Biografie Landolf Scherzer blickt in "Weltraum der Provinzen" auf sein Leben zurück

Schon zu DDR-Zeiten eckte der in Dresden geborene Journalist und Autor Landolf Scherzer an, verlor seinen Studienplatz aufgrund kritischer Reportagen. Nun feiert Scherzer seinen 80. Geburtstag. Einen sehr ehrlichen Einblick in sein Leben und seine Weltsicht gewährt der Band "Weltraum der Provinzen. Ein Reporterleben" mit lesenswerten Interviews, die sein langjähriger Freund und Kollege Hans-Dieter Schütt mit ihm geführt hat. Scherzer zeigt sich darin offen, ehrlich und gibt auch Fehler zu. Eine Buchkritik.

Schriftsteller Landolf Scherzer 4 min
Bildrechte: MDR / Tim Deisinger

Zu den bequemen Zeitgenossen gehörte Landolf Scherzer nie. Wegen DDR-kritischer Reportagen wird er als Student in Leipzig exmatrikuliert. Heftige Diskussionen löst er vor allem mit Einblicken in den SED-Machtapparat aus, die er 1988 in seinem Buch "Der Erste" gewährt. Nach dem Mauerfall überrascht Scherzer mit brisanten Tatsachenberichten über China, Kuba und Griechenland. Nun feiert der in Thüringen beheimatete Journalist seinen 80. Geburtstag. Aus diesem Anlass erscheint das Buch "Weltraum der Provinzen" mit Interviews, die Hans-Dieter Schütt mit dem Jubilar führte.

Freundschaft seit Jahrzehnten

Schütt und Scherzer kennen sich bereits seit Ewigkeiten. Beide arbeiteten zu DDR-Zeiten als Journalisten bei Tageszeitungen. Zwangsläufig kreuzten sich oft ihre Wege. So entstand eine dauerhafte Freundschaft. Schütt besuchte Scherzer häufig in seinem Thüringer Wohnort Dietzhausen und interviewte ihn dort.

Hans-Dieter Schütt bei einer Lesung mit Gregor Gysi,  21. Erfurter Herbstlese 2017
Hans-Dieter Schütt war zu DDR-Zeiten Chefredakteur der Zeitung "Junge Welt" und nach dem Mauerfall Feuilletonredakteur beim "Neuen Deutschland" Bildrechte: imago/VIADATA

Die protokollierten Unterhaltungen erschienen jetzt in Buchform und verkörpern ein Mosaik von Scherzers turbulentem Leben, in dem nicht zuletzt Erinnerungen an seine Eltern eine wichtige Rolle spielen: "Vater und Mutter waren beide im Volkschor von Lohmen, auch die Brüder meines Vaters sangen mit. Nach den Proben des Chores ging Vater meist mit den Sangesbrüdern und -schwestern, also auch mit meiner Mutter, in die Kneipe. Mutter guckte irgendwann auf die Uhr und sagte nur: 'Walter, wir haben jetzt keinen Durst mehr!' Wir! Sie wusste genau, wie sie ihn nehmen musste, um ihn folgsam zu halten."

Viele Bücher oder gar ein Klavier, das gab es bei uns daheim nicht.

Landolf Scherzer

Immenses Maß an Ehrlichkeit

An Scherzers Aussagen besticht das immense Maß an Ehrlichkeit. Nirgendwo stilisiert er sich zum Dissidenten oder Rebellen. Unumwunden räumt er ein, dass er zu lange an den Sozialismus ostdeutscher Prägung und dessen Reformierbarkeit glaubte. Aus heutiger Perspektive macht er diesbezüglich Tabula rasa.

Obwohl er sich nicht komplett von linken Ideen verabschiedete, zerstoben seine Utopien während der Herbstrevolution von 1989. Diesen Wandel dokumentiert eine Rückschau auf eine Diskussion mit einem prominenten Kollegen: "Als ich Günter Wallraff nach dem Ende der DDR von meinen illusorischen Erwartungen an Glasnost und Perestroika erzählte, erwiderte er kopfschüttelnd, ich hätte doch bloß all die negativen ökonomischen und politischen DDR-Details, die ich im Buch 'Der Erste' beschrieb, zusammenzählen sollen – dann hätte ich endgültig begriffen, wie chancenlos dieses System war. Ich habe noch seine Worte im Ohr: 'Aber wahrscheinlich warst du in Mathe schlecht.'"

Die Neugier, Schicksale zu ergründen

Cover: Landolf Scherzer, Hans-Dieter Schütt, Weltraum der Provinzen
Das Buchcover von "Weltraum der Provinzen" Bildrechte: Aufbau Verlag

Die Dialoge, die Schütt mit Scherzer führte, zeigen, dass Scherzer problemlos auch andere Meinungen akzeptiert. Fanatismus in jeglicher Gestalt befremdet den Reporter, der ähnlich wie Egon Erwin Kisch mehr als vier Jahrzehnte rastlos um den Globus tourte. Dabei trieb ihn allerdings nicht bloß die Abenteuerlust um, sondern zuallererst die Neugier, Schicksale zu ergründen, so Scherzer: "Scheu, auf Menschen zuzugehen, habe ich nicht. Ich quatsche die Leute an, das ist mein Naturell. Wortlosigkeit zwischen Menschen mag ich nicht. Vorm Professor habe ich keine Hemmung, und gegenüber dem Arbeiter bin ich nicht arrogant. Nur vor Ärzten und Theaterleuten befällt mich ein Stocken. Wovor ich mich jedes Mal fürchte: wenn ich nachrecherchieren, nachfragen muss. Wenn ich beim Schreiben einer Reportage Zusatzinformationen benötige, dann kostet mich jeder Anruf, jedes nochmalige Türklopfen Überwindung. Ich komme mir vor wie ein Zeitdieb. Sehr unangenehm."

Verstaubte Stasiakten

Schütt berichtet, dass Scherzer sein Erbe dem Staatsarchiv in Meiningen übereignete. Es handelt sich um viele Kisten, gefüllt mit vergilbten Manuskripten und Kopien von Stasiakten. Scherzer nennt diese Dokumente "verstaubte Sachen". Er liebt es nicht, in der Vergangenheit zu stochern. Sein Ding ist die Gegenwart. Trotzdem schleicht sich ein Portion Melancholie in seine Antworten ein, wenn Schütt ihn zum Hier und Heute befragt:

Landolf Scherzer
Landolf Scherzer Bildrechte: Ilong Göll

Zorn ist vor allem eine Äußerungsform jüngerer, kräftiger Jahre. Traurigkeit ist eher ein Altersprodukt. Ich versuche, sie zu unterdrücken, sie ist was fürs einsame Kämmerlein. Aber immerhin ist diese Traurigkeit für mich so groß geworden, dass ich nicht mehr allzu große Lust verspüre, die Tür meines Hauses aufzureißen, um erneut in andere Länder zu ziehen.

Landolf Scherzer, Autor und Reporter

Über Privates redet Scherzer im Gedankenaustausch mit Schütt nur sehr spartanisch. Lediglich am Rande erfährt man etwas von seinen vier Ehen und diversen Enkeln. Dieser Mann ist nicht der Typ, der Einblicke in seine Intimsphäre gewährt. Bis ins Detail hinein erweist er sich stattdessen als unerbittlicher Querkopf und Störenfried, der es sich gestattet, hinsichtlich der Probleme des Alterns total offen gegenüber sich und seinen Lesern zu sein:

Die Welt hat genug von mir, ich hab genug von der Welt. Das sag ich nicht bitter. Ich empfinde es als Vorteil, dass nicht nur die Energie, sondern auch die Eitelkeit abnimmt.

Landolf Scherzer

Informationen zum Buch Landolf Scherzer, Hans-Dieter Schütt:
"Weltraum der Provinzen. Ein Reporterleben"
Gebunden, 281 Seiten, 22 Euro
ISBN: 978-3-351-03853-3
Aufbau Verlag

Literarische Stimmen aus dem Osten

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. April 2021 | 08:10 Uhr

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