Gedichtband "sommerschaums ernte" Kathrin Schmidt mit brillanten Gedichten über Vergänglichkeit

Für ihre autobiografische Geschichte "Du stirbst nicht" erhiehlt Kathrin Schmidt 2009 den Deutschen Buchpreis. Die hohe Wertschätzung für ihre Prosa lässt jedoch oft vergessen, dass die gebürtige Gothaerin auch großartige Lyrik schreibt. Der neue Gedichtband "sommerschaums ernte" erzählt von Älterwerden und Abschieden. Unser Literaturkritiker ist beeindruckt.

Kathrin Schmidt
Die Autorin Kathrin Schmidt Bildrechte: imago images / gezett

Hochproduktiv ist Kathrin Schmidt nicht, dafür aber umso brillanter und beharrlicher. Neben fünf Romanen veröffentlichte sie binnen fast vierzig Jahren nur wenige Gedichtbände, aber gerade die haben es in sich. In ihrer jüngsten Verssammlung zeigt sich die Schriftstellerin zum wiederholten Mal als großartige Lyrikerin. Ihr Sound erweist sich als betörende Droge, zumal es der Künstlerin nicht an bewegenden Stoffen fehlt. Einen Text widmet sie ihrem Vater Klaus, der von 1948 bis 1956 im Gefängnis "Gelbes Elend" in Bautzen saß und dort als politischer Häftling zunächst den Kirchen- und später den Jugendchor leitete:

Auszug aus dem Gedicht "gelbes elend"

mein toter vater sah ins abteil, sein lächeln, verdünnt
ins aromatische, steckte fest in der aufgequollenen luft.
ein cottbuser postkutscher öffnete endlich die tür,
verlangte aber nach briefen. ich presste den tintenschatz
auf dünnem papier an die brust und atmete aus.
der reis für die dünne spur war längst aufgebraucht.

als görlitz hinter uns lag, las ich laut aus den gehemmten
entzündungen der haft. ins zittern der musikalischen
dauerkamille mischten sich frauenmäntel und beinwell.
vor bautzen zog sich mein toter vater zurück,
seine bleichsucht schlug durch aufs papier, dass ich
nichts mehr, doch alles schon sah.

Zwischen Ironie und Melancholie

Bittere Erinnerungen dieses Schlages treiben Kathrin Schmidt unentwegt um. Von Natur aus extrem sensibel, spürt sie mehr und mehr die nahende Endlichkeit ihrer Existenz. Fünf Kinder zog sie groß, doch die Spuren der Sprösslinge beginnen zu verwischen. Die Teenager oder Twens zerstreuen sich in der Welt, beschreiten eigene Wege. Auch die studierte Psychologin Kathrin Schmidt sieht sich mit einem Phänomen konfrontiert, das Experten als "Leeres-Nest-Syndrom" bezeichnen. Vor ihr tut sich ein sehr spezielles Vakuum auf, das sie geschickt mit einer Mischung aus Ironie und Melancholie zu überdecken versucht:

Auszug aus dem Gedicht "nach dem trabantentrara"

es ist zu ende. in gewissem sinne ganz ausgestanden, das ding
mit den kindern, die sich aus deinem körper stanzten.
sicher, da bleiben löcher, wo sie einst steckten,
als sie noch nicht mit dem knüppelchen knallen
und knülle ins bett fallen konnten. als sie in deinem wasser
schwammen, bewusstseinsschweblingen gleich,
und von nachtniere zu morgenmund wanderten
im ohnelicht. in gewissem sinne dir fern jetzt
und fremdlinge, deren freiersfüße sprungbereit zucken.

Metaphern wie ein Zufallsgenerator

Der Rhythmus der Natur spendet Kathrin Schmidt Trost in Anbetracht ihres plötzlich anders strukturierten Lebens. Akribisch beobachtet sie den Zyklus der Jahreszeiten und das, was er bei ihr seelisch auslöst. Das Resultat sind faszinierende Strophen, die sich keinem Muster fügen. Seit jeher verweigert sich Kathrin Schmidt dem Fetischismus der Form. Sie schätzt das Spiel mit freien Metren und kombiniert Metaphern wie ein Zufallsgenerator, doch ab und an erliegt sie dem Reiz der Strenge und lässt sich im Meer klassischer Versmaße treiben. So zum Beispiel in einem Sonett über die Beete vor und hinter ihrem Haus:

Gedicht: "l'absence d'eau"

der garten jammert, fleht um nasse gnade.
man springt. man sprengt. das wechselwarme reh,
das scheu den kopf schob durch das trockne weh,
zeigt sich im sonnenuntergang malade.

aus tau wird mau. maufrisch steht notgereiftes
getreide auf den feldern, und die kirschen
einst rotgroß rund, vergehn mit einem knirschen
im mund. im mai. in leibes kessel pfeift es

und will die kolik aus der skepsis reißen,
dass sie zur sepsis wird. Globalentzündung
führt stirn auf stern zu letzter kirchengründung:

die wohlstandsfolie und ihr stummes gleißen
sind anzubeten, während blasse maden
die lebenden zum danse macabre laden.

Die Lust am Alltag

Die Last des Alterns entpuppt sich als Generalthema der neuen Poeme von Kathrin Schmidt. Die Autorin kapituliert nicht vor den Herausforderungen, die diese schwierige Etappe des Daseins mit sich bringt. Sie meistert sie literarisch durch eine nie versiegende Lust am Alltag, die tief beeindruckend wirkt.

Cover: Kathrin Schmidt: „sommerschaums ernte“
Cover zum Gedichtband von Kathrin Schmidt: "sommerschaums ernte" Bildrechte: Kiepenheuer & Witsch

Informationen zum Buch Kathrin Schmidt: "sommerschaums ernte"
Gedichtband
erschien bei Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungstermin: 05.11.2020
ISBN: 978-3-462-05390-6
112 Seiten
20 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. November 2020 | 11:15 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR

Kultur

Grit Lemke  vor dem letzten noch vorhandenen Block des damaligen Vertragsarbeiterwohnheims mit Audio
Grit Lemke, aufgewachsen in Hoyerswerda, vor dem letzten noch vorhandenen Block des damaligen Vertragsarbeiterwohnheims. Sie wohnte in der gleichen Straße, wurde vom Angriff im benachbarten Jugendklub "Der Laden" völlig überrascht. Über ihre Kindheit und den September 1991 hat sie nun ein Buch geschrieben, das im September erscheint: "Kinder von Hoy". Bildrechte: ohne Angabe