Literatur und Film Was macht einen guten Krimi aus?

Krimiautorinnen und -autoren wie Simone Buchholz, Clemens Meyer, Clemens Murath, Zoë Beck oder Ian Rankin erzählen vom Morden. Seit Jahrzehnten schreiben sie darüber in Büchern und zeigen es im Fernsehen. Hier sind Krimi-Formate wie "Tatort" und "Polizeiruf 110" sehr beliebt. Aber wer ist in der Lage, einen Mord zu begehen? Was macht einen spannenden Krimi wirklich aus? Wir haben uns in der deutschen Krimi-Szene umgehört – und Buchtipps.


Clemens Murath setzt auf überdrehte Figuren

Clemens Murath ist eigentlich bekannt als Drehbuchautor von Fernsehkrimis. Jetzt hat er ein Buch geschrieben. "Der Libanese" ist nichts für schwache Nerven: Drogenbosse, Junkies, Prostituierte, Entführer, Nazis, ein abgewrackter Filmproduzent und Frank Bosman, bewaffneter LKA-Ermittler mit nervösem Zeigefinger. Ein albanischer Drogenboss stirbt. Die libanesische Clan-Konkurrenz gerät ins Fadenkreuz von Bosman. Das Katz-und-Maus-Spiel beginnt. True Crime oder alles nur erfunden? Irgendwie dokumentarisch, aber unglaublich übertrieben. Kantige, brutale Sprache, hier und da pornografisch. Normal ist hier jedenfalls nichts, und die Handlung hat mehr Speed, als innerorts erlaubt ist.

Ich mag diese abgedrehten Figuren. Ich liebe Pop, ich liebe Pulp. Es macht mir Spaß, wenn das alles einen Kicken drüber ist. An Klischees reizt mich, die Klischees noch mal weiter ins Extreme zu treiben.

Clemens Murath, Autor

Angaben zum Buch Clemens Murath: "Der Libanese" (Kriminalroman)
Heyne Verlag
Taschenbuch, 480 Seiten
ISBN: 978-3-45327-283-5

eine Zeichnung
Abgedrehte Figuren, Pop und Pulp machen für Clemens Murath einen guten Krimi aus. Bildrechte: MDR/Daniel Stieglitz

Ian Rankin stellt große Fragen zur Natur des Menschen

Ian Rankin aus Edinburgh gilt als "Godfather des schottischen Krimis". Seine Romane wurden millionenfach verkauft und zigfach übersetzt. Er schreibt politisch. Warum tun sich Menschen schreckliche Dinge an? Ist es die menschliche Natur oder die kapitalistische Gesellschaft? Fragen, die Detective Inspector John Rebus verhandelt. Ein Anarchist mit Gerechtigkeitssinn. Früher Raufbold, Raucher und Trinker, heute chronisch lungenkrank und scharf auf ungeklärte Fälle.

Ein Klischee ist oft die Wahrheit. Man ist nur leid es zu sehen, weil es so oft benutzt wurde. Bis vor kurzem war Rebus noch der krass trinkende und rauchende männliche Macho-Detektiv. Das ist schon so eine Art Klischee, aber ich könnte auf dutzende Leute bei der Polizei zeigen, die genauso sind. Aber ich denke auch, wenn Klischees funktionieren, dann sind sie sehr nützlich für Autor und Leser.

Ian Rankin, Krimi-Autor

Im Inspector-Rebus-Roman "Ein Haus voller Lügen" finden Kinder beim Spielen im Wald eine skelettierte Leiche im Kofferraum eines alten Autos. Detective Inspector Clarke übernimmt und schnell wird klar, dass es sich um einen alten Fall handelt, in den auch der mittlerweile pensionierte John Rebus verwickelt war. Die Sache wird neu aufgerollt und der Staub, den Clarke und ihr Team aufwirbeln, bringt selbst Polizeibeamte in Bedrängnis. Jeder scheint etwas zu verbergen. Selbst John Rebus. Korruption in der schottischen Polizei? Ein fein gesponnenes Netz aus Handlungssträngen zieht sich durch den Roman. Und ein Zombiefilm, der beweist, dass Zombiefilme durchaus nützlich sein können.

