"Erlesene Bibliothek" in Thüringen Bibliothek in Sömmerda: ein Treffpunkt für Literaturfans

Die ehrwürdige Bibliothek im historischen Dreyse-Haus in Sömmerda wird von einem jungen, weiblichen Team geführt und will vor allem eins nicht sein: angestaubt. Mit ansprechender Gestaltung, digitalen Medien und stylischem Lesecafé versucht sie, auf der Höhe der Zeit zu sein und möglichst viele Menschen anzuziehen. Seit Kurzem zählt das Haus zu einer von fünf sogenannten erlesenen Bibliotheken in Thüringen.

Anne Schmidt
Anne Schmidt ist die Leiterin der Stadt- und Kreisbibliothek Sömmerda Bildrechte: MDR/Ole Steffen

Es ist ein regnerischer Tag in der Fußgängerzone der thüringischen Kleinstadt Sömmerda, in der rund 20.000 Menschen leben. Vier von ihnen haben ihre Antwort auf die Frage "Was lesen Sie gerne?" sehr schnell parat:

"Historische Bücher lese ich und auch Krimiromane", sagt eine Passantin. "Gesundheitsbücher. Kneipp. Wie man sich wohlfühlt, sowas lese ich", heißt es von einer anderen Frau. "Von Peter Wohlleben: Das geheime Leben der Bäume", ergänzt ein Mann. Und eine weitere Frau interessiert sich für historische Romane: "Was gerade so angesagt ist", sagt sie. Dass die Menschen so schnell eine Meinung zu ihrer Lieblingsliteratur haben, zeugt von einem intuitiven Verhältnis zu Büchern.

Möglicherweise hat das Interesse dafür auch etwas mit der Präsenz der renommierten Stadt- und Kreisbibliothek Sömmerda zu tun. Denn historische Romane, Sachbücher zur Gesundheit oder auch Bestseller, wie jenen von Peter Wohlleben, findet man dort gewiss.

Ausgezeichnet als "Erlesene Bibliothek"

Yvonne Aulich
Stammkundin Yvonne Aulich – hat sich für die neue Woche eingedeckt. Bildrechte: MDR/Ole Steffen

Eine Stammkundin der Bibliothek ist Yvonne Aulich. Schon in ihrer Kindheit war sie ständig in Büchereien unterwegs. In Sömmerda lebt sie seit 35 Jahren und ist fast wöchentlich in der Bibliothek: "Ich lese eigentlich alle möglichen Bereiche: sehr gerne Krimis, Thriller, aber auch Familiengeschichten, Reiseberichte, Liebesromane. Eigentlich alles".

Kundinnen wie Yvonne Aulich hat die Leiterin der Bibliothek, Anne Schmidt, viele. Nicht erst seitdem sie mit ihrer Bibliothek zu den "erlesenen" in Thüringen gehört. Mit der Auszeichnung werden Einrichtungen gewürdigt, die verbindliche Qualitätsstandards erfüllen. Dazu zählen beispielsweise das Angebot an analogen und digitalen Medien – in Sömmerda gibt es neben Büchern auch DVDs, CDs, e-Books oder Konsolenspiele. Hinzu kommen Kriterien wie eine nutzerfreundliche Präsentation oder die Öffentlichkeits- und Veranstaltungsarbeit. Die Aufmerksamkeit durch das Gütesiegel ist für die Leiterin auch eine Art Bestandsgarantie.

"Und genau das wollten wir ja auch, dass wir einfach immer Thema sind. Dass man merkt: Die Bibliothek geht mit der Zeit. Die Bibliothek bemüht sich. Dass nicht irgendwann mal entschieden wird: Ja, diese alte Bücherausleihstelle brauchen wir nicht mehr", so Anne Schmidt.

Sitzecke in Lesecafé
Gemütliche Sitzecke im Lesecafé der Bibliothek Sömmerda Bildrechte: MDR/Ole Steffen

Hunde sind willkommen

Nur für fünf Jahre gilt das Qualitätssiegel – dann wird neu entschieden, ob die Bücherei noch den Kriterien entspricht. Betrachtet man den Innovationsgeist von Anne Schmidt, sollte das für Sömmerda aber kein Problem werden. Erst kürzlich wurde das neue Lesecafé im Erdgeschoss eingeweiht. Ein gelber Ohrensessel, ein Ledersofa und stylische Accessoires sollen dort zum Verweilen einladen. Das Klischee einer verstaubten, altbackenen oder gar unmodernen Kreisbibliothek will Sömmerda so gar nicht bedienen.

"Man bezeichnet eine Bibliothek einfach heutzutage auch als Treffpunkt. Die Leute sollen nicht, wie das früher so war, leise sein", sagt Anne Schmidt. Es sei genau andersrum. "Die Leute sollen sich hier wohlfühlen. Die sollen sich hier aufhalten, viel Zeit verbringen. Spiele spielen. Mit dem Handy unterwegs sein. Oder hier Lerngruppen bilden, Hausaufgaben zusammen machen", so die Leiterin. Man sei sogar eine hundefreundliche Bibliothek: "Also bei uns dürfen auch die Hunde mit ins Haus. Das wird auch total gerne genommen von den Hundebesitzern."

Bücherregale in Bibliothek
Erdgeschoss im Dreysehaus in Sömmerda Bildrechte: MDR/Ole Steffen

Verstorbene Chefin bleibt Vorbild

Geprägt wurde Anne Schmidts Verständnis von Bibliotheksarbeit durch ihre einstige Chefin, die kürzlich verstorben ist. Ihr Vorbild habe in Anne Schmidt die Leidenschaft für die Bibliotheksarbeit entfacht. "Und sie war immer so eine Chefin, die gesagt hat: 'Wir machen all das, um die Leute in unser Haus zu holen, um junge Leute reinzuholen.' Und die war immer für Neues aufgeschlossen", so Schmidt. Sie hätte ihr gerne noch die Auszeichnung zur "erlesenen Bibliothek" persönlich gezeigt. Ohne das, was die frühere Chefin aufgebaut hat, wäre man nicht zur "erlesenen Bibliothek" geworden. "Wir gehen den Weg auch vor allem für sie jetzt weiter", blickt Anne Schmidt in die Zukunft.

Schilder vor Bücherregalen
Hier geht's ins Auenland – ein Wegweiser in der Fantasy-Abteilung Bildrechte: MDR/Ole Steffen

Über die Bibliothek Sömmerda Die Stadt- und Kreisbibliothek befindet sich seit 2005 im sogenannten Dreyse-Haus. Es ist benannt nach dem Sömmerdaer Johann Nicolaus von Dreyse. Er ist der Erfinder des Zündnadelgewehrs. In dem historischen Haus befindet sich neben der Bibliothek auch auf einem Drittel der Fläche ein Museum. Die Bibliothek befindet sich im ursprünglichen Wohnhaus Dreyses. Teils zeugen alte Fliesen und Böden von der historischen Bedeutung. Hinter dem Gebäude "lädt ein nach historischem Vorbild gestalteter Rosengarten im Biedermeierstil zum Verweilen ein", heißt es auf der Homepage der Bibliothek. Dort finden in den Sommermonaten auch Veranstaltungen wie Konzerte oder Lesungen statt.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Mai 2021 | 18:20 Uhr

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