Literaturempfehlung Leipziger Lyrikerin Ulrike Draesner besticht mit ihren Wort-Symphonien

Ulrike Draesner leitet seit 2018 das Deutsche Literaturinstitut Leipzig und wurde zuletzt mit dem Großen Preis des Deutschen Literaturfonds 2021 ausgezeichnet. Sie hat bereits Romane, Essaybände, Hörspiele und Übersetzungen publiziert – und natürlich auch Gedichtbände. Mit ihrem nun erschienenen Gedichtband "hell und hörig" liefert sie den Leserinnen und Lesern auf eine unkonventionelle Art und Weise Einblicke in ihr bewegtes Leben in den vergangenen 25 Jahren.

Ulrike Draesner, Mitglied der Berliner Akademie der Künste
Die Schriftstellerin Ulrike Draesner. Bildrechte: IMAGO / gezett

Ursprünglich wollte Ulrike Draesner die wissenschaftliche Laufbahn einschlagen. Nach ihrem Studium der Germanistik promovierte sie über Wolfram von Eschenbachs "Parzival". 1993 hängte sie jedoch ihren Job am philologischen Institut der Universität München an den Nagel und widmete sich zielstrebig ihren literarischen Ambitionen. Zwei Jahre später debütierte sie bei Suhrkamp mit dem Lyrikband "Gedächtnisschleifen". Später publizierte sie preisgekrönte Romane wie "Mitgift" oder "Kanalschwimmer", kehrte aber regelmäßig zu ihren poetischen Ursprüngen zurück. Davon zeugt ihre jetzt erschienene Gedichtsammlung "hell & hörig", die durch waghalsige Experimente fasziniert.

Ulrike Draesner nahm sich bekannte Avantgardisten als Vorbilder

Für die unkonventionellen Texte dienten namhafte Avantgardisten als Inspirationsquellen, angefangen bei den Dadaisten um Hans Arp und Kurt Schwitters bis hin zur Wiener Gruppe, zu der Ernst Jandl und Friederike Mayröcker gehörten. Ähnlich wie die Büchner-Preisträgerin Elke Erb meidet Ulrike Draesner in ihren bestechenden Versen reguläre Formen.

Kühn bricht sie klassische Muster auf, jongliert mit Silben, verwirbelt Vokabeln zu Wortsymphonien, betätigt sich als Sprachalchimistin. Aber es sind nicht bloß solche exotischen Saltos, die an ihren Strophen fesseln. Besonders nahe rückt einem die Künstlerin dort, wo sie über sehr konkrete Momente ihres Lebens reflektiert, etwa über den Schulstart ihrer Tochter:

"ich gebe dir zucker den guten start / als wärst du ein pferd dir die sporen / zu verdienen. so sagt man noch? / genossen die zukunft, stoffbespannt. / wir lassen es, sage ich zu dir: kleben. / wir lassen ein band es umgeben / und nahm als muster den elefanten / das dickhäutige frauengeführte tier."

Cover von Ulrike Draesners neuem Gedichtband mit dem Titel "hell und hörig"
Das Cover von Ulrike Draesners neuem Gedichtband mit dem Titel "hell und hörig". Bildrechte: Penguin Verlag

Ulrike Draesners Gedichtauswahl enthält neben bereits veröffentlichten Texten eine Reihe ungedruckter Arbeiten aus den Jahren 1995 bis 2020. Untergliedert ist der Band in elf Abschnitte, die durch imponierende essayistische Bindeglieder fest miteinander verschweißt sind. Aus diesen Überleitungen erfährt der Leser zum Beispiel, dass die Autorin erst mit dem Reimen begann, nachdem sie etliche Monate in Großbritannien gewohnt und nur englisch geredet hatte.

Der Leipziger Auwald als Inspiration

Heute lehrt Ulrike Draesner am renommierten Leipziger Literaturinstitut und philosophiert, inspiriert durch ihre Umgebung, über den einzigartigen Auwald, der sich als grünes Band durch die Messestadt erstreckt:

"rundum blühte scharbockskraut / grabenveilchen in den trog des krans gehievt wir ins / sonnengeflecht: die weite des waldes. wipfelgrün / wogenmeer erstsprache lichtsauger überallsprache / chemie die auf ein körper aus lücke und wiederholung / tausend einzelwesen gesetzt muster irregel."

Die Skyline von Leipzig ist 2020 am Horizont über den Wipfeln des Leipziger Auwaldes zu erkennen.
Der Auwald in Leipzig. Bildrechte: dpa

Ein ehrlicher Blick auf die eigene Vergänglichkeit

Lust an der Innovation bestimmt den Takt von Ulrike Draesners beschwingter Lyrik. Die Kreativität der Verfasserin wirkt beeindruckend, obwohl sich Schatten über ihrem Dasein ausbreiten, denn die Endlichkeit des Lebens zeichnet sich ab. Der tägliche Blick in den Spiegel gestattet ihr keinen Zweifel daran, doch sie resigniert keineswegs, sondern macht die nüchterne Erkenntnis zum Thema einer mit herrlicher Ironie gewürzten Selbstbefragung:

"nun wo ich alt werde sehe ich haare in meinem gesicht / nicht nur deutlicher sondern auch weiß – gescheckt wäre / mein bart schwarz weiß grau – so eine wäre ich / als mann. wir reden nicht darüber einzig eine schweizerin / erzählte wie sie jede woche – sich einen streifen wachs / auf die oberlippe klebt und reißt das schwarze zeug.“

Mehr Informationen zum Buch Ulrike Draesner: "hell & hörig. Gedichte 1995–2020"
Erschienen im Januar 2022 im Penguin Verlag
272 Seiten
ISBN: 978-3-328-60225-5
Preis: 24 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. Februar 2022 | 07:40 Uhr

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