Andreas Lehmann: "Schwarz auf Weiß" Leipziger Autor schreibt den "vielleicht ersten Corona-Roman"

Andreas Lehmann, 1977 in Marburg geboren, war zwei Mal Teilnehmer des Open Mike-Wettbewerbs der Literaturwerkstatt Berlin und erhielt Werkstattstipendien der Jürgen-Ponto-Stiftung, der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin und der Romanwerkstatt im Brechtforum Berlin. Heute lebt und arbeitet Lehmann in Leipzig. Nach seinem 2018 erschienenen Prosadebüt "Über Tage" trägt sein jüngster Roman den Titel "Schwarz auf Weiß": der womöglich erste Corona-Roman, der im Home-Office geschrieben wurde.

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Der Leipziger Autor Andreas Lehmann schrieb den Roman "Schwarz auf Weiß" in nur sechs Monaten während der Lockdowns. Sein Held darin will aus seinem tristen Callcenter-Alltag ausbrechen und wird ausgebremst: von Corona.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 02.08.2021 15:30Uhr 03:59 min

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MDR KULTUR: Andreas Lehmann, beschreiben Sie mal Ihre Hauptfigur aus "Schwarz auf Weiß".

Andreas Lehmann
Andreas Lehmann hat den Roman in nur sechs Monaten verfasst. Bildrechte: Christopher Utpadel

Andreas Lehmann: Martin Oppenländer ist ein Mann, der lange Zeit einer Arbeit nachging, die er nur so halb mochte. Er hat in einem Callcenter gearbeitet, hat es aber geschafft, sich aus dem Telefondienst, aus diesem kommunikativen Frondienst hochzuarbeiten in eine Teamleiterposition. Dennoch hat er irgendwann gesagt: Ich muss da mal raus und ich muss mal etwas machen, wo ich wirklich meinen Namen darunter schreiben kann, wo ich unter eigener Flagge segeln kann.

MDR KULTUR: Also eine Flucht aus der Fron mit einem Geschäftsmodell, das ziemlich überzeugend klingt.

Andreas Lehmann: Er ist ein sehr rationaler Mensch und macht sich mit etwas selbstständig, von dem er weiß, dass es gebraucht wird, nämlich: das Betriebliche Gesundheitsmanagement, BGM abgekürzt. Das gibt es tatsächlich, also das ist keineswegs eine skurrile Sache aus dem Text, das ist etwas ganz Alltägliches. Damit möchte er sich selbstständig machen, weil er gerade in seiner Callcenter-Welt gemerkt hat, wie groß der Bedarf ist.

MDR KULTUR: Ein rechter Plan zur falschen Zeit, wie sich zeigt?

Andreas Lehmann: Der Clou ist natürlich so ein bisschen, dass er Unternehmen in Gesundheitsfragen beraten möchte und ausgerechnet die Pandemie ihn sozusagen aushebelt. Und genau jetzt, wo eigentlich solche Fragen erst recht nach oben gespült werden, hat eben kein Unternehmen mehr das Geld oder möchte es nicht ausgeben, um eine externe Kraft zu beschäftigen, die sich damit befasst.

MDR KULTUR: Sie haben dieses Buch in nur sechs Monaten geschrieben, in einer Zeit des Home-Office. Ist "Schwarz auf Weiß" ein "Corona-Roman"?

Andreas Lehmann: Das kann man durchaus insofern so nennen, als es tatsächlich – obwohl das Wort auf keiner Seite genannt wird – um einen Mann geht, der sich just in dem Augenblick beruflich selbstständig macht. Er möchte den Fesseln seines Angestelltenalltags entkommen, da nun wegen Corona das Ganze stillsteht und er ausgebremst wird. Insofern hat es mit Corona sehr viel zu tun. Es ist eine sehr unmittelbare Reaktion. Okay, vielleicht ist es sogar der erste Corona-Roman.

MDR KULTUR: Martin Oppenländer will also sein Leben verändern und die Zukunft planen: Ausgerechnet in diesem Moment holt ihn die Vergangenheit ein.

Andreas Lehmann: Das Telefon klingelt, wo er nun zu Hause sitzt und wartet, was jetzt als nächstes passiert oder eben nicht passiert. Und es ist eine Frau am Apparat, Rebekka Wieland, und die sagt: 'Ich kenne Sie, Herr Oppenländer, von früher.' Und er sagt: 'Oh, ich Sie aber nicht mehr, ehrlich gesagt.'

MDR KULTUR: Parallel zum beruflichen Neustart wird er verfolgt von fremden Erinnerungen. Sie umkreisen diesen Oppenländer, lassen uns an seinen Ängsten teilhaben. Ohne sein Notizbuch sei er wehrlos, heißt es im Text.

Buchcover - Andreas Lehmann: "Schwarz auf Weiß"
"Schwarz auf Weiß" erzählt knapp und zugespitzt von den Krisen unserer Zeit. Bildrechte: Karl Rauch Verlag

Andreas Lehmann: Ich würde das ambivalent sehen. Das ist einerseits ein Ausdruck durchaus von Einsamkeit, weil er seinem Notizbuch Dinge anvertraut, die man vielleicht auch einem realen Gesprächs- und Kommunikationspartner anvertrauen könnte. Andererseits ist dieses Notizbuch auch ein Instrument und ein Medium der Selbstvergewisserung. Die Notizbücher, die er vollgeschrieben hat im Laufe der Jahre, helfen ihm auch unbedingt dabei, zu verstehen, wer er mal gewesen ist und aus welcher Motivation er die Entscheidungen getroffen hat, die sein Heute bestimmen. Die ihm aber auch darüber Auskunft geben, wer er ist und in welcher Gedankenwelt er unterwegs ist.

Das Interview führte Michael Ernst für MDR KULTUR.

Informationen zum Buch Andreas Lehmann: "Schwarz auf Weiß"
Erschienen im Verlag Karl Rauch
180 Seiten
20 Euro
ISBN 978-3-7920-0270-4

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. August 2021 | 17:40 Uhr

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