vielseitiges Werk: Gedichte und Songtexte für Lift

Das literarische OEuvre des Dichters ist enorm umfangreich. Seine Texte wurden von der Dresdner Rockgruppe Lift, von Barbara Kellerbauer, Hubertus Schmidt und vielen anderen gesungen. Der Texter dahinter stand allzuoft im Hintergrund. Nun wird Andreas Reimann der Kamenzer Lessing-Preis verliehen, eine aller zwei Jahre vergebene Ehrung der sächsischen Landesregierung. Eine verdiente, längst schon überfällige Ehrung für diesen Lyriker.

Seine Ankunft im literarischen Olymp kommentiert Reimann so: "Man nimmt ihn nicht ganz ohne Genugtuung an. Da er eben doch sehr spät kommt." Der Lessing-Preis würdigt literarisches Schaffen im Geiste der Aufklärung, doch Andreas Reimann mag Aufklärung nicht auf Lessing beschränken: "Weil mich als Dichter natürlich ein Klopstock von seinem eigenen dichterischen Werk her weit mehr beeindruckt hat als etwa die Gedichte von Lessing."

Reimann: "Fasziniert von Lessings Sprachbewusstsein"

Bei Lessing hingegen habe ihn das Sprachbewusstsein fasziniert, wie er überhaupt von frühester Kindheit in der klassischen Literatur einen wichtigen Halt gefunden hat: "Ich konnte unheimlich viele Gedichte der Klassiker auswendig, und das ist meine Lehre gewesen."

Lessing 2023: Förderpreise für Sarah Lesch und Heike Geißler

Der sächsische Lessing-Preis wird seit 1993 alle zwei Jahre vergeben. Die Verleihung findet in Kamenz, der Geburtsstadt des Aufklärers Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) statt. Sein Toleranz-Drama "Nathan der Weise" ist Schulstoff bis heute. Der Preis ist mit 20.000 Euro dotiert. Vergeben werden außerdem zwei Förderpreise, diese jeweils mit 7.500 Euro dotieren Auszeichnungen gehen 2023 an die Musikerin Sarah Lesch und die Autorin Heike Geißler.

2021 wurde der Dramaturg und Generalintendant des Düsseldorfer Schauspielhauses, Wilfried Schulz, ausgezeichnet. Die Förderpreise erhielten die Journalistin und Schriftstellerin, Jackie Thomae, die Sängerin und Schauspielerin, Anna Maria Vogt alias "Anna Mateur", sowie die Journalistin und Sachbuchautorin, Jasna Zajcek.

Redaktionelle Bearbeitung: Katrin Schlenstedt

Mehr aus der Literaturszene

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. Januar 2023 | 12:30 Uhr

Mehr MDR KULTUR