Neu übersetzt "Maurice Guest": Australische Autorin erzählt von der Musikstadt Leipzig um 1900

Die Autorin Henry Handel Richardson gilt als eine der Begründerinnen der modernen australischen Literatur. Viel Lob bekam sie schon 1908 für ihren ersten Roman "Maurice Guest", in dem sie ihre Studienjahre am Leipziger Konservatorium der Musik literarisch verarbeitete. In Deutschland war der so gut wie vergessen. Die Connewitzer Verlagsbuchhandlung hat den Roman von Henry Handel Richardson vor vielen Jahren wiederentdeckt und neu übersetzen lassen.

Das Königliche Konservatorium der Musik in Leipzig
Historisches Bild des Leipziger Musik-Konservatoriums Bildrechte: imago/Arkivi

Leipzig um 1900: Die Stadt ist erst auf dem Weg zur Musikmetropole mit weltweiter Strahlkraft. Und doch hat sich ihr Ruf bereits bis nach Australien herumgesprochen. Immerhin hat die junge Australierin Henry Handel Richardson hier am Konservatorium studiert und wäre wohl Konzertpianistin geworden, wenn sie sich nicht für eine literarische Laufbahn entschieden hätte.

Cover "Maurice Guest" 4 min
Bildrechte: Connewitzer Verlagsbuchhandlung

Henry Handel Richardson studierte Musik in Leipzig und verarbeitete ihre Studienzeit 1908 in dem Roman "Maurice Guest". Nun wurde der zeitlose Roman neu übersetzt. Eine Kritik von Tino Dallmann.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 13.01.2021 18:00Uhr 04:23 min

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Ein Engländer in Leipzig

In ihrem Debütroman "Maurice Guest" griff sie die Erlebnisse aus ihrer Studienzeit auf: Sie lässt den Titelhelden, einen jungen Engländer, in Leipzig ankommen. Der wird von seinen ambitionierten Karriereplänen ziemlich schnell abgelenkt, denn die Begegnung mit einer jungen Frau lässt ihn nicht mehr los:

Auszug Erst hatte Maurice Guest das Mädchen gegenüber teilnahmslos angesehen, doch schon bald tat er es mit einem Interesse, das schnell zu Intensität wurde und fieberhaft wuchs, bis er die Augen nicht mehr von ihr losreißen konnte. Die Schönheit, die ihn so fesselte, war von jener subtilen Art, die manch einen kalt lässt, aber offenbar genau deshalb denen zum Verhängnis wird, die auf ihren Charme anspringen: Sie sind es, die ihre geballte Kraft zu spüren bekommen.

Musikalischer und expressiver Text

Konzerthaus Leipzig und Mendelsohn-Denkmal 1911
Leipziger Konzerthaus Bildrechte: imago images/Artokoloro

Auf mehr als 800 Seiten erzählt Henry Handel Richardson von der Beziehung zwischen Maurice und Louise, die von Beginn an unter keinem guten Stern steht. Zu unterschiedlich sind der zurückhaltende Engländer und die australische Femme fatale, die schon zahlreiche andere Verehrer hat. Passend zum Gefühlsrausch von Maurice ist auch der Roman rauschhaft erzählt. In unzähligen Details hält er das damalige Leben in Leipzig fest und beschreibt Spaziergänge in Parks, Konzerte oder Besuche in Cafés. Man spürt, dass die Autorin etwas wagen will, auch sprachlich, sagt Übersetzer Stefan Welz: "Henry Handel Richardson schreibt eigentlich nicht sehr musikalisch, sie schreibt fast modernistisch. Ihre Syntax ist manchmal willkürlich, ist sehr expressiv. Das finde ich sehr interessant. Wir haben versucht, das nicht zu glätten."

Die erste deutsche Übersetzung erschien 1912 im S. Fischer Verlag und versuchte den Roman etwas gefälliger erscheinen zu lassen, erzählt Stefan Welz. Vor über zehn Jahren hat er die englische Originalfassung von "Maurice Guest" in einer Bibliothek entdeckt und sich dann mit seinem Co-Übersetzer Fabian Dellemann an die Arbeit gemacht. In der neuen, nun kompletten Fassung sind die gesellschaftlichen Konventionen, mit denen Maurice kämpft, beinahe auf jeder Seite spürbar. Er muss beachten, wer ihn in welche Kreise einführt und wann ihm eine Frau zum ersten Mal die Hand geben will.

Auszug In diesem Augenblick erschien ihm das gesamte Gesellschaftsgefüge von einer unerträglichen Gekünsteltheit. Hier war jemand, ein verwandtes Geschöpf, das ihn mehr anzog als jedes andere auf Erden; jemand, den er möglicherweise "Freund" nennen könnte; dessen Seelenleben er allein durch Einfühlungsvermögen verstehen würde: Und zwischen ihnen erhob sich ein unüberwindbares Hindernis aus Konventionen.

Sachsen: Plump, aber musikalisch begabt

"Maurice Guest" ist ein Liebesroman und ein Leipzig-Roman, bei dem vor allem Musikliebhaber auf ihre Kosten kommen werden. Ausführlich beschreibt die Autorin eine Wagner-Oper, den Unterricht am Konservatorium und wie dort unterschiedliche Musikauffassungen aufeinandertreffen. Mit den Sachsen selbst hat Henry Handel Richardson übrigens auch gehadert: "Sie bezeichnet die Sachsen häufig als plump, ein wenig zurückgeblieben. Gleichzeitig lobt sie die Sachsen, dass sie so musikalisch sind. Sie staunt, dass die Sachsen wie kein anderes Volk die Musik im Blut hätten und sich wie kein anderes Volk so über Opern und komplizierte kompositorische Fragen unterhalten wie andere über Pferdewetten", meint Welz.

Henry Handel Richardson
Die beiden Übersetzer Fabian Dellemann (links), Stefan Welz (rechts) und Verleger Peter Hinke (Mitte) Bildrechte: Connewitzer Verlagsbuchhandlung

Was im Roman fehlt, ist Kritik an den der deutschen Politik – und das obwohl das Kaiserreich und das Empire Rivalen waren, als der Roman Anfang des 20. Jahrhunderts erschien. Kämpfe werden hier nur zwischen den Geschlechtern ausgetragen. Es macht den Roman erstaunlich modern, wie hart in ihm mit der Verachtung und Unterdrückung von Frauen hart ins Gericht gegangen wird. Ihn nach so langer Zeit wieder lesen zu können, ist ein wirklicher Glücksfall.

Cover "Maurice Guest"
Bildrechte: Connewitzer Verlagsbuchhandlung

Angaben zum Buch "Maurice Guest" von Henry Handel Richardson
Roman in zwei Bänden
Connewitzer Verlagsbuchhandlung
860 Seiten
Preis: 50 Euro
ISBN: 978-3-937-799254

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. Januar 2021 | 18:10 Uhr

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