Literatur Buchmesse-Chef Oliver Zille zur Absage von Buchmesse und "Leipzig liest"

Am Mittwoch wurde mitgeteilt, dass die Buchmesse auch 2022 nicht stattfinden wird, das dritte Mal in Folge. Auch des Lesefestival "Leipzig liest" entfällt. Buchmesse-Direktor Oliver Zille erklärt im Gespräch mit MDR KULTUR die Gründe.

Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse
Oliver Zille ist seit 2004 Direktor der Leipziger Buchmesse Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Oliver Zille, wann war Ihnen klar, dass sie auch in diesem Jahr die Leipziger Buchmesse absagen müssen?

Oliver Zille: Anfang dieser Woche, als wir uns mit unserem Haus, mit unseren Technikern nochmal über die Pläne gebeugt haben und gleichzeitig – alles lief ja parallel – viele wichtige und bekannte Verlagsnamen mit ihren Autorinnen und Autoren und ihrer Standpräsenz auf der Messe abgesagt haben. Da war klar, dass wir unser Markenversprechen, unser Leistungsversprechen nicht mehr erfüllen können.

Gegen Anfang der Woche teilte einer der ganz großen Verlage mit, dass er seinen Stand nicht auf der Buchmesse Leipzig aufbauen wird. Um die Mitarbeitenden zu schützen. Dass man aber gleichwohl hofft, dass das Begleitprogramm "Leipzig liest" über die Bühne geht. War das so einer der Bausteine, wo Sie gedacht haben: "Jetzt macht es auch keinen Sinn mehr"?

Nein, das war es nicht. Es geht nicht darum, ob ein einzelner Konzernverlag hier sagt, er macht nicht mit. Das wäre sehr bedauerlich gewesen, ohne diese Verlagsgruppe die Messe zu organisieren – aber das war kein Grund. Und es waren eben nicht nur die Konzernverlage. Sondern in der Breite hat die praktische Vorbereitungszeit offensichtlich gefehlt. Viele Verlage haben uns das kurzfristig signalisiert – und zwar genau nach dem Tag, an dem wir die positive Botschaft gesandt hatten: "Politik steht zur Buchmesse, öffnet das Gelände. Wir können jetzt!"

Buchmesse Leipzig 2018 - Eröffnung
Auch in diesem Jahr werden sich die Buchmesse-Hallen nicht mit Fans des gedruckten Wortes füllen Bildrechte: MDR/Andreas Lander

Das war um den 1. Februar herum, da haben wir nochmal, nach mehreren Zwischenschritten zuvor, das Commitment mit unseren Ausstellern gesucht und erneuert. Und parallel dazu liefen eben auch die Diskussionen in den Verlagen.

In der Gesellschaft gibt es in Bezug auf die Einschätzung der Pandemie und dessen, was in der Zukunft wird, ein sehr zerrissenes Bild. Und genau diese Zerrissenheit gibt es eben auch in der Branche, egal ob Konzernverlag oder kleiner Verlag, die geht quer durch. Und diese Zerrissenheit haben wir zu spüren bekommen. Das ist bis zu einem gewissen Grad auszuhalten. Aber wenn wir unsere Markenversprechen, ein Branchenüberblick und ein großes Lesefest zu sein, also die wichtigen Autorinnen und Autoren, die starken Frühjahrstitel abzubilden, nicht mehr einlösen können, dann macht die Messe keinen Sinn.

Aber wenn Sie es so formulieren, wenn die Vorbereitungszeit für bestimmte Akteure zu kurz war – dann haben die ja gar nicht darauf gehofft, dass die Leipziger Buchmesse 2022 stattfindet?

Doch, das haben sie! Es war ja eine klare Ansage: "Wir haben Personalausfälle in Größenordnungen. Die Leute sind krank, beziehungsweise sie sind in Quarantäne oder sie haben Angst, sich in Leipzig bei einem Großereignis anzustecken." Die Pandemie verläuft unterschiedlich in den einzelnen Bundesländern – oder anders gesagt: Sachsen läuft hinterher in der Welle. Es gab auch unterschiedliche Projektionen, was Mitte März hier auf dem Messegelände wirklich sein wird. Und das lässt sich natürlich nicht wegzaubern oder wegreden.

Das ist am Ende eine Projektion, die man hat – wir hatten eine klare und haben eine klare. Andere Verlage haben es anders gesehen und haben ihre Entscheidung getroffen.

Und wieso gibt es in diesem Jahr kein Begleitprogramm "Leipzig liest"? Das war ja im vergangenen Jahr ein literarischer Hoffnungsschimmer.

Man muss sich aber auch wieder erinnern, dass wir im September 2020 die Entscheidung getroffen haben, die Messe mit dem Festival in den Mai zu verlegen, vieles draußen zu veranstalten. Und das haben wir dann ja auch so gemacht, ohne Messe. Jetzt war klar: Wir organisieren die physische Messe auf dem Messegelände und es gibt diese "Leipzig liest"-Verlängerung, wie in der Vergangenheit, also dass Autorinnen und Autoren, die zur Messe kommen auch beim Festival auftreten. Diese "Leipzig liest"-Verlängerung ohne Messe anzubieten, ist in vier Wochen organisatorisch schlichtweg nicht mehr möglich. Und auch parallel ist das nicht möglich, alle Eventualitäten mit der Mannschaft, die uns zur Verfügung steht, und auch mit dem Investment, was uns zur Verfügung steht - und das ist bestimmt nicht gering - umzusetzen.

Die Messe ist der Kern. Von der Messe geht das Festival aus. Wenn es keine Messe gibt, kann es auch kein Festival geben.

Das Gespräch hat Thomas Bille für MDR KULTUR geführt.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Februar 2022 | 07:10 Uhr