"Bittere Wasser" Auf der Suche nach Heimat: Leipziger Autorin legt berührenden Roman über 100 Jahre Geschichte vor

Bergbau, Kriegstraumata und DDR-Staatszirkus – der neue Roman der Leipziger Autorin Tina Pruschmann umfasst mehr als 100 Jahre Geschichte. "Bittere Wasser" erzählt von Zirkuskind Ida, deren Eltern in der DDR bekannte Artisten waren und nach der Wende ein neues Leben beginnen müssen. Der Roman spielt im Erzgebirge, aber auch in Kiew und Tschernobyl und ist eine seltene Mischung aus Melancholie, Poesie und schlagfertigem Humor, meint MDR KULTUR-Kritiker Matthias Schmidt.

Tina Pruschmann erzählt in ihrem Roman das ganze letzte Jahrhundert, die beiden Weltkriege, die DDR, die Wiedervereinigung, die Gegenwart. Dazu gibt es – der Haupthandlungsort ist Tann, eine kleine Stadt im Erzgebirge – eine ordentliche Portion Bergbaugeschichte. Kaum zu glauben, wieviel Geschichte, wie viele Geschichten auf 288 Seiten passen! Umso beeindruckender ist, wie es der Autorin gelingt, das alles trotz der zeitlichen und räumlichen Sprünge zu einer spannenden, sehr schön zu lesenden Handlung zu verbinden. Ein fabelhaftes Buch.

Kindheit zwischen Erzgebirge und DDR-Staatszirkus

Damit es gelingt, bettet Tina Pruschmann die große Geschichte in die kleine ein – in die Familiengeschichte des Mädchens Ida. Anfangs ist Ida ein junges Mädchen, das bei der Ohm, der Großmutter, im Erzgebirge aufwächst, weil ihre Eltern berühmte Zirkuskünstler sind, die mit dem DDR-Staatszirkus in der Republik und der Welt unterwegs sind. Die Wende erlebt sie als Schülerin und dürfte damit in etwa Pruschmanns Jahrgang sein, 1973.

Eine Frau mit Brille blickt freundlich in die Kamera
Autorin Tina Pruschmann erzählt in ihrem Roman "Bittere Wasser" 100 Jahre Geschichte. Bildrechte: Robin Kunz

In den Biografien der sie umgebenden Menschen, der Ohm, der Eltern, den Menschen in der kleinen Stadt, entdeckt Ida überall Spuren der geschichtlichen Einschnitte des 20. Jahrhunderts: einen Bürgermeister, der im KZ umkommt, weil er schwul war. Menschen, die aus Ostpreußen stammen und nach der Vertreibung in der Stadt gelandet sind. Die ihre Heimat, ihre Wurzeln verloren haben. Verluste, wohin man schaut. Da sind Kriegstraumata: zum Beispiel bei der von allen für verrückt gehaltenen alten Frau, die den "Scheechemann" gesehen hat, eine Art Gespenst, das in Wahrheit vielleicht ihr spät und unerwartet aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrter Mann war.

Bergbau in der DDR, Stasi-Vergangenheit und Treuhand

In der fiktiven Stadt Tann, die dem heutigen Bad Schlema sehr ähnelt, dreht sich fast alles um den Bergbau, am Anfang des 20. Jahrhunderts entstand hier das größte Radonbad Deutschlands und sorgte für wirtschaftlichen Erfolg durch den Fremdenverkehr. In der DDR wurde dann Uran abgebaut, mit schlimmen Folgen für die Menschen und ihre Heimat. Der Bergbau ist zugleich Segen und Fluch für den Ort, viele Männer bleiben im Berg, sterben an den "bösen Wettern".                                                                     

Idas Eltern sind in der DDR Stars, es gibt sogar eine Briefmarke, auf der die Mutter abgebildet ist. Sie ist eine der besten Artistinnen der Welt, trennt sich aber nach der Wiedervereinigung nach Stasi-Enthüllungen vom Vater. Der Zirkus wird abgewickelt, verkauft von der Treuhand für eine D-Mark. Die Mutter tingelt nun mit einer Western-Revue durchs Land. Der Vater ist ein gefallener Mann, ein verlassener Mann, und Ida sucht fortan allein ihren Platz in der Welt. Da ist einfach niemand mehr, der ihr Orientierung geben kann. Sie erinnert ein wenig an das Mädchen aus dem Grimmschen Sterntaler-Märchen. Irgendwann beschließt sie, den beiden Elefanten nachzuziehen, mit denen sie als kleines Mädchen schon im Zirkus aufgetreten ist – und die wurden an einen Kiewer Zoo verkauft.

Ukraine als Handlungsort

Damit eröffnet Tina Pruschmann noch einmal ein ganz anderes Handlungsuniversum – in der Ukraine. Aber selbst das geht auf, und zwar dank Ida, die Tina Pruschmann wie eine Märchenfigur durch die Welt gehen lässt. Lebensklug und ein bisschen naiv sucht die nunmehr junge Frau sich selbst und entdeckt dabei die Welt. Als Leser schließt man Ida ins Herz und wünscht ihr so sehr, dass am Ende alles gut wird. Nach den Irrungen und Wirrungen der Kindheit, in der Familie, in der Heimat. Ob es so kommt, wird hier nicht vorweggenommen, aber mit dieser Ida ist Tina Pruschmann eine starke literarische Figur gelungen, vielleicht kein Oskar Matzerath, aber fast.

Cover des Romans "Bittere Wasser" von Tina Pruschmann: Ein Zirkuszelt
Der Roman "Bittere Wasser" ist am 15. November 2022 bei Rowohlt in der Reihe "Hundert Augen“ erschienen. Bildrechte: Rowohlt Verlag

Wie ein "explodiertes Westpaket"

Tina Pruschmann schreibt sehr stilbewusst, nicht gedrechselt wie Matzerath-Erfinder Grass, aber sehr bildreich, sehr poetisch. Auch sprachlich ist "Bittere Wasser" ein großer Wurf. Sie greift den Dialekt des Erzgebirges ebenso auf wie die DDR-Jugendsprache.

Sie findet immer wieder nahezu aphoristische Verdichtungen für Sachverhalte. Etwa, wenn die Ohm Ida auf eine Frage nicht antworten will, da heißt es: "den Rest musste sich Ida zusammenreimen, wie meist, wenn etwas wichtig war." Immer wieder greift sie Formulierungen aus dem Volksmund auf, aus denen man sich als Leser Historisches zusammenreimen kann. Etwa, wenn die Ohm von Hitler schwärmt, wie so viele Deutsche es in den 30er-Jahren taten, dann aber anfügt, "aber das mit dem Krieg, das hätte er nicht machen dürfen, das war schlimm." Solche "Einfache-Leute-Gedanken" sind ein Erfolgsgeheimnis des Romans, ein weiteres sind pointierte Beschreibungen: wenn die Regale der ehemaligen Tanner Kaufhalle nach der Wende beschrieben werden heißt es: die sehen aus "wie ein explodiertes Westpaket".

Heimat-Verlust und Heimat-Suche

"Bittere Wasser" ist ein sehr berührendes Buch zum Thema Heimat-Verlust und Heimat-Suche. So wie Ida danach sucht, nach Halt und Sinn in Umbruchszeiten, geht es ja vielen. So ging es der Ohm nach dem Krieg, Idas Vater nach dem Ende der DDR. So ging es den Vertriebenen 1945, den Flüchtenden heute. So geht es den Menschen im Erzgebirge, so geht es den Menschen Kiew. Dieses Universelle im Kleinen zu finden, ist Tina Pruschmann herausragend gelungen. In einer seltenen Mischung aus Melancholie, Poesie und schlagfertigem Humor. Ein faszinierendes Kaleidoskop aus Bildern des Jahrhunderts.

Infos zum Buch

Tina Pruschmann: "Bittere Wasser"
Rowohlt Verlag, 2022
288 Seiten
22 Euro

Redaktionelle Bearbeitung: Lilly Günthner

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. November 2022 | 18:05 Uhr

Mehr MDR KULTUR