Zwischen Harry Potter und Sachbuch Wie geht es Bibliotheken in Corona-Zeiten? Ein Besuch in Aschersleben

Die Kreisbibliothek in Aschersleben empfängt trotz Corona täglich zwischen 60 und 100 Besucherinnen und Besucher. Der Ansturm hat vermutlich auch damit zu tun, dass die Bibliothek erst seit gut vier Wochen wieder offen ist. Statt spontanem Besuch heißt es aber nun: Termin vereinbaren. Und manche Besucher hinterlassen kleine Geschenke in den Buchregalen.

Susanne van Treek, Leiterin der Kreisbibliothek Aschersleben, steht vor einem Bücherregal
Susanne van Treek, Leiterin der Kreisbibliothek Aschersleben, steht vor einem Bücherregal Bildrechte: MDR/ Nora Große Harmann

Die Leselust der Menschen in Aschersleben ist durch die Krise nicht zu bändigen. "Zwischen 60 und 100 Leuten kommen jeden Tag" sagt Susanne van Treek, die Leiterin der Kreisbibliothek. Dabei handele es sich meist um Familien mit kleinen Kindern oder um ältere Leute. Häufig würden immer noch Romane und Bestseller ausgeliehen, wie die Bücher von Sebastian Fitzek oder Lucinda Riley. Fachliteratur sei weitestgehend durch das Internet ersetzt worden. Dort finde man die Informationen schneller und präziser, vermutet die Bibliotheksleiterin. Neben Kochbüchern scheint sich nur ein Genre aus der Fachliteratur in Aschersleben noch durchzusetzen: "Gerade jetzt in den letzten Jahren wurden auch Bücher über Handarbeiten ausgeliehen – also die Leute nähen, stricken, sticken und häkeln sehr gerne", beobachtet Susanne van Treek. Das sei vielleicht auch eine gute Alternative, die Zeit im Lockdown ein bisschen zu überbrücken. Beim Gang durch die Reihen findet sie dann auch das Resultat einer solchen Handarbeit im Regal. Ein kleines Geschenk von Besuchern der Bibliothek. "Also das ist ein kleiner Engel. Hat ja auch Flügelchen. Das soll dann vielleicht auch unser kleiner Glücksengel sein."

Lesesaal der Kreisbibliothek Aschersleben, früher eine Kapelle 4 min
Bildrechte: MDR/ Nora Große Harmann

Die Leselust in Aschersleben ist ungebrochen. Mit Termin kommen an die 100 Leute am Tag in die wieder geöffnete Kreisbibliothek. Ole Steffen hat Bibliotheksleiterin Susanne van Treek einen Besuch abgestattet.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 28.04.2021 18:00Uhr 04:16 min

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90er-Jahre-Architektur trifft auf Kapelle

Außenansicht der Kreisbibliothek Aschersleben
Außenansicht der Kreisbibliothek Aschersleben Bildrechte: MDR/ Nora Große Harmann

Die Kreisbibliothek liegt mitten in der Innenstadt. Sie besteht zum einen aus einem verwinkelten Zweckbau aus den 90er-Jahren mit viel Glas und Beton, zum anderen aus einer Kapelle. "Das ist für mich der schönste Raum unserer Bibliothek", sagt Susanne van Treek: "Das ist eine alte Kapelle. Der ganze Gebäudekomplex war mal ein christliches Altersheim und da gab es hier eine eigene Kapelle, die jetzt unser Lesesaal ist und wirklich eine schöne Atmosphäre verbreitet." Denn durch die großen Kapellenfenster kommt viel Licht in den historischen Bau. Statt Kapellenbänke stehen nun Stühle mit königsblauem Polster in Reih und Glied. Man kann sich gut vorstellen, dass es angenehm sein muss, dort für einen kurzen Moment in ein Buch abzutauchen – herauszufinden, ob es sich für die Ausleihe eignet.

"Harry Potter" als Krisenliteratur

Beim Gang durch die Regalreihen entsteht der Eindruck, dass die Bücher schon durch hunderte Hände gegangen sein müssen. An diesem Tag ist auch eine Besucherin vor Ort, die zu der Fraktion "Bestseller" gehört. Sie hat in der Krise die Geschichten von Harry Potter nochmal ganz neu entdeckt. "Ich finde einfach die Zeit, in der wir gerade leben – die spiegelt das unglaublich wieder. Also das Gute gegen das Böse. Und da sehe ich Harry Potter als einen Jungen, der von Herzen für das Gute kämpft. Und das baut mich total auf."

Lesesaal der Kreisbibliothek Aschersleben, früher eine Kapelle
Lesesaal der Kreisbibliothek Aschersleben, früher eine Kapelle Bildrechte: MDR/ Nora Große Harmann

Neben der Faszination für Hedwig, Hogwarts und Harry scheinen die Menschen in Aschersleben aber auch den zauberhaften Charme ihrer Heimat zu schätzen, wie Susanne van Treek weiß:  "Es gibt ja so einige Literatur über Aschersleben oder auch manches von Ascherslebern geschrieben und das ist auch eine Sparte, die sehr gut läuft." Es gebe vor Ort Heimatforscher, die sich intensiv mit Personen und der Geschichte Ascherslebens beschäftigen. Das sei eine gute Bereicherung für die Bibliothek und auch für die Leute, die dorthin kämen, so van Treek.

Und, dass dieses Kommen in die Bibliothek bald wieder ganz frei und ohne Termin möglich ist – das ist der große Wunsch der Leiterin. Dann würde auch die Kapelle mit den königsblauen Stühlen wieder mit einer gebannten Leserschaft gefüllt sein.

Lesen in der Pandemie

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. April 2021 | 18:05 Uhr

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