Comic-Kunst "Beta ...civilisations (Volume II)": So prägte Weißwasser den gefeierten Comic-Künstler Jens Harder

Nicht weniger als die Geschichte der Welt von dessen Entstehung bis in die Zukunft zeichnen – das hat sich der Comic-Künstler Jens Harder mit "Alpha", "Beta" und "Gamma" vorgenommen. Ein Projekt, für das Harder mit vielen Lorbeeren im Feuilleton überhäuft wurde und unter anderem den renommierten Max-und-Moritz-Preis erhielt. Gerade ist dritte Band "Beta II" erschienen, der die Geschichte von Christi Geburt bis heute zeigt. Dabei liegt der Ursprung dieses Werks unter anderem im sächsischen Weißwasser.

Ein Mann mit Fünf-Tage-Bart und Brille steht vor einer Wand mit Zeichnungen.
Jens Harder arbeitet seit einigen Jahren an der Reihe "Die große Erzählung". Bildrechte: anjazwei.de

Warum sieht die Welt so aus, wie sie ist, und wie ist sie so geworden? Diese Fragen hat sich Jens Harder schon als Kind gestellt. Zum Beispiel wenn er durch die Wälder rund um seine Lausitzer Heimatstadt Weißwasser streifte, in denen die Bäume in Reih und Glied stehen: "Der Wald war angepflanzt und vorher waren mehrmals Gletscher über die Gegend planiert und haben Findlinge hinterlassen", erzählt Jens Harder heute. "Noch vorher war es im Tertiär offensichtlich Dschungel gewesen, sonst gäbe es die Braunkohle nicht. Und auch in der jüngeren Vergangenheit gab es Umbrüche, wie das Neubaugebiet, in dem ich aufwuchs und das wenige Jahre entstand, bevor ich geboren wurde. Jetzt wird es wieder zurückgebaut und bald sieht es aus, als hätte es da keine Neubaugebiete gegeben."

Buch über 2000 Jahre Zivilisation

Über einer Zeichnung eines Globus steht "Aufklärung".
Das Buch "Beta II" folgt den bekannten Epochen, der europäischen Geschichte. Bildrechte: Jens Harder

In seinem Comic "Beta II" packt Jens Harder 2000 Jahre Menschheitsgeschichte in gut 2000 Bilder. Das Verrückte daran: Er erfindet kein Bild selbst, sondern zeichnet sie aus den unterschiedlichen Epochen ab, ordnet sie neu und zeigt so überraschende Zusammenhänge zwischen Kulturen und den Umbrüchen der Weltgeschichte auf.
Der Comic ist also auch ein kulturhistorisches Vergnügen. Dem Künstler Jens Harder war wichtig, "so nah an dem Objekt zu sein, wie nur möglich. Das bedeutete eben, meine eigene Fantasie hinten anzustellen und mich auf das zu konzentrieren, was es am unmittelbarsten ausdrückt: Zeitzeugen, wie wir sie glücklicherweise seit mindestens 30.000 Jahren haben von den ersten Höhlenzeichnungen bis aktuellen Satellitenaufnahmen und dazwischen die Bildschaffenden jeder Epoche und jedes kulturellen Metiers."

Lausitzer Künstler verbindet Bilderwelten

Jens Harder hat Malereien und Zeichnungen aus frühen asiatischen Hochkulturen ebenso recherchiert, wie die wenigen Darstellungen, die es überhaupt noch von den amerikanischen Hochkulturen wie Maya und Inka gibt, nachdem christliche Missionare alles zerstört hatten. Er hat mittelalterliche Tafelbilder eingebaut – und mit zeitgenössischen Darstellungen kombiniert, um den Blick von heute deutlich zu machen.

Comic-Seite in bronzener Farbe mit den Händen aus Michelangelos Adam und dem Vitruvianischen Mann von Da Vinci.
Jens Harder recherchierte die zahlreichen Darstellung der Menschheitsgeschichte. Bildrechte: Jens Harder

Wenn es um japanische Samurai geht, kombiniert Jens Harder historische Zeichnungen mit Manga-Bildern und wenn er die Arbeitsbedingungen zur Zeit der Industrialisierung zeichnet, sind auch Bilder aus dem Film "Modern Times" zu sehen, in denen Charlie Chaplin im wahrsten Sinne des Wortes zwischen die Zahnräder der Industrie gerät. "Ich hab da als Bildarrangeur auch die Freiheit, die ganze Bandbreite abzubilden, die in der popkulturellen Verwertungsindustrie entstehen", sagt der Künstler über seine Arbeit. "Da werden Heroen vom Thron gestoßen und dann tauchen die wieder auf in einem Comic oder in einem Monty Python-Film. Ich will damit zeigen, dass alles zu einer gewissen Zeit seine Bedeutung hat und in der Rückschau ist es nur noch eine Anekdote."

Comic-Buch macht Weltgeschichte erlebbar

Auf diese Weise zeichnet Jens Harder zum Beispiel den Niedergang des römischen Reiches nach: Über viele Panel (also Bildabschnitte auf den Buchseiten) haben die Römer Gebiete erobert, eine Hochkultur aufgebaut. Sie haben befestigte Straßen geschaffen, Wasserleitungen gebaut, eine ausgefeilte Architektur entwickelt. Dann kommen plündernde Barbaren aus dem Norden und übernehmen die Macht – und eine Infrastruktur, mit der sie gar nichts anzufangen wissen: Jens Harder zeichnet, wie in den römischen Siedlungen zwischen Kapitellen Ackerbau und Viehzucht betrieben wird und die Gebäude mehr und mehr verfallen.

Comic-Seite in blauen Farben zeigt neben mehrere Zeichnungen von Kriegern ein Bild von Asterix und Obelix
Jens Harder verbindet historische Darstellung mit Popkultur. Bildrechte: Jens Harder

So wird offensichtlich, wie eine ausgefeilte Hochkultur von sehr viel einfacheren Gesellschaften gestürzt werden kann und mit welchem Kulturverlust das einhergeht. Gerade durch die Verdichtung von Ereignissen macht Jens Harder Geschichte ungeheuer plastisch. Darin liegt die große Stärke seiner gezeichneten Weltgeschichte.

Cover "Beta II"
Bildrechte: Carlsen Verlag

Informationen zum Buch Jens Harder: "Beta ...civilisations (Volume II)"
368 Seiten
Carlsen Verlag
ISBN: 978-3-551-79000-2

Junge Comic-Kunst

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Dezember 2022 | 18:10 Uhr

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