"Roter Affe" Leipziger Autorin Kaśka Bryla legt packendes Romandebüt vor

Kaśka Bryla, Absolventin des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, hat mit "Roter Affe" ihr Romandebüt vorgelegt. Der Umgang mit Schuld ist eines der zentralen Themen des Buches, das von der verzweifelten Suche nach einem verschwundenen Freund erzählt. Bryla, aufgewachsen zwischen Wien und Warschau, lebt in Leipzig und gibt Kurse zu Kreativem Schreiben in Gefängnissen und für Menschen mit Migrationshintergrund. Ihr Debüt ist Road-Novel, Krimi und Liebesgeschichte zugleich und bricht mit den Erwartungen an einen klassischen Debütroman.

Kaska Bryla
Kaśka Bryla gibt seit mehreren Jahren Kurse zu Kreativem Schreiben in Gefängnissen und für Menschen mit Migrationshintergrund. Bildrechte: Carolin Krahl

"Der Literaturbetrieb ist kein neutrales System" – diesem Credo folgt die Feministin und Schriftstellerin Kaśka Bryla nicht nur als Mitbegründerin der Zeitschrift "PS-Politisch Schreiben". Auch in ihrem Debütroman "Roter Affe" wird den eingestaubten Kategorien des klassischen Literaturkanons eine klare Absage erteilt. Die Forderung der Autorin: "Das Besondere muss endlich zum Allgemeinen werden".  Und wie inszeniert man diesen Leitsatz literarisch? Mit einer Figuren-Konzeption, die vermeintlich so "unnormal" wie nur möglich scheint.

In "Roter Affe" sieht das in etwa so aus: Die Protagonistinnen und Protagonisten des Buches sind die österreichisch-polnische Gefängnispsychologin Mania, eine professionelle Hackerin namens Ruth, der aus Syrien geflüchtete Zahit und die Labradorhündin Sue. Gemeinsam brechen die Freunde von Wien nach Warschau auf, um Manias Kindheitsfreund Tomek zu suchen, der mit seiner suizidgefährdeten Freundin verschwunden ist. Es ist der Beginn einer Road-Novel der etwas anderen Art. Im Gepäck: jede Menge existentielle Fragen.

Was ist ein guter Mensch?

Dabei gebe es verschiedene Stränge, entlang derer man den Roman lesen könne, so die Autorin: "Die Suche nach Tomek zum Beispiel. Dann gibt es einen anderen Strang, der sich entlang der Frage, ganz platt gesagt, nach Gut und Böse und nach Schuld bewegt und versucht, Schuld zu hinterfragen, nicht nur die Schuld etwas getan zu haben, sondern auch die Schuld etwas unterlassen zu haben."

Damit setzt sich die Autorin in ihrem Debüt vor allem mit gesellschaftlichen Normen und deren Konstrukthaftigkeit auseinander – und mit der grundsätzlichen Frage danach, was ein guter Mensch eigentlich ist.

Kaska Bryla: Roter Affe
"Roter Affe" ist Brylas Romandebüt. Bildrechte: Residenz Verlag

Auszug aus "Roter Affe"

Ich frage mich, denn ich glaube, dass es sehr schwierig ist, das Gute zu fassen. Einfacher ist es, nach dem Bösen zu suchen. Früher galt ein Erdbeben, bei dem viele Menschen starben, als ebenso böse wie ein Mord. Erst die Aufklärung zog eine Trennlinie. Von da an haftete das Böse nur noch an uns, und irgendwann wird auch das vergehen. Ich sehe sie deutlich vor mir, die andere Zeit, die kommt und das Heute in die Vergangenheit schiebt.

Wie eine packende Kriminalgeschichte

Brylas Debüt ist reich an Elementen einer packenden Kriminalgeschichte. Die Gefängsnispsychologin Mania und ihren Patienten Roland K., einen verurteilten Sexualstraftäter, verbindet weit mehr als die wöchentlichen Therapiestunden in der JVA Moabit – so deutet es der Klappentext an. Missbrauch, Suizid, Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen – zugegeben keine leichte Kost für ein literarisches Debüt. Weitere Themen sind Migration, Flucht und die Spuren, die diese Erfahrungen in der Biografie der hybriden Protagonistinnen und Protagonisten hinterlassen.

Auszug aus "Roter Affe"

Wir sind nicht geschaffen für diese Welt, Mania, Ruth, Zahit, Marina und ich. Die Welt hat uns zugelassen, aber wollen tut sie uns nicht.

Genau wie Mania ist auch Kaśka Bryla zwischen Wien und Warschau aufgewachsen. Vielleicht kennt sie das Gefühl zwischen den Welten zu leben, vielleicht aber auch nicht. Denn zu oft werden Autorinnen und Autoren mit Migrationshintergrund in der Rezeption ihrer Werke auf die eigene Biografie reduziert. Das Genre "Migrationsliteratur" sei daher kritisch zu betrachten, erklärt Kaśka Bryla: "Dadurch, dass es als Genre Migrationsliteratur betitelt wird, wird es aus der allgemeinen Literatur oftmals herausgenommen. Dieses Stigma wird dem oftmals nicht gerecht." Literatur von Autorinnen und Autoren mit minoritärer Erfahrung werde oft darauf reduziert, denn es werde erwartet, dass sie genau darüber schreiben, so Bryla.

Ich wollte dezidiert nicht einen Migrationsroman schreiben. Weil ich mir dachte: Nein, es ist mein Recht über alles zu schreiben, was ich will.

Kaśka Bryla, Schriftstellerin

Kaśka Bryla bricht mit den Erwartungen an einen klassischen Debütroman. Trotz der Schwere der darin verhandelten Themen ist es eine überraschend unterhaltsame Lektüre, an deren Ende sich sogar noch eine unerwartete Liebesgeschichte anbahnt. Doch die größte Kraft des Buches liegt im Entwurf einer Welt, in der gesellschaftliche Vielfalt – in welcher Form auch immer – kein Ausnahmezustand, sondern Normalität ist.

Mehr Informationen Kaśka Bryla: "Roter Affe"
Erschienen im Residenz Verlag

240 Seiten
ISBN: 9783701717323
Preis: 22 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. Oktober 2020 | 11:15 Uhr

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