"Liegen - Eine Übung" Liegen als Zeichen des Protests: Neuer Essay der Leipziger Autorin Heike Geißler

Klimawandel, Aktionen der "Letzten Generation" und die Fußball-WM in Katar – es ist nicht leicht, eine Haltung zur Gegenwart und ihren Ungerechtigkeiten zu finden. Die Leipziger Schriftstellerin Heike Geißler fragt sich in ihren Texten oft, wie man ihr am besten gegenübertritt. Ihr neues Buch "Liegen" hat einen Vorschlag: sich einfach mal hinlegen. Das Essay folgt auf die Romane "Die Woche" und "Saisonarbeit". Ein kluger Text auf halber Strecke zwischen Prosa und Lyrik, findet unser Kritiker.

Heike Geißler
Heike Geißler wurde 1977 in Riesa geboren. Bildrechte: dpa

Wer Kinder hat (oder einen Hund) kennt das Phänomen: Wenn sie nicht mehr weiterwollen oder partout keine Lust auf irgendwas haben, dann legen sie sich einfach hin. So ähnlich könnte man sich doch auch mal der chaotischen Gegenwart entziehen: Einfach hinlegen gegen Klimakatastrophe, soziale Ungerechtigkeit, Pandemie, Rechtsruck. Das schlägt zumindest die Leipziger Schriftstellerin Heike Geißler in ihrem literarischen Essay "Liegen – Eine Übung" vor.

Wie schon in ihrem letzten, viel beachteten Roman "Die Woche" lotet sie aus, wie kompliziert es ist, eine Haltung zur Gegenwart und all ihren Ungerechtigkeiten zu finden. Denn so drängend das Gefühl ist, dass es so nicht weitergehen kann, so bequem ist das eigene Leben dann halt doch irgendwie. Geißler findet für diesen Zustand des Zauderns genauso poetische wie pointierte Bilder und Szenen. Auf eine Bemerkung über den Klimawandel lässt sie ihre Erzählerin erwidern, ihr Gegenüber solle das Wort nicht erwähnen. Als sie sich einer Frau aus dem Bankenviertel in den Weg legt, steigt diese einfach über die Liegende hinweg.

Haltung zu Protest

Dieser Zustand, von dem Geißler erzählt, ist hochaktuell: Auf der einen Seite stehen Zaudern und Zurückhaltung derjenigen, die wissen, dass sie protestieren müssten. Auf der anderen Seite steht das Gefühl, dass alles eh nichts bringt und dass man ja auch irgendwie keine Umstände machen will. Dieses Moment des Zauderns findet sich in jeder aktuellen Debatte wieder, sei es um die Aktionen der "Letzten Generation" oder die Frage, wie man mit einer Fußball-WM in Katar umgehen soll.

Heike Geißler erzählt davon wie immer mit Witz, Verspieltheit und großer Leichtigkeit. Wie schon ihre letzten Romane "Die Woche" und "Saisonarbeit" ist auch "Liegen" formal schwer einzuordnen: Es passiert zwar viel, aber meistens wird gelegen und in dieser Position der Welt begegnet. Geißler spielt dabei verschiedene Gründe fürs Liegen durch: Protest, Erschöpfung, Besiegtsein. Es kein Spoiler, wenn man verrät, dass auch das Liegen nicht vor dem unguten Gefühl schützt, das einem der Blick aus dem Fenster oder in die Zeitung beschert.

Fazit: Überraschend und elegant

Ursprünglich war "Liegen" als Hör-Essay für den SWR entstanden. Es gibt längere Zitate aus anderen Büchern, es gibt Passagen, die wie Strophen wirken und dann wieder längere Prosastrecken. An vielen Stellen scheint es fast so, als hätte sich der Text auf halber Strecke zwischen Prosa und Lyrik hingelegt.

So oder so ist "Liegen – Eine Übung" ein kontinuierliches Nachdenken, das immer wieder überraschend und elegant aus seinen Widersprüchen heraustänzelt – ein kluger Essay eben. Und wie spielerisch Heike Geißler dabei von den Konflikten unserer Gegenwart erzählt, ist in jedem Fall ein Erlebnis.

Auf dem Cover von Heike Geißlers "Liegen" verschwimmt blaue Farbe.
Bildrechte: Verlag Rohstoff

Mehr Informationen Heike Geißler: "Liegen – Eine Übung"
Verlag Rohstoff
133 Seiten, Broschur
Preis: 12 Euro
ISBN: 978-3-7518-7004-7

Redaktionelle Bearbeitung: Simon Bernard

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. November 2022 | 18:00 Uhr

Mehr MDR KULTUR