Angaben zum Buch Ian Rankin: "Ein Haus voller Lügen" (Inspector-Rebus-Kriminalroman Nr. 22)
Goldmann Verlag
Taschenbuch, 512 Seiten
ISBN: 978-3-44249-143-8

Clemens Meyer setzt auf berührende Nebenhandlungen

Der Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer kennt die Krimi-Szene. Zusammen mit Regisseur Thomas Stuber hat er jetzt das Drehbuch zu einer Episode der Fernsehkrimi-Reihe "Polizeiruf 110" geschrieben. Im Film gibt es einige überdrehte Figuren und sehr berührende Nebenhandlungen.

In "An der Saale hellem Strande" gibt es einen mysteriösen Mord ohne Zeugen und ein brandneues Ermittler-Duo: Michael Lehmann und Henry Koitzsch. Der eine mit klarem Verhältnis zum Guten. Der andere mit gutem Verhältnis zum Klarem. "Ich bin ja in unserem Polizeiruf immer auf der Seite von dem Kommissar Koitzsch", so Meyer. "Und wie er dann einmal seinen Kumpel im Knast besuchen geht, eine Flasche Whisky mitbringt, hier im Roten Ochsen, die Wache besticht und sagt: 'Hier, eine Spende für den Gefängnis-Sportverein.' Das ist so eine Szene, wo ich sage, das haben wir uns gegönnt. Ok, das ist ein Mann, der hat auch ein Problem mit dem Teufel 'Alkohol'."

Wenn ich Polizist wäre, da würde ich mir erstmal jeden Abend Whiskey eingießen.

Clemens Meyer, Schriftsteller

Monatelang bleiben die Ermittlungen ohne Erfolg. Letzte Chance: Funkzellenauswertung. Wer hat in jener Tatnacht in der Nähe des Tatorts telefoniert? Die Vernehmung liefert Einblicke in Tragödien des Alltags. Widersprüchliche Aussagen verkleinern den Kreis der Verdächtigen und führen in noch tiefere Abgründe. Im Film ist Clemens Meyer übrigens auch selbst in einer Nebenrolle zu sehen: In der Kneipe direkt neben dem Polizeipräsidium versorgt er die Ermittler mit Kaffee, Bier und einigen Literaturzitaten.

Meyer ist großer Fan der alten "Tatorte". Er besitzt sogar die Original-Lederjacke von TV-Ermittler Horst Schimanski. Was diese alten Filme zu guten Krimis machte, war ihre Authentizität, so Meyer: "Die haben einfach Gas gegeben. Die haben manchmal übertrieben. Dann wurde eine Tür auch zu viel eingetreten. Aber auch immer ganz dicht an den Leuten dran. Und an der Szene dran, an der Kneipe dran, an der Vorstadt dran. Da sind einige dabei, wo ich denke, das sind immer noch Meisterwerke heute."

Clemens Meyer
Clemens Meyer trägt hier seine M65, die Original-Jacke von Schimanski in schwarz. Wir wissen aus Befragungen, dass die Bezeichnung "Fan" bei Meyer eine Untertreibung wäre. Bildrechte: MDR KULTUR/Buchmesse Spezial

Angaben zum Film Clemens Meyer und Thomas Stuber:
"Polizeiruf 110: An der Saale hellem Strande"
89 Minuten
Ausstrahlung: 30. Mai 2021 im Ersten und in der ARD Mediathek

Simone Buchholz fasziniert mit Übernatürlichem

Der Krimi "River Clyde" von Simone Buchholz spielt in Glasgow – ihre Protagonistin ist die Staatsanwältin Chastity Riley. "An der Staatsanwältin war und ist für mich immer noch interessant, dass sie große Macht hat. Sie ist die Herrin des Verfahrens. Sie entscheidet: Ermitteln wir oder ermitteln wir nicht", so die Autorin. Ihr Roman ist gespenstisch, nährt sich von Angst.

Ich bin überhaupt nicht religiös. Ich glaube an keinen tieferen Grund. Aber die Idee, dass in allen Dingen ein Geist wohnt, finde ich schön.

Simone Buchholz, Autorin

Natürlich gibt es Tote. Viele Tote. Ein paar davon sind Männer aus der Immobilienbranche, die sich in Hamburg/St.-Pauli die Gesichter wegschießen. Staatsanwältin Chastity Riley interessiert das aber nicht. Sie hat Wichtigeres zu tun. Sie muss in Schottland Familienangelegenheiten klären. Gespräche mit Hirschen und Zimmern zählen dabei zu den wundersamsten Begegnungen. Währenddessen kann sich Kommissar Stepanovic in Hamburg nicht so recht durchringen, die Ermittlungen wegen der erwähnten Toten aufzunehmen. Chastity Riley landet dagegen immer wieder in schottischen Pubs und macht dort ihre intensivsten Erfahrungen. "River Clyde" ist Liebesroman, Geistergeschichte, Gesellschafts- und Reiseroman. Ein Krimi und dazu noch landschaftlich schön.

Simone Buchholz
Simone Buchholz erfand die beliebte Figur der Staatsanwältin Chasity Riley Bildrechte: MDR KULTUR/Buchmesse Spezial

Angaben zum Buch Simone Buchholz: "River Clyde" (Kriminalroman)
Suhrkamp Verlag
Taschenbuch, 230 Seiten
ISBN: 978-3-51847-129-6

Zoë Beck überzeugt mit düsteren Zukunftsvisionen

Zoë Beck setzt auf drängende gesellschaftliche Themen, um ihre Leserschaft zu fesseln. "Wenn wir so weitermachen, wird alles genau so kommen", schreit es aus allen Seiten von Zoë Becks "Paradise City". Globale Erwärmung und Pandemien haben die Menschheit im Buch dezimiert. Auch Deutschland ist überwiegend entvölkert. Berlin ist bloße Touristenkulisse, Frankfurt dagegen Megacity und Hauptstadt. Genau hier scheint alles perfekt. Perfektes Internet, perfekte Gesundheitsversorgung, perfekte staatseigene Algorithmen, die alles regeln und kontrollieren. Und mittendrin Liina, die ein Doppelleben führt und heimlich für ein Recherche-Netzwerk arbeitet, das gegen staatliche Fake-News vorgeht. Als ihr Boss und Liebhaber verunglückt, gerät ihr Leben aus den Fugen und damit das gesamte System. Doch wer steckt hinter all dem? Und ist die schöne neue Welt doch nicht so paradiesisch?

Ich habe eine Gesellschaft, in der Geschlechter keine Rolle mehr spielen, in der Hautfarben, Herkünfte keine Rolle spielen. Und trotzdem sind bestimmte Dinge immer noch gleich, weil nur dadurch, dass man Positionen austauscht, ändert sich ja nicht viel, wenn die Machtstrukturen weiterhin so bleiben, wie sie sind.

Zoë Beck, Autorin

Zoë Beck ist Mitbegründerin des Schriftstellerinnen-Netzwerks HerLand – feministischer Realismus in der Kriminalliteratur. "Wann habe ich mich feministisch radikalisiert? Möglicherweise, als man mir beim Klavierspielen gesagt hat, dass man Frauen am Klavier nicht braucht. Da war ich 16, 17." Vielleicht sei es aber auch am Theater gewesen als man ihr sagte, Frauen brauche man in der Regie nicht: "Ich fürchte, man muss immer erstmal das Ganze zum Explodieren bringen und dass alle furchtbar genervt sind, so wie es denn auch die Aktion 'Frauenzählen' gab (...) Aber das Resultat ist dann eben, dass doch irgendwo ein Gleichgewicht hergestellt wird (...)."

Angaben zum Buch Zoë Beck: "Paradise City" (Thriller)
Suhrkamp Taschenbuch
Taschenbuch, 280 Seiten
ISBN: 978-3-51847-055-8

Mehr Literatur

Mehr zum Thema Krimi

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 28. Mai 2021 | 00:10 Uhr

Abonnieren

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei