Architektur Deutsche Nationalbibliothek Leipzig: ein Tempel der Literatur

Die Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig wurde 1912 als Deutsche Bücherei gegründet. Sie ist das nationale Archiv des deutschen Schrifttums. Nach der Wiedervereinigung wurde sie mit der Deutschen Bibliothek in Frankfurt fusioniert. Der Leipziger Standort ist jedoch der weitaus größere – und mit einem Bestand von rund 40 Millionen Medien die größte Bibliothek Deutschlands. Bei einem Besuch kann man die unterschiedlichsten Lesesäle aus verschiedenen Epochen erleben.

geisteswissenschaftlicher Lesesaal der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig 4 min
Bildrechte: Deutsche Nationalbibliothek, Stephan Jockel

Kommt man in den  großen Lesesaal der Deutschen Nationalbibliothek, dann betritt man eine wahrhafte Kathedrale des Lesens. Die spektakuläre Halle hat eine Höhe von sage und schreibe zehn Metern – und umrahmt wird sie von mächtigen Bücherregalen aus edelstem  Holz.

Stephanie Jacobs ist die Leiterin des Deutschen Buch- und Schriftmuseums der Deutschen Nationalbibliothek – und sie ist vor allem bezaubert von der Magie des Lichts: "Wir haben an die 200 Lesesaal-Lampen. Das flimmert ein bisschen grün, man erinnert sich, wenn es dunkel wird, ein bisschen an Glühwürmer in einer großen Wald-Atmosphäre", so Jacobs. Zusätzlich gäben Oberlichter dem Saal etwas Künstlerisches. Dadurch entstehe eine riesige Atelier-Situation: "Wir haben hier wirklich von der Atmosphäre eine Geistes-Halle", findet Jacobs.

Lesesaal Naturwissenschaften der Deutschen Nationalbibliothek
Der Lesesaal Naturwissenschaften der Deutschen Nationalbibliothek mit seinen wertvollen Bauhaus-Stühlen Bildrechte: Deutsche Nationalbibliothek, Stephan Jockel

Es ist eine Halle aus dem Geist des 19. Jahrhunderts – und die grandiose Raumverschwendung befördert auch die Höhenflüge des Geistes. Ganz anders sieht es einen Raum weiter aus. Da gerät man mit einem Mal in den kühl-sachlichen Kosmos der Moderne. 

Es ist der Bauhaus-Saal – und der hat den diskreten Charme einer Maschinenhalle. Hier gibt es verchromte Balustraden, dazu Leselampen mit Industrie-Flair. Vor allem aber gibt es hier eine Kollektion von Hundert Original Freischwingern aus der Bauhaus-Zeit. Doch als sie angeschafft wurden, gab es heftige  Zweifel.

Das Mobiliar wäre heute unbezahlbar

Dabei seien die Stühle damals gar nicht im Sinne der industriell-gestalterischen Neuerung aufgestellt worden, erzählt Jacobs: "Die Fragestellung war: Die wippen ja, als Freischwinger – werden die Leser verrückt, hier in diesem Raum? Das war das Problem, was die Direktoren damit verbanden."

Heute kann man nur froh sein, dass diese mittlerweile unbezahlbare Sammlung von Original- Bauhaus-Freischwingern erhalten geblieben ist. Denn in der Welt des 21. Jahrhunderts sind sie längst zu Ikonen geworden.

Lesesaal des Deutschen Musikarchivs der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig.
Im Musik-Lesesaal lässt sich unter dem Tisch eine Klaviatur herausziehen. Bildrechte: Deutsche Nationalbibliothek, Stephan Jockel

Und dieser Geist des digitalen Zeitalters weht jetzt auch in einem neueren Bibliotheksraum. Es ist der Musiklesesaal des Deutschen Musikarchivs. Das ist eine Mischung aus Lounge und Labor, mit Flokatiteppich und  weißen Möbeln mit runden Kanten, und da fühlt man sich durchaus auch erinnert an die Ästhetik eines iPad. Und hier gibt es ein ganz besonderes Angebot.

Zum einen können sich Musikliebhaber hier natürlich Partituren ausleihen, also Noten. Wer ein Stück zusätzlich hören möchte, bestellt es und bekommt es dann digital auf die Kopfhörer. Zugleich lässt sich unter dem Tisch eine Klaviatur herausziehen, auf der man die Musik dann sogar selbst begleiten oder nachspielen kann.

Mehr als nur ein Ort zum Lesen

Ob hypermodernes Musikarchiv oder Kathedrale der Bücher – die Deutsche Nationalbibliothek verkörpert ganz unterschiedliche Lesewelten vom frühen  20. bis zum 21. Jahrhundert. Und zugleich ist es eine Zeitreise von der analogen in die digitale Ära. Es ist ein ganz eigener Kosmos jenseits des Alltags – und überall herrscht eine Atmosphäre der Konzentration und der Stille.

Lesesaal des Deutschen Musikarchivs der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig.
Das Deutsche Musikarchiv bietet modernste Arbeitsplätze. Bildrechte: Deutsche Nationalbibliothek, Stephan Jockel

Doch das bedeutet noch lange keine Einsamkeit und Isolation, wie Stephanie Jacobs erzählt: "Man denkt ja, in der Bibliothek, da gehen die hin, nehmen ihr Buch und lesen einsam. Aber nein!"

Neueste Untersuchungen zur Aufenthaltsqualität von Bibliotheken hätten deutlich gezeigt, dass dort auch das Gespräch gesucht werde, das gemeinsame Kaffeetrinken und sogar "dass das Verlieben gesucht wird", so Jacobs. Auch in der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig, das hätten Recherchen gezeigt, sei schon so manche Ehe angebahnt worden. Das ist der beste Beweis für die geheime Erotik des Lesens.

Lesesaal für Geisteswissenschaften in der Deutschen Nationalbibliothek
Blick von der Galerie in den Lesesaal für Geisteswissenschaften Bildrechte: Foto: Deutsche Nationalbibliothek, Stephan Jockel

Architektur und Stadtbild

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Februar 2021 | 18:05 Uhr

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