"Freudenberg" Leipziger Lyriker legt Romandebüt vor: Ein Manifest für die Schwachen

Carl-Christian Elze, 1974 in Berlin geboren, wuchs in Leipzig auf und studierte von 2004 bis 2009 am Deutschen Literaturinstitut (DLL). Zuletzt veröffentlichte der Autor den Gedichtband "panik/paradies". Mit "Freudenberg" legt der Lyriker nun seinen ersten Roman vor. Darin erzählt Elze von einem Teenager, der seine Identität wechselt, seinem Leben entflieht und letztlich doch in die elterliche Kleinstadt zurückkehrt. Was aber tun, wenn man plötzlich auf der eigenen Beerdigung steht?

 Buchcover: Carl-Christian Elze "Freudenberg" 4 min
In seinem Romandebüt "Freudenberg" erzählt der in Leipzig lebende Autor Carl-Christian Elze von Schuld, Verdrängung und dem unstillbaren Wunsch, ein anderer zu sein. Bildrechte: Verlag Edition Azur

Nach dem Abitur schwebte Carl-Christian Elze eine Laufbahn als Mediziner vor. Doch das Studium entsprach nicht seinen Erwartungen. Deshalb wechselte er schließlich ans Deutsche Literaturinstitut in Leipzig, das er mit einem Diplom absolvierte. Den Durchbruch erzielte er 2013 mit der gefeierten Verssammlung "ich lebe in einem wasserturm am meer, was albern ist". Als Lyriker sorgte er seither für Meilensteine.

Dass er das Metier der Prosa ebenso perfekt beherrscht, zeigt sich an seinem Debütroman über einen 17-jährigen Jungen namens Freudenberg, der mit sich und der Welt total im Unreinen ist. Gefangen zwischen Pubertät und Erwachsenendasein wähnt er sich auf verlorenem Posten. Oft gerät er deshalb mit seinem Vater Gerd in Streit: "Als Freudenberg kurz vorm Hauptschulabschluss noch immer nicht hatte sagen können, wie es weitergehen sollte mit ihm und seinem Leben, war es Gerd endgültig zu bunt geworden. Wieder hatte sich Freudenberg ausweichend und zeitschindend verhalten, genauso ausweichend und zeitschindend wie immer, hatte Gerd plötzlich geschrien."

Kampf um Identität und Selbstständigkeit

Im Verlauf eines Urlaubs an der polnischen Ostsee dämmert es Freudenberg, dass er um keinen Preis die biedere und spießige Existenz seiner Erzeuger teilen möchte. Es dürstet ihn förmlich nach Flucht aus deren bravem und gesittetem Milieu. Bei seinem erhofften Befreiungsschlag kommt ihm der Zufall zu Hilfe.

Blick vorbei an einer Düne auf einen Strandabschnitt an der Ostsee. Die Sonne scheint und kleine Wellen schwappen an Land.
Die Geschichte von Carl-Christian Elzes Roman "Freudenberg" beginnt, als der 17-Jährige Protagonist eine Leiche am Strand findet. Bildrechte: IMAGO

Während er arglos an der Steilküste entlang streift, stößt er auf die Leiche eines Jungen, der ihm vom Äußeren her stark ähnelt. Er entdeckt dessen Papiere und fasst von einer Sekunde auf die andere den Plan, seine Identität mit der des Verstorbenen zu tauschen: "Jetzt trug er alles, was Marek einmal gehört hatte: seine Unterhose, seine Jeans, sein T-Shirt, seine Windjacke und seine weißen Turnschuhe. Seine eigenen Sachen, seine Schuhe, sein Portmonee hatte er an der Stelle zurückgelassen, wo Mareks Turnschuhe gestanden hatten, an der Kante."

Leipziger Autor überzeugt mit Romankomposition

Porträt des Leipziger Autors Carl-Christian Elze: Ein Mann steht in einem Park, die Haare sind nach hinten gekämmt, er trägt Brille und eine weißes Hemd.
Der Leipziger Autor Carl-Christian Elze schreibt Lyrik, Prosa und Drehbücher. Bildrechte: Sascha Kokot

Geschickt baut Carl-Christian Elze Elemente des Thrillers und des Pageturners in diese turbulente Geschichte ein. Darin ähnelt er dem Poeten Uwe Kolbe, der die Leser mit den Kriminalstorys "Der Tote von Belintasch" und "Thrakische Spiele" verblüffte. Doch Elze wartet nicht bloß mit einer packenden Handlung auf, sondern er garniert das dynamische Geschehen darüber hinaus noch mit psychologisch aufregenden Effekten, etwa indem er seinen Helden unter Liebeskummer leiden lässt.

Plastisch und dramatisch schildert er in einer Szene, wie sein Held bei einem Mädchen abblitzt: "Ihre Augen wurden schlagartig wütend und kalt. Wie Gletscher, dachte Freudenberg. Er hielt ihren Blicken stand, aber nicht aus Stärke, sondern aus Schwäche. Ja, es war eindeutig Schwäche, spürte er, die seine Muskeln gelähmt hielt und seine Augen zurückstarren ließ."

Roman als Manifest für die Schwachen

Letztlich kehrt Freudenberg nach seiner wilden Odyssee freiwillig in den Schoß der Familie zurück. Es ist die Kapitulation eines Reumütigen, der sich zerknirscht als Verlierer definiert: "Er hatte es nicht ausgehalten in der freien Wildbahn. Die sogenannte freie Wildbahn hatte ihn zu Tode erschreckt, begriff er zum ersten Mal in aller Klarheit. Er war schwach und erbärmlich gewesen, und er war es noch immer: schwach und erbärmlich. Das war die Wahrheit."

Carl-Christian Elze präsentiert mit diesem Buch ein Manifest für die Schwachen. Er demonstriert, dass Kinder, die austicken, über das Recht verfügen, von Konformisten respektiert zu werden. Und dieser Appell glückt ihm glänzend. 

Angaben zum Buch

 Buchcover: Rechts oben steht in weißer Schrift Carl-Christian Elze, Über das ganze Cover steht in rot-weiß überlagernder Schrift "Freudenberg".
Im Dresdner Verlag Voland & Quist erschienen: Carl-Christian Elzes Romandebüt "Freudenberg". Bildrechte: Verlag Edition Azur

Carl-Christian Elze: "Freudenberg"
Erschienen bei Voland & Quist in der Edition Azur
176 Seiten, 20 Euro
ISBN: 9783942375542

Literatur aus Leipzig

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Februar 2022 | 18:20 Uhr

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