Lyrik Neue Gedichte von Kerstin Hensel: Trauer, Heimat, Augenzwinkern

Die Lyrikerin und Schriftstellerin Kerstin Hensel ist für ihren Humor bekannt, der über Ironie bis zum Sarkasmus reicht. In ihrem neuen Lyrikband schlägt die Absolventin des Leipziger Literaturinstitutes auch melancholische Töne an, so beim Abschied von ihrem Vater. Und sie widmet sich in atmosphärischen Gedichten auch Orten, denen sie sich verbunden fühlt.

Kerstin Hensel 5 min
Bildrechte: imago images/Sabine Gudath

Als Erzählerin brilliert Kerstin Hensel seit drei Jahrzehnten durch tiefsinnigen Humor, wie man ihn von Eugen Roth oder Joachim Ringelnatz kennt. Mit solch doppelbödiger und hintersinniger Gewitztheit garniert sie auch ihre Strophen. Gern spielt sie dabei mit allen verfügbaren Methoden der Ironie. Das zeigt sich beispielsweise in einem Langgedicht mit dem Titel "Ode Ade", das ihr neues Buch beschließt.

Wo Hensel derart sarkastisch über das Schicksal der Literatur nachdenkt, läuft sie zur Bestform auf. Amüsante Metaphern und geistreiche Sprachbilder schäumen dann aus ihr hervor. Dieser prickelnde Stil schürt die Lust am Weiterlesen.

Huldigungen an Orte

Buch-Cover: Kerstin Hensel, Cinderella räumt auf
Kerstin Hensel: "Cinderella räumt auf" Bildrechte: Luchterhand

Aber die Autorin verfügt nicht bloß über einen dermaßen herrlich mokanten und spitzzüngigen Tonfall. Zuweilen kippt ihre Diktion ins Melancholische, etwa dann, wenn sie sich an ihre Geburtsstadt Chemnitz erinnert.

In ihrem Poem "Gruß vom Kaßberg" schwärmt Hensel von einem der größten Gründerzeitviertel Sachsens. Daraus entwickelt sich ein ganzer Zyklus von Huldigungen an Orte, deren Atmosphäre sich ihr einprägte.

Dazu zählt unbedingt die Kleinstadt Meuselwitz, aus der Wolfgang Hilbig stammte, ein Büchnerpreisträger, den sie stets bewundert. Oder Hameln an der Weser, das durch seine Rattenfänger-Sage Ruhm gewann.

Ähnlich wie Werner Bergengruen in seinem früher populären Opus "Deutsche Reise" absolviert die Lyrikerin einen Streifzug durch ihre Heimat. In Zeilen über die erloschene Bergbautradition im Erzgebirge stößt sie in fast mythische Dimensionen vor.

Abschiede

Hensel befindet sich in einem Alter, in dem es in punkto Familie ständig darum geht, Abschied zu nehmen. Daher verwundert es kaum, dass eines der berührendsten und feinfühligsten Gedichte ihrer Lyriksammlung um ein sensibles Thema kreist, nämlich um den Tod des Vaters, den sie zu verarbeiten sucht.

Das Nachwort des Bandes bildet ein Essay, in dem die Germanistin Carola Wiemers die Eigenheiten der Poesie von Hensel auslotet. Der Text ist aller Ehren wert und gut geschrieben – aber im Endeffekt wirkt er akademisch und erfasst den sinnlichen Charakter der sezierten Arbeiten nur eingeschränkt.

Die Poetin Kerstin Hensel

Kerstin Hensel
Kerstin Hensel Bildrechte: imago images/Sabine Gudath

Als Kerstin Hensel 1986 in der legendären Publikationsreihe "Poesiealbum" mit einem Dutzend Versen debütierte, ahnte niemand, dass sie einmal zu den größten humoristischen Erzähltalenten der deutschen Literatur zählen würde. Erstmals entfaltete die Absolventin des Leipziger Literaturinstitutes ihre Begabung für verschmitzten Witz und satirische Pointen in dem viel gelobten Prosaband "Hallimasch". Später wucherte sie mit diesem Pfund in den Romanen "Im Spinnhaus", "Falscher Hase" und "Lärchenau". Jetzt hat die Schriftstellerin unter dem Titel "Cinderella räumt auf" einen neuen Gedichtband vorgelegt.

Das Buch Kerstin Hensel: "Cinderella räumt auf"
Lyriksammlung
132 Seiten, 20 Euro
ISBN: 978-3-630-87662-7
Luchterhand

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. Mai 2021 | 11:45 Uhr

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