Mit zahlreichen Natur- und Tieraufnahmen Buchtipp: Dem Wolf in der Lausitz auf der Spur

Der 58-jährige Naturführer und Spreefotograf Karsten Nitsch kennt die Flora und Fauna der Lausitz so gut wie kaum ein anderer: Fast täglich bietet Nitsch begleitete Expeditionen in kleinen Gruppen durch seine Heimatregion, das Lausitzer Teichland, an. Die Nachfrage ist hoch: Denn nicht selten trifft man bei solchen Streifzügen durch die Natur auf wilde Tiere, wie den Wolf. Von diesen spannenden Beobachtungen erzählt Nitsch in seinem Buch "Wo die wilden Tiere wohnen".

Karsten Nitsch
Mit seiner Kamera ist Karsten Nitsch in der Lausitz, in der Kiefernheide und in der Teichlausitz unterwegs. Viele seiner Fotografien sind auch im Buch "Wo die wilden Tiere wohnen" zu sehen. Bildrechte: Karsten Nitsch

Die Wildnis – allein das Wort lässt ferne Bilder afrikanischer Savannen mit gefährlichen Tieren und Abenteuergeschichten wie Jon Krakauers "Into the wild" vor unserem geistigen Auge erscheinen. Abends, vorm Fernseher, lassen wir uns gern von Naturdokumentationen und der vertrauten Stimme von Sir David Attenborough berieseln – dabei scheinen wir eines völlig auszublenden: Diese Wildnis beginnt direkt vor unserer Haustür – um genau zu sein, in der Lausitz: einem der artenreichsten Naturgebiete Europas.

Wolfswelpe 6 min
Bildrechte: Karsten Nitsch

MDR KULTUR - Das Radio Mi 09.06.2021 06:00Uhr 06:15 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wolfswelpe 6 min
Bildrechte: Karsten Nitsch

MDR KULTUR - Das Radio Mi 09.06.2021 06:00Uhr 06:15 min

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Die Lausitz: Heimat des Naturführers Karsten Nitsch

In einem an der Spree gelegenen sorbischen Dorf in der Oberlausitz lebt Naturführer und Fotograf Karsten Nitsch – à la Henry David Thoreau – in einer eigens gezimmerten Blockhütte. Die Nachbarschaft: Waschbären, Feldhasen, Nutria, Seeadler und Wölfe. Über seine tagtäglichen Begegnungen mit diesen Tieren schreibt Nitsch in seinem Debüt mit dem Titel "Wo die wilden Tiere wohnen": In rund 25 Kapiteln mit knapp 40 beeindruckenden Natur- und Tierfotografien verfolgt der Lausitzer Naturexperte ein klares Ziel: uns Menschen im Umgang mit der Natur zu sensibilisieren, denn, so heißt es im Buch:

Karsten Nitsch mit Hündin Tinka
Karsten Nitsch mit seiner Hündin Tinka. Bildrechte: Karsten Nitsch

"Wir haben eine Position eingenommen, aus deren Perspektive wir die Natur als etwas Fremdes sehen. In unseren Augen erscheint sie uns gefährlich, grausam, bedrohlich, feindselig, eklig, hässlich oder aber schön, niedlich und friedlich. Das gilt im Allgemeinen wie auch für das einzelne Lebewesen. Dazu kommt noch das Unterteilen in nützlich und schädlich. Wir haben Grenzen errichtet: Bis hierher und nicht weiter, heißt es da. Diese Grenzen haben wir über die Jahrtausende immer wieder neu gezogen, aber immer zu unserem Vorteil."

Naturfotograf Karsten Nitsch 30 min
Bildrechte: imago/Hohlfeld

Der zerstörerische Ordnungswahn des Menschen

Die zerstörerische Überheblichkeit des Menschen gegenüber der Natur findet ihren paradoxen Höhepunkt in symmetrisch angelegten, teils zubetonierten Gärten, in denen Rasenmäher-Roboter für manch nächtlichen Besucher, wie beispielsweise den Igel, laut Nitsch, zur tödlichen Falle werden:

In unserem Ordnungswahn haben wir nicht bemerkt, dass wir in unseren Gärten, die einstmals dazu dienten, uns zu versorgen, der Natur den Krieg erklärt haben. Wir stehen an der Front, ohne zu realisieren, dass wir diese verlustreiche Schlacht auch gegen uns selbst führen.

Karsten Nitsch, Auszug aus "Wo die wilden Tiere wohnen"
Seeadler
Eine der beeindruckenden Fotografien im Buch zeigt einen majestätischen Seeadler. Bildrechte: Karsten Nitsch

Die Distanz zwischen Mensch und Natur, der Karsten Nitsch in seinem Buch auf teils naturphilosophische Art nachspürt, hat auch in der Lausitz bereits manch irreversible Spur hinterlassen. So habe die in der Region intensiv betriebene Landwirtschaft den Lebensraum vieler Tiere vernichtet. Arten wie das Rebhuhn und der Kiebitz seien gar aus der Lausitz verschwunden, bedauert Nitsch. Gleichzeitig entstünden jedoch im Tagebau neue, vom Menschen unberührte Landschaften, in denen manche Arten sogar optimalere Bedingungen finden: Die Kreuzkröte etwa sei nach langer Abwesenheit in die Lausitz zurückgekehrt, erzählt Nitsch.

Hochbetrieb in Lausitzer Wäldern dank Lockdown

Wildschwein mit Frischlingen
Wildschweine mit Frischlingen. Bildrechte: Karsten Nitsch

Die Natur erobert sich ihren Lebensraum zurück, dort wo es der Mensch zulässt. Kaum verwunderlich also, dass insbesondere in Corona-Zeiten Hochbetrieb in den Wäldern der Lausitz herrscht: Im Frühsommer blühen nicht nur die prächtigen Orchideen und andere Blühpflanzen, auch die meisten Vogelarten haben ihre Jungen ausgebrütet. In der Teichlausitz erlebt man überall Gänse und Schellenten. Und, laut Nitsch eine mögliche Folge des Lockdowns, hätten mehr Schmetterlinge denn je Einzug im Wald gehalten: "Es wurde weniger Auto gefahren, die größeren Einwirkungen durch uns Menschen auf die Natur waren zurückgenommen in dieser Zeit. Ich würde mir so sehr wünschen, dass dieser Zustand anhält, dass dieser rücksichtsvolle Umgang in Zukunft in den Mittelpunkt rückt. Das tut uns und der Natur gut."

Bedürfnis des Menschen nach Natur wächst

Wolfswelpe
Wölfe bekommen einmal im Jahr nach einer Tragzeit von zwei Monaten Nachwuchs. Bildrechte: Karsten Nitsch

Das Bedürfnis, Natur zu erleben, wächst, wohl auch begünstigt durch die Pandemie, insbesondere bei Städtern. Diesen Prozess begleitet Karsten Nitsch auf seinen täglichen Expeditionen. Dabei nimmt er die Rolle des einfühlsamen Vermittlers zwischen Mensch und Natur ein und baut – auf spielerische Weise – vor allem Vorurteile ab, seien es Ängste vor unliebsamen Krabbeltieren oder die Mär vom bösen Wolf.

Der Wolf ist ein Predator, ein Jäger, der in der Lage ist, andere Lebewesen zu töten, aber er wird es immer vorziehen, einer Situation aus dem Weg zu gehen, in der er selbst Schaden nehmen könnte. Der Wolf ist in keinem Fall ein Kuscheltier, aber eben auch keine blutrünstige Bestie.

Karsten Nitsch, Auszug aus "Wo die wilden Tiere wohnen"

Karsten Nitschs Debüt "Wo die wilden Tiere wohnen" ist damit eine erstaunliche Niederschrift geballten Wissens um den Reichtum der Flora und Fauna der Lausitz, deren Wälder einige Überraschungen bereithalten – zumindest für all jene, die die Natur mit allen Sinnen, vor allem aber mit Demut und Respekt, neu entdecken wollen.

Buch-Cober "Wo die wilden Tiere wohnen"
"Wo die wilden Tiere wohnen": Karsten Nitschs spannendes Plädoyer für einen achtsameren Umgang mit der Natur. Bildrechte: Goldmann Verlag

Angaben zum Buch Karsten Nitsch: "Wo die wilden Tiere wohnen"
Goldmann Verlag, 2021
224 Seiten mit beeindruckenden Natur- und Tierfotografien
ISBN: 978-3-442-31609-0

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Juni 2021 | 06:10 Uhr

